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Ostholstein Ostsee bleibt ein „Bombengrab“
Lokales Ostholstein Ostsee bleibt ein „Bombengrab“
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21:37 14.10.2017
Spektakulär: Zwei Wasserbomben aus dem Zweiten Weltkrieg sind 2013 in der Ostsee gezielt gesprengt worden. Quelle: Fotos: Dpa
Ostholstein

„Bombengrab“ wird die Ostsee mitunter genannt, und wer Oliver Kinast eine Weile zugehört hat, der weiß, warum. „Durchschnittlich werden 100000 Stück Munition pro Jahr in Schleswig-Holstein gefunden – nur aus dem Zweiten Weltkrieg“, sagt der Leiter des Kampfmittelräumdienstes (KRD) des Landes. Am häufigsten sei Handwaffen-Munition, gefolgt von Granaten. Erst vor Kurzem sei bei Bauarbeiten in der Timmendorfer Strandallee eine Zehn-Zentimeter-Granate entdeckt worden, berichtete Kinast und überraschte damit die Mitglieder des Timmendorfer Bauausschusses. Die hatten den Experten für Explosives für einen Vortrag zur Munitionsbelastung der Lübecker Bucht geladen – für die Küstenorte ein großes Thema, das nicht an Brisanz verliert.

Hunderttausende Tonnen Munition liegen auf dem Grund der Ostsee. Die Beseitigung wird noch Jahrzehnte dauern, schätzen die Fachleute. Der Kampfmittelräumdienst des Landes hat für Strandbesucher ein Informationsblatt zu potenziell gefährlichen Funden entworfen.

Touristeninfo

„Handlungsempfehlungen“ bei Munitionsfunden am Strand sind in einem Faltblatt zusammengefasst, das über das Landesportal (www.schleswig-holstein.de) und dort über Landespolizei – LKA- Kampfmittelräumdienst – Touristeninformationen zu finden ist.

Dabei spielt die sogenannte verklappte Munition eine große Rolle, vor allem in Nord- und Ostsee. Dort sollen laut Kinast insgesamt 1,6 Millionen Tonnen Munition lagern, das Innenministerium vermutet in der Ostsee etwa 300000 Tonnen. Die Munition wurde im Auftrag der Alliierten versenkt, liegt aber nicht nur in den Gebieten, die als „Versenkungsgebiet“

markiert sind, etwa vor Neustadt, sondern wahrscheinlich auch schon auf dem Weg dorthin von Travemünde aus. Das Material sei bereits unterwegs zum Teil von Bord geworfen worden, heißt es. Und es ist so reichlich vorhanden, dass die Ostsee von einem Nato-Verband als Übungsgebiet genutzt wurde, sagt Kinast, „die wollten unter Echt-Bedingungen suchen“.

Der KRD hat einen sechs Mann starken Tauchtrupp, der dort aktiv ist, wo akute Gefahr besteht oder wo Schiffsverkehr herrscht (Kinast: „Wenn ein Anker auf Munition geworfen wird, ist er unter Umständen schneller wieder oben als er unten war.“). Böse Überraschungen gibt es immer wieder. So hievten Niendorfer Fischer vor gut einem Jahr mit ihrem Fang die Reste eines V-1-Sprengkopfes an Deck, von dem aber glücklicherweise keine große Gefahr mehr ausging.

Schlimme Folgen haben jedoch einige Phosphor-Funde am Strand gehabt. „Phosphor ist ein echtes Problem, auch wir können ihn rein äußerlich nicht von Bernstein unterscheiden“, meint Kinast: „Er ist weiß, gelb, braun oder durchsichtig und kann alle möglichen Formen und Größen aufweisen.“ So erlitt ein älterer Herr im Januar 2014 schwere Verbrennungen: Er hatte bei Hohenfelde einen „Stein“

eingesammelt und ihn in die Hosentasche gesteckt. Es war weißer Phosphor, der sich entzündete. Der Mann verklagte später die Gemeinde wegen Verletzung der Verkehrssicherungspflicht – erfolglos.

„Sammeln: ja – aber nicht in die Tasche stecken“, lautet dazu der Rat des KRD-Leiters. Phosphor brenne, sobald er trocken sei, „auch in einer Tüte oder einem Behälter, aber dann brennt er eben nicht am Körper“. Weitere Empfehlungen für den Umgang mit gefundener Munition – zum Beispiel: liegen lassen, eventuell mit Sand abdecken, Fundort markieren – sind in einem Faltblatt für Strandbesucher zusammengefasst, das die Gemeinden herunterladen, ausdrucken und verteilen können.

Die Munition in der Ostsee werde den KRD „noch über Jahrzehnte beschäftigen“, glaubt Kinast. Wertvolle Hilfe könnten Roboter leisten: Anfang 2016 ist ein Projekt des Landesumweltministeriums gestartet, das mit 3,2 Millionen Euro gefördert wird. Ziel ist es, „den Prototyp einer Maschine zu entwickeln, die am Meeresgrund Munition vollautomatisch unschädlich macht und umweltgerecht entsorgt“. Für die Experten vom KRD wäre das eine enorme Arbeitserleichterung und im Extremfall lebensrettend. „Ungefährliche Munition gibt es nicht“, betont Kinast.

 Sabine Latzel

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