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Ostholstein Warum immer mehr Kinder ausrasten
Lokales Ostholstein Warum immer mehr Kinder ausrasten
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17:38 11.03.2019
Gewalttätige