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Ostholstein „Plattdeutsch besteht nicht nur aus Döntjes“
Lokales Ostholstein „Plattdeutsch besteht nicht nur aus Döntjes“
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21:26 02.01.2018
Heinrich Evers engagiert sich seit Jahrzehnten für die plattdeutsche Sprache. Seit 2013 ist er Ostholsteins erster Plattdeutschbeauftragter. Quelle: Foto: Rosenkötter

Zum Auftakt eine provokative Frage: Reicht es nicht aus, wenn alle Menschen Hochdeutsch sprechen?

Immer mehr junge Menschen entdecken die plattdeutsche Sprache für sich. Ein Erfolg besonders von Heinrich Evers, Ostholsteins Plattdeutsch-Beauftragter. Er bietet seit 2012 Sprachkurse an. Im Interview spricht er über die Gründe und seine Motivation, die Sprache weiter zu verbreiten.

Nein. Wir dürfen die Wurzel nicht vergessen. Hochdeutsch ist aus Niederdeutsch entstanden, es fand eine Lautverschiebung statt. Wichtig ist aber auch: Plattdeutsch besteht nicht nur aus Döntjes.

Sie haben schon als Kind platt gesnackt? Wer hat es Ihnen beigebracht?

Meine Eltern und Großeltern haben untereinander und mit Freunden und Nachbarn sehr viel Plattdeutsch gesprochen, mit uns Kindern jedoch nicht. Aber ich habe Platt immer im Ohr gehabt und wenn ich für meine Eltern Blumen auf den umliegenden Dörfern ausgeliefert habe, haben die meisten Menschen mit mir Platt gesprochen. Richtig sprechen gelernt habe ich Plattdeutsch aber erst nach der Schulzeit.

Später haben Sie die Gärtnerei übernommen und Jahrzehnte betrieben. Nebenbei haben sie das Lexikon „Platt för Plietsche“ erstellt? Wie viele Einträge hat es mittlerweile?

42633. Los ging es mit den Namen von Blumen, es sind über 5500. Dann gab es immer mehr Anfragen, was dieses oder jenes Wort auf Plattdeutsch heiße. Da habe ich 2004 das Wörterbuch auf der Seite der Neustädter Schützengilde eingerichtet. Täglich gibt es zwischen 2500 und 3000 Aufrufe.

Im kommenden Jahr geben Sie acht Plattdeutsch-Kurse in Neustadt, Lensahn und Klingberg. Wie erklären Sie sich die steigende Nachfrage?

Der Bedarf ist da. Wir leben hier in einem Kreis, in dem viel für die plattdeutsche Sprache getan wird. So sind die Ortsschilder in Neustadt und Großenbrode zweisprachig und am bundesweiten Vorlesetag Mitte November gab es gleich elf Veranstaltungen auf Plattdeutsch. Zudem biete ich regelmäßig Fortbildungen für Kindergärtnerinnen und Mitarbeiter in Kitas an. Hinzu kommt, dass die Kursteilnehmer stets viel Spaß haben.

Ihre „Schüler“ werden immer jünger. Sie erreichen jetzt auch die Mitvierziger. Woran liegt dies?

Viele Menschen wollen Plattdeutsch nicht nur verstehen, sondern auch sprechen können. Andere kommen, weil sie sich in einer Gilde engagieren und da wird meist Plattdeutsch gesprochen.

Sollte Plattdeutsch ihrer Meinung nach Pflichtschulfach werden?

Die Unesco hat Plattdeutsch als Minderheitensprache anerkannt. Das Land Schleswig-Holstein hat 29 Modellschulen eingerichtet, an denen Plattdeutsch unterrichtet wird – bei uns in Grube und Landkirchen. Ich bin dafür, das Angebot auszubauen. Philologen haben herausgefunden, dass Kinder, die mit Nieder- und Hochdeutsch aufwachsen, später auch besser Englisch, Französisch und Latein lernen.

Sie haben Platt schon mehrfach als Kulturgut bezeichnet. Warum?

Wenn Sie sich alte Urkunden anschauen, dann sind die alle auf Niederdeutsch verfasst. Viele Folkloregruppen pflegen alte Tänze, Trachten, Lieder und eben die plattdeutsche Sprache. Zudem ist sie wie schon gesagt wesentlicher Bestandteil der Schützengilden.

Welches plattdeutsche Wort mögen Sie besonders gerne?

Ich kenne so viele Wörter. Die Sprache fasziniert mich einfach. Da gibt es Begriffe wie „Möösch“, die kann man einfach nicht ableiten. Auf Hochdeutsch ist es Waldmeister. Zudem freue ich mich immer über neue Wörter, die in keinem Lexikon stehen. Lexikon heißt auf plattdeutsch übrigens Nokixel. Die Buchstaben sind verdreht, ein Zufall? Hinzu kommen die vielen nette Wörter wie „snuteln“ – ein Verb das beschreibt, dass zwei Snuten (Münder) aufeinandertreffen.

 Von Sebastian Rosenkötter

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