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Ostholstein Schierbaums letzte Tage am See
Lokales Ostholstein Schierbaums letzte Tage am See
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21:16 14.09.2013
Auch Netze und Reusen verkauft Fischwirtschaftsmeister Henning Schierbaum (56). Sein Urgroßvater Albert Schierbaum bekam 1898 die Fischereirechte für den Hemmelsdorfer See. Quelle: Foto: S. Latzel

„Frische Aale aus dem Rauch/sind ein Labsal für den Bauch./Kaufst du sie bei Schierbaum ein/schmecken sie besonders fein.“ Es mag kein höchstbegabter Dichter gewesen sein, der diese Worte einst in die massive Holztafel gravierte, die im Fischgeschäft Schierbaum an der Wand hängt. Aber die schlichten Verse sprechen gewiss unzähligen Kunden aus der Seele, die den Räucherfisch zu schätzen wissen, den die Familie Schierbaum seit Jahrzehnten am Hemmelsdorfer See herstellt und verkauft. Geräuchert werden soll auch weiterhin an dem lauschigen Plätzchen direkt am Wasser, aber nicht mehr von Schierbaums. Deshalb ist Ausverkauf angesagt, und das ist eine ziemlich traurige Angelegenheit.

Zu der an diesem Dienstagvormittag auch noch leider das trübe Wetter passt. „Bis Ende September muss alles weg sein, dann wird abgebaut und abgerissen“, sagt Henning Schierbaum und guckt in den Nieselregen hinaus, wo massive Holzbänke unter Pagodenzelten stehen und einige Stockenten ziellos im See herumpaddeln. „Ungünstig“ sei der Zeitpunkt für das Ende seines Betriebes, meint der 56-Jährige, „zehn Jahre später wäre besser gewesen.“

Der letzte Pachtvertrag lief bis zum 31. März dieses Jahres, berichtet er, wurde von der Gemeinde aber noch einmal um ein halbes Jahr verlängert. „Klar musste ich mich irgendwie darauf einstellen, dass ich dann alles hier abwickeln muss“, meint der Fischwirtschaftsmeister. „Aber nach über hundert Jahren fühlt es sich trotzdem ein wenig so an, als würde man mich vor die Tür setzen.“

Ab Oktober soll der neue Fischerei-Erlebnishof entstehen, ein ehrgeiziges 2,7-Millionen-Euro-Projekt. Damit endet die Ära Schierbaum, die 1898 begann, als Albert Schierbaum die Fischereirechte für den Hemmelsdorfer See bekam. „Aal, Zander, Hecht, Karpfen, Barsch“, zählt sein Urenkel Henning auf, was hauptsächlich in den Netzen und Reusen landet. „Das Räuchern hat aber erst mein Vater Walter eingeführt, in den 60er-Jahren, und er hat auch den Laden und alles Weitere aufgebaut.“ Die seltenen Altonaer Öfen der Schierbaums in der Räucherkate sollen bleiben — würden sie ausgebaut, wäre es vermutlich schwer, eine neue Genehmigung für diese traditionelle Art des Räucherns mit Buchen- und Erlenholz zu bekommen.

Diese Öfen sollen auch in der neuen, gläsernen Räucherei des Erlebnishofes zu sehen sein. Henning Schierbaum aber nicht: Gesucht wird ein Pächter für das Gesamtprojekt mit Restaurant, Einzelhandel, Bootsvermietung und Fahrradstation. „Für die Räucherei allein hätte ich mich ja beworben“, so Schierbaum. „Aber Restaurant kann ich nicht.“ Jetzt werde der „Generationsbetrieb von heute auf morgen eingestampft — „das muss ich wohl hinnehmen“.

Das Gelände sei in den vergangenen Jahren stark vernachlässigt worden, sagt Joachim Nitz, Tourismuschef der Gemeinde Timmendorfer Strand. „Dort muss etwas passieren, und auch die Dorfschaft hat immer wieder darauf gedrängt.“

Ein einziger Pächter für alles sei gewünscht, weil es einfacher sei, nur einen Ansprechpartner zu haben — der allerdings einzelne Bereiche durchaus unterverpachten könne.

Im Kühltresen liegen derzeit noch geräucherte Rollmöpse, Heilbuttschwänze, Butterfisch und Sprotten, und in der Räucherkate zieht Fischwirt Detlef Herbst Makrelen, Forellen und Schillerlocken aus dem Ofen. Bis Sonntag, 22. September, läuft der Betrieb weiter. „Räumungsverkauf am 24. und 25.9.“ steht auf einer Fensterscheibe. Einige seiner sechs Mitarbeiter hätten schon neue Jobs, so Schierbaum, andere würden aber noch danach suchen. Er selbst weiß noch nicht, wie es weitergehen soll. „Ich muss im Oktober das Bootshaus und die Werkstatt abreißen. Und dann mache ich erst einmal Urlaub.“

„Henning, da ist jemand am Telefon, wegen des kleinen Holzbootes, das du bei Ebay-Kleinanzeigen reingesetzt hast“, ruft eine Verkäuferin. Fischerei-Equipment habe er auch schon verkauft, sagt Henning Schierbaum, „alte Netzkugeln aus Glas und Fisch-Stecher“. Nicht alles soll weg, „der urige Charakter des Geländes soll erhalten bleiben“, erklärt Tourismuschef Nitz. Die aufgeschnittenen Fischer-Kähne zum Beispiel, in denen die Gäste geschützt und gemütlich sitzen können, sollen in den neuen Fischereihof integriert werden. „Nicht alle“, sagt Henning Schierbaum: „Einen behalte ich selber.“

Aale als Urlaubsgruß
„Willst was Schönes du versenden/an die Lieben in der Ferne/brauchst dich nur an Schierbaum wenden/

der besorgt das schnell und gerne.

Räucheraale, frisch und fein/

für die Lieben ein Genuss/ packt er heut‘ noch für dich ein/welch ein schöner Urlaubsgruß.“
Gedicht auf einer Holztafel

Sabine Latzel

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