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Ostholstein Schlamm-Schläuche im Einsatz
Lokales Ostholstein Schlamm-Schläuche im Einsatz
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22:03 16.06.2017
Alles dicht? Projekt-Manager Samad Belmahi prüft die Geotextil-Schläuche, aus denen das gereinigte Wasser zurückläuft. Quelle: Fotos: Sabine Latzel
Timmendorfer Strand

Im alten Kurpark von Timmendorfer Strand sind mächtige Hüpfkissen aufgebaut worden, sogar bewässert, damit das Toben besonders viel Spaß macht . . . Nein, schon gut, das ist natürlich Quatsch. Zwar mögen die gewaltigen braunen Berge, die jetzt neben dem mittleren der drei Kurparkteiche aufragen, durchaus an Hüpfkissen erinnern.

Im Timmendorfer Kurpark werden die Teiche mit aufwendiger Technik gereinigt.

Fachsprache

Was passiert, formuliert die Gemeinde wie folgt: „Die Schlämme werden mit einer Förderleistung von etwa 25 Kubikmeter pro Stunde in die Geotextilschläuche gepumpt. Dabei tritt dann das freie Wasser über die Poren des Geotextilschlauches aus, und die Sedimente/Feststoffe lagern sich im Geotextilsack ab. Hier konsolidieren sie bis zur Stichfestigkeit.“

Tatsächlich sind es aber riesige Geotextil-Schläuche, mit deren Hilfe die Teiche entschlammt werden – eine aufwendige Maßnahme, für die eine niederländische Spezialfirma angerückt ist.

„Wir werden in diesen Tagen oft auf die Szenerie im Park angesprochen“, berichtet Bürgermeisterin Hatice Kara (SPD). Auffällig genug sind die von den Spazierwegen und von der Bergstraße aus gut zu beobachtenden Arbeiten ja auch. Auf dem Teich fährt den ganzen Tag lang ein Saug-Spülbagger hin und her. „Der schnorchelt sozusagen den Schlamm vom Boden“, erklärt Tiefbau-Ingenieur Michael Hasselberg vom Fachbereich Bauen der Gemeinde. Von diesem Schlamm gibt es eine Menge: Insgesamt 3500 Kubikmeter sollen aus den Kurparkteichen gesaugt werden – eine Masse, die sich seit der letzten Reinigung von 2007 durch Eintrag aus der Regenwasser-Kanalisation und durch „Biomasse“, also Blätter, Äste und abgestorbene Wasserpflanzen, auf 6000 Quadratmetern Teichsohle gebildet hat.

Schlamm und Wasser fließen über schwimmende Spülleitungen in eine hinter den Schläuchen aufgebaute Aufbereitungsanlage. Dort wird „Flockungshilfsmittel“ hineingemischt, „um Wasser und Feststoff schnell und gründlich trennen zu können“, erläutert Samad Belmahi, Projekt-Manager der ausführenden Firma „Royal Smals“. Anschließend wird das Gemisch in die Entwässerungsschläuche gepumpt, die der Laie auch „wasserdurchlässige Säcke“ nennen darf. Aus ihnen rauscht das vom Schlamm befreite Wasser unübersehbar zurück in die Teiche. Der Schlamm, der zurückbleibt, gilt laut Gemeinde als „nicht belastet“ und wird deswegen auf Ackerflächen transportiert.

Die Entschlammung kostet die Gemeinde 195000 Euro und ist keinesfalls eine rein kosmetische Maßnahme. „Die Kurparkteiche sind technische Gewässer, das wird oft vergessen“, sagt die Bürgermeisterin. Sie dienen als Regenrückhaltebecken und sollen gerade bei Starkregen das Hauptpumpwerk am Maritim-Seehotel entlasten. Das Entschlammen erhöht somit ihr Fassungsvermögen.

So weit, so gut – allerdings fänden Fische eine unfreiwillige Reise in einem Geotextil-Sack vermutlich nicht so lustig. „Ein Biologe begleitet die Arbeiten“, berichtet Hasselberg. „Er hat alle Teiche auf Fisch- und Muschelbesatz untersucht.“ Insgesamt 44000 Fische seien dann mit Hilfe von Schwachstrom zusammengetrieben und abgefischt worden, „Flussbarsche, Rotfedern, Moderlieschen und Hechte“. Darunter seien stattliche Exemplare gewesen, „der größte Hecht war 90 Zentimeter lang“. Die Tiere seien zum Teil innerhalb der Teiche umgesetzt und zum Teil in den Hemmelsdorfer See gesetzt worden. „Wir haben zudem über hundert Teichmuscheln gefunden“, berichtet Hasselberg weiter. Leider waren die unter Naturschutz stehenden Muscheln bereits abgestorben. „Nach Abschluss der Arbeiten wollen wir den Bestand aber mit Teichmuscheln aus einer Zuchtanlage ersetzen.“

Eine aufwendige Entschlammung wie die aktuelle in Timmendorfer Strand, die Ende Juni abgeschlossen sein soll, könnte in zehn Jahren wieder nötig sein, schätzt Hasselberg – „aber je nach Starkregen-Ereignissen kann es auch eher der Fall sein“. Dann werden im Kurpark erneut gewaltige Schläuche aufgebaut – die die Mitarbeiter von „Royal Smals“ ja vielleicht doch manchmal als Hüpfkissen nutzen, heimlich, im Schutz der Dunkelheit? „Nein“, weist Samad Belmahi diese Frage entschieden zurück, „das geht nicht.“ Draufklettern kann er aber, um zu prüfen, ob alles hält, das ist ja auch schon etwas.

 Sabine Latzel

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