Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein Polizei warnt vor Teppichbetrügern
Lokales Ostholstein Polizei warnt vor Teppichbetrügern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 15.04.2019
Für eine angebliche Teppichreinigung verlangten Mitglieder einer süddeutschen Großfamilie von einem Eutiner Rentner mehr als 1000 Euro. Quelle: Marco Mayer/stock.adobe.com
Eutin

Die drei Männer vor der Tür hielten Paul Großmann (Name geändert) den Werbezettel unter die Nase. Er sei ihm vor wenigen Tagen doch sicher auch ins Haus geflattert. Der allein lebende Rentner erinnerte sich vage. Gern halfen die Männer ihm weiter auf die Sprünge: „Eine große Wasch-Aktion für Teppiche, sogar mit 25 Prozent Rabatt.“ Der sonst eher misstrauische 87-Jährige ließ die wortgewandten Männer herein. Sie nahmen einen kleinen bekleckerten Teppich aus dem Esszimmer mit. Wenige Tage später brachten sie ihn zurück und die Rechnung gleich mit: 1140 Euro sollte der Rentner bezahlen.

Der Sohn verwaltet das Geld für den Vater

Pech für die Männer, Glück für Paul Großmann: Der Rentner hatte kein Bargeld im Haus. Geldangelegenheiten regelt sein Sohn für ihn. Großmann versprach, ihm Bescheid zu geben. Die Männer zogen mit dem Teppich wieder ab. Großmann junior allerdings rief unter anderem Namen in der Teppichwäscherei in Lübeck an und erkundigte sich, zu welchem Preis er dort einen industriegefertigten Teppich in der Größe 2,40 mal 1,50 Meter reinigen lassen könne. Für 18,50 Euro pro Quadratmeter inklusive Mehrwertsteuer, so die Auskunft. Macht für 3,6 Quadratmeter Teppich 66,60 Euro.

Polizeibeamte warteten schon vor der Tür

Beim nächsten Termin erschienen zwei Männer. Der Teppich, den sie vorlegten, war jedoch nicht der, der ihnen zur Reinigung mitgegeben worden war – wovon sie Vater und Sohn Großmann aber hartnäckig zu überzeugen versuchten. Die wollten den Besuch nur noch beenden. Die Männer sollten den falschen Teppich mitnehmen, den richtigen behalten und ihre sogenannte Rechnung – ohne Rechnungs- und Finanzamtsnummer, mit handschriftlich aufgekritzelter Iban-Nummer – auch. Vor der Tür stand bereits die Polizei, die Großmann junior vorab verständigt hatte. Ebenfalls in Warteposition, auf der Straße im Auto: zwei weitere Mitarbeiter der Teppichwäscherei.

Viele Varianten der Teppichwäsche-Masche

Geschichten wie diese kennt Michael Ohle in zahlreichen Varianten. Er ist Sicherheitsberater für Senioren im Kreis Ostholstein und versucht, ältere Menschen vor Situationen zu bewahren, wie sie Paul Großmann erlebt hat. „Lasst die Tür zu, geht nicht auf Haustürgeschäfte ein“, rät er. Dass diese noch nicht verboten seien, könne er nicht nachvollziehen.

Michael Ohle ist seit zwei Jahren Sicherheitsberater für Senioren. Es macht ihn wütend, wenn ältere Menschen über den Tisch gezogen werden sollen. Quelle: Ulrike Benthien

Die Teppich-Reinigung sieht Ohle „als Eintrittskarte“. Meist würden die Männer, die erfahrungsgemäß einer Organisation, einem Clan angehörten, schon damit Geld machen. „Aber es geht vielmehr darum, ein Haus auszukundschaften“, sagt er. Zwei oder drei Personen würden versuchen, den Bewohner abzulenken und in ein Verhandlungsgespräch zu verwickeln, während ein oder zwei andere sich im Haus umsähen oder schon etwas mitgehen ließen. „Manchmal wird auch kurz nach einem solchen Besuch eingebrochen“, erzählt der Sicherheitsberater.

