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Ostholstein Putlos: Notaufnahme für 800 Flüchtlinge
Lokales Ostholstein Putlos: Notaufnahme für 800 Flüchtlinge
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00:36 09.09.2015
70 Flüchtlinge wurden gestern von der Polizei am Oldenburger Bahnhof empfangen. Sie durften schließlich weiter nach Dänemark reisen. Quelle: Binder
Oldenburg

Ostholstein bekommt eine neue Notunterkunft für Flüchtlinge. Bis zu 800 Asylbewerber sollen künftig auf dem Truppenübungsplatz Putlos untergebracht werden. Oldenburgs Bürgermeister Martin Voigt (parteilos) spricht von einer „besorgniserregenden Größenordnung für eine Kleinstadt“. Er kritisiert vor allem, dass die Landesregierung Kreis und Kommunen vor vollendete Tatsachen gestellt habe. „Mit uns wurde im Vorfeld nicht gesprochen“, bemängelt der Verwaltungschef. Auch Landrat Reinhard Sager (CDU) war gestern Mittag nach eigener Aussage noch nicht über die Pläne des Landes informiert.

Ostholstein bekommt eine neue Notunterkunft für Flüchtlinge. Bis zu 800 Asylbewerber sollen künftig auf dem Truppenübungsplatz Putlos untergebracht werden.

Zunächst sah es so aus, als würden die ersten Flüchtlinge schon gestern in Putlos aufgenommen werden. Rund 70 Menschen aus dem Irak, aus Syrien und Eritrea fuhren nach einem Zwischenstopp in Lübeck mit dem Zug weiter nach Oldenburg (siehe Titelseite). Ein Großaufgebot an Polizei empfing die Flüchtlinge am hiesigen Bahnhof; Busse standen bereit, um sie nach Putlos zu bringen. Ein Großteil der Betroffenen weigerte sich jedoch, mitzufahren. Sie wollten nach Dänemark oder Schweden, viele von ihnen, um dort ihre Familien wieder zu treffen.

„Wie komme ich nach Dänemark?“ fragt ein Mann aus dem Irak immer wieder. Verzweifelt deutet er ein ums andere Mal auf sein Zugticket nach Kopenhagen. Seine Familie warte auf ihn, sagt er, er wolle hier weg. „Sie sagen, wir dürfen nicht über die Grenze“, erzählt ein Jüngerer. Er wisse nicht, wie es jetzt weitergeht, er habe Angst. Ob auch er zu seiner Familie reisen möchte? Er habe keine Familie, lautet die Antwort. Er habe einen Bruder gehabt, doch der sei erschossen worden. „Ich kann nicht in mein Land zurück“, sagt der Iraker. Er müsse sich ein neues Zuhause suchen. In Dänemark hofft er, das zu finden.

Auch am Lübecker Bahnhof protestierten die dort verbliebenen Flüchtlinge stundenlang gegen den Transport in die Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster. Nachmittags dann die gute Nachricht: Alle insgesamt 200 Flüchtlinge durften schließlich nach Skandinavien ausreisen.
Oldenburgs Verwaltungschef rechnet dennoch damit, dass jederzeit auch in Putlos die ersten Flüchtlinge einziehen.

Das Deutsche Rote Kreuz und die Polizei waren gestern schon auf dem Truppenübungsplatz, um sich auf die Aufnahme der Hilfesuchenden vorzubereiten. Die Bundeswehr hat Übungen abgebrochen und die entsprechenden Quartiere geräumt. Sie sollen durch einen Bauzaun vom militärischen Gelände getrennt werden. Es sei das erste Mal, dass genutzte Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt würden, berichtet Bundeswehr-Sprecher Ullrich Burchardi, bisher habe sich die „Amtshilfe“ ans Land auf leerstehende Kasernen beschränkt.

Bei Bürgermeister Voigt löste die Nachricht gestern „große Besorgnis“ aus. 800 Flüchtlinge seien im Verhältnis zu 10 000 Einwohnern enorm viel; „da kommen in Bezug doch Ängste auf“. Die Hilfsbereitschaft der Oldenburger sei sehr groß, betont Voigt. Die Kommune habe sich nie über die Flüchtlingsunterkunft in Lübbersdorf beschwert, viele Bürger würden Asylbewerber ehrenamtlich unterstützen. Gerade deshalb sei es jedoch wichtig, die Bevölkerung mitzunehmen, so der Bürgermeister, „aber wenn wir selbst keine Infos vom Land bekommen, können wir auch keine weitergeben“. Unzählige Fragen seien unbeantwortet; „wir wissen nicht, was uns erwartet“, so Voigt.

Beim Innenministerium wollte man sich gestern nicht äußern. Während die Bundeswehr die Quartiere räumte und das DRK anrückte, hieß es dort, die Überlegungen seien „noch nicht spruchreif“.

Von Jennifer Binder

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