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Ostholstein Schnürsenkelzubinder, Tröster und Fußball-Trainer in Personalunion
Lokales Ostholstein Schnürsenkelzubinder, Tröster und Fußball-Trainer in Personalunion
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20:28 14.04.2016
Klaus Scheunemann bringt den Kleinsten des TSV Heiligenhafen schon die Kunst des Kopfballspiels bei. Quelle: Fotos: Peter Mantik (4)

Lionel Messi, Panama-Papers, Fifa-Skandale, Doping-Vorwürfe, Schwalben-Theatralik, Pfauengehabe von Superstar Ronaldo und Milliardengeschäfte. Der Hamburger Stararchitekt Volkwin Marg — er baut gerade das Bernabeu-Stadion in Madrid um — sagte einst im LN-Gespräch: „Fußball hat mit Sport nichts zu tun.“

Klaus Scheunemann erreicht die Jugend mit seiner Ansprache.
„Da geht‘s lang“ — der Trainer zeigt der Jugend den Weg auf.
Echter Teamgeist: Die G-Junioren tragen die Tore selbst weg.
„Da geht‘s lang“ — der Trainer zeigt der Jugend den Weg auf.
Klaus Scheunemann erreicht die Jugend mit seiner Ansprache.

„Es geht ums Zuhören und Aufpassen, ums soziale Verhalten.“ Klaus Scheunemann, Fußballtrainer

Szenenwechsel. 180-Grad-Drehung. Klaus Scheunemann betritt den Kunstrasenplatz des TSV Heiligenhafen. Der 75-Jährige bereitet das Training der G-Junioren, der bis zu siebenjährigen Knirpse, vor. In Scheunemanns Welt spielen Ronaldo, die Fifa oder die Panama-Papers keine Rolle. „Ich bin 1947 mit sieben Jahren Mitglied im TSV geworden. Und das bin ich noch heute“, sagt er. Klaus Scheunemann ist eine Art Schlachtross des Amateurfußballs, ein Mann, der in seiner Jugend barfüßig mit einem Tennisball auf Betongrund kickte, bis die Zehen bluteten. Ein Mann, dessen Helden bis heute die 1954er Weltmeister sind und dessen Vorbilder stets einzig die Spieler aus dem eigenen Klub waren.

Die Kinder sollen mit Ball durcheinander laufen, lautet die erste Übung zum Warmmachen. Scheunemann steht mitten drin. Für ihn die schönste Nebensache der Welt. „Fußball ist mein Leben. Mein Vater sagte immer: Geh‘ auf den Sportplatz, da triffst Du Freunde.“ Bis zu seinem 25. Lebensjahr war er ein gefürchteter Linksverteidiger. „Dann war das eine Knie kaputt, ich hörte auf, denn eine Operation kam für mich nicht in Frage, weil die Ärzte mir damals nicht zusagen wollten, dass ich danach jemals wieder spielen könnte.“ Es folgten bewegte Jahre als Schiedsrichter und Trainer — letzteres bis heute.

Warum er heute noch immer mit Trainingsanzug auf dem Kunstrasen stehe? Mit der Emoticon-Generation? Weshalb er noch immer als Tröster, Schnürsenkelzubinder, Erzieher, Motivator, Ersatzvater oder auch als Hüter löblicher Werte auf dem künstlichen Grün zuguckt und kickt? „Weil es mir Freude bereitet“, sagt Scheunemann. So einfach ist das. „Und weil ich seit 25 Jahren auf einen Nachfolger warte“, schiebt er nach.

An diesem Nachmittag sind „Neymar“ und „Spiderman“ unter seinen Schülern. Dort vorn ist auch ein BVB-Trikot zu sehen und dahinten ist sogar ein Real-Madrid-Trainingsanzug ist im Gewusel zu erkennen.

Sie alle nennen ihren Trainer „Herr Scheunemann“. Klingt banal, ist aber in unserer modernen Welt eine Aussage mit Inhalt. Sobald Klaus Scheunemann seine Jungs und Mädchen zusammenruft, kommen sie im Laufschritt zu ihm, stehen im Halbkreis — und lauschen. „Es geht ums Zuhören und Aufpassen, ums soziale Verhalten. Auch das macht Fußball aus.“ Nicht zu vergessen ist diese unbeschreibliche Herzlichkeit, die von diesem Urgestein der Ballbeherrschung ausgeht.

Auf die Frage, welcher aktuelle Bundesligaspieler auf ihn Eindruck mache, folgt eine nachdenkliche Pause. „René Adler, weil er trotz seiner Klasse dem HSV selbst in schwierigen Zeiten die Treue hält“, sagt er dann. Mehr nicht. Es ginge vielen anderen schließlich nur ums Geschäft und nicht wie an diesem Sonnentag an der Ostsee um die Bewegung mit dem Ball und die reine Freude am Sport.

Es läuft das Abschlussspiel. Gelb gegen Rot. Ein wildes Durcheinander. Ein Ball, zwei Mini-Tore, viele Beine. Mittendrin hüpft eine Wollmütze mit Bommel auf und ab. „Der Kleine ist noch nicht einmal fünf Jahre alt“, sagt Scheunemann. „Der macht das schon ganz prima.“ So ein Spielchen wird schnell zur Achterbahnfahrt der Gefühle. Hier tränende Augen, da ein kerniges Geschubse, hier ein Pressschlag wie unter echten Männern, da eine laufende Rotznase. Manchmal auch ein Tor. Nach einer kurzen Manöver-Kritik ist Schluss für heute. Die Kinder sammeln Leibchen und Hütchen ein und tragen sogar als Teamarbeit die beiden Tore mit gestreckten Armen über ihren Köpfen in die Geräte-Garage. Genau das ist die Welt des Klaus Scheunemann. Auch das ist Fußball.

Von Peter Mantik

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