Senioren-Adressen sind innerhalb von Clans Geld wert

Es gehe den Männern in erster Linie um die Adressen alleinstehender älterer Menschen. „Die gucken, wo hilflose Personen sind, die sie ,rasieren’ können. Diese Adressen werden in ihren Kreisen weitergegeben, zum Teil werden dafür hohe Prämien gezahlt. Dann probiert man da mal den Enkeltrick, den falschen Polizeibeamten, weitere Haustürgeschäfte.“ Auch über den Ankauf von Gold oder Pelzmänteln versuchten Clans an betagte Menschen heranzukommen, so Michael Ohle. „Wer kauft denn heute noch alte Pelzmäntel“, fragt er und klärt gleich über die Absicht auf: „Wo der Pelzmantel hängt, liegt unten die Geldkassette.“

Vorträge in Senioren-Einrichtungen

Michael Ohle ist 65 Jahre alt und ehemaliger Vorstand eines medizintechnischen Betriebes. Seit 2017 ist er Sicherheitsberater für Senioren. Ein Nachbar habe ihn für die Tätigkeit empfohlen, der Präventionsrat in Kiel habe ihn daraufhin gebeten sich zu bewerben, erzählt er. Das tat er – nicht, weil ihm der Ruhestand zu langweilig war, sondern „weil es mich unheimlich nervt, dass die Schwächsten reihenweise beschissen werden“. In einem Lehrgang in Kiel seien ihm seine Kenntnisse vermittelt worden. Jetzt halte er beispielsweise beim DRK und in Seniorenheimen Vorträge. „Es gibt regelmäßig Planungstreffen mit anderen Sicherheitsberatern und Polizeibeamten. Da tauschen wir uns aus, etwa darüber, welche Straftaten gerade besonders häufig vorkommen“, schildert er.

Paul Großmanns Sohn hat als dessen Betreuer Anzeige wegen Wuchers erstattet. Den Polizeibeamten in Lübeck, die sich mit Straftaten zum Nachteil älterer Menschen (SÄM) befassen, sind die Namen der Männer aus einer Großfamilie in Süddeutschland, die den Pensionär in Eutin besucht haben, schon länger geläufig. „Wir haben ein Augenmerk auf sie. Allerdings liegen im Raum Lübeck keine Strafanzeigen vor“, sagt Polizist Jörg Schmitt. Seine Kollegin Anja Schmidtke und er raten Senioren dringend, keine Fremden ins Haus zu lassen. „Da darf man ruhig mal unhöflich sein“, ermutigt Schmidtke ältere Menschen, entschlossen aufzutreten.

Senioren werden unter Druck gesetzt

Die Polizeibeamten wissen aber auch, wie solche Clans arbeiten: „Schon dadurch, dass zwei oder drei Männer vor der Tür stehen, wird gewaltiger Druck bei den Senioren aufgebaut.“ Haustürgeschäfte liefen häufig darauf hinaus, dass Ältere ihre Ware nicht zurückbekämen oder nur gegen horrende Forderungen, oder dass sie viel Geld für minderwertige Arbeit zahlen sollten. „Lassen Sie sich auf solche Geschäfte nicht ein“, sagt Anja Schmidtke an Senioren gerichtet. „Seriöse Teppichreiniger kommen nicht an die Tür und bieten ihre Leistung an wie Sauerbier. Sie warten, dass man sich bei ihnen meldet.“

Hier gibt es Rat

Sieben Sicherheitsberater für Senioren sind im Kreis Ostholstein und Lübeck tätig. Kontakt zu ihnen stellen die Polizeidienststellen her. In Bad Schwartau bietet Sicherheitsberater Axel Gieseler, ehemaliger Polizeibeamter, an jedem zweiten Mittwoch im Monat zwischen 10 und 12 Uhr eine Sprechzeit im Haus der Senioren, Eutiner Straße 4b, an.

Ulrike Benthien

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

57 Mitarbeiter sorgen an Bord der Scandlines-Fähre „Schleswig-Holstein“ für reibungslose Abläufe. Ihr Arbeitsplatz pendelt täglich mehrmals zwischen Puttgarden auf Fehmarn und Rødby hin und her.

14.04.2019

Auf dem Frohberghof in Eutin haben die Hühner ein mobiles Zuhause. Alle 14 Tage wird es auf eine frische Wiese umgeparkt. Den Wünschen nach Bio-Eiern zu Ostern können die Bauersleute kaum nachkommen.

14.04.2019

Seit 1962 gibt es das Juweliergeschäft Lindner in dem Ostseebad – doch zum Juni dieses Jahres hören Mike Lindner und seine Frau Susanna auf. Das Geschäft machte nach einem Raubüberfall sogar bundesweit Schlagzeilen. Wie es für Laden und Mitarbeiter weitergeht, erzählt der Inhaber.

14.04.2019