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Ostholstein Neue Diskussion um NS-Straßennamen
Lokales Ostholstein Neue Diskussion um NS-Straßennamen
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23:30 26.05.2016
Nicht allein ein Heiligenhafener Problem: Einen Agnes-Miegel-Weg gibt es auch in Pönitz. Quelle: Peter Mantik

Was verbirgt sich hinter den Namen Agnes Miegel, Ina Seidel und Gustav Frenssen? Allen drei Personen wurde eine braune Vergangenheit im Nationalsozialismus nachgewiesen. Und nach diesen drei umstrittenen Schriftstellern sind noch heute Straßen in Heiligenhafen benannt. SPD, Grüne und FDP hatten Thorsten Harbeke, wissenschaftlicher Doktorand der Uni Flensburg, eingeladen, um Licht ins Dunkel zu bringen.

 

Straße in Heiligenhafen, benannt nach einem Nazi. Quelle: Mantik

Rund 100 Interessierte, darunter auch viele Stadtvertreter, waren gekommen, um sich über die historischen Fakten zu informieren. Der Referent erklärte eingangs: „Straßennamen werden nicht für die Ewigkeit vergeben.“ Zu Gustav Frenssen erklärte er: „In den 1920er Jahren entwickelte er sich zu einem antisemitischen Autor.“ Harbeke trug Auszüge aus den Schriften Frenssens vor, kündigte diese Zeilen als „unappetitlich“ an. Frenssen verfasste diverse Hitlerverehrungen.

Ähnliches Bild bei Ina Seidel. Harbeke: „Frau und Krieg waren die Themen der Autorin.“ Sie habe eindeutig zur Riege der NS-Autoren gezählt. Das Gedicht „Lichtdom“ sei der eindeutigste Beleg für den von ihr gelebten Führerkult. Zitat: „Hier stehen wir alle einig um den Einen, und dieser Eine ist des Volkes Herz.“ Seidel zeigte sich nach Kriesgende zumindest in Ansätzen selbstkritisch.

Für Agnes Miegel gilt ebenfalls, dass sie zur Riege brauner Autoren zählte. Sie distanzierte sich im Gegensatz zu Seidel nach 1945 nicht von ihren kriegsverherrlichenden und antisemitischen Schriften. Alle drei Autoren haben sich aus freien Stücken zur NS-Ideologie bekannt.

Dann wäre da noch Hermann Löns, nach dem ebenfalls eine Straße in der Warderstadt benannt ist. Löns starb zwar 1914 im Ersten Weltkrieg, gehört aber in das selbe Milieu wie die übrigen drei Autoren.

In seinem Werk finden sich diverse Belege, dass er literarisch zu den NS-Wegbereitern zählte.

Es folgte eine Diskussionsrunde. Ein Bürger merkte an, das Ina Seidel das Bundesverdienstkreuz erhalten habe. Laut Harbeke entlaste dies aber nicht die Autorin von ihren Schriften.

Dr. Theo Siebel (SPD) gestand: „1990 hob ich im Stadtparlament die Hand für die Straßenbenennung mit Ina Seidel und Agnes Miegel, weil uns die Quellen fehlten, die diese negativen Bezüge herstellten.“ Kopfschütteln im Saal.

Bürger Hartmut Krämer forderte: „Wir brauchen jetzt Politiker, die den moralischen Willen haben, diese Straßennamen zu ändern.“ Eine Bürgerin, die im Gustav- Frenssen-Weg wohnt, erklärte dazu: „Wir verlieren doch unsere Identität.“ Hierzu fragte Dr. Hasso Bergande aus dem Publikum: „Nachdem Sie nun wissen, wer Gustav Frenssen war, wollen Sie da in einer nach ihm benannten Straße leben?“

Achselzucken.

Hartmut Krämer: „Die Stadt hat die Benennung zu verantworten. Sie sollte auch die Kosten für die Umbenennung tragen.“

Fazit Dr. Siebel: „Ich bin nun gut informiert, kann jetzt in die politische Diskussion einsteigen.“ Dies brachte Frank Borner auf den Plan. „Herr Siebel, ich bin erschüttert.“ Er zerriss symbolisch seine Kippa und warf sie Dr. Siebel zu Füßen. Dieser jüdische Brauch steht für Wut, Trauer und Zorn.

Das Problem mit belasteten Straßennamen hat Heiligenhafen nicht allein. Auch in Pönitz gibt es einen Agnes-Miegel-Weg. Nun ist es an der Heiligenhafener Politik, einen Kurs zu bestimmen.

Peter Mantik

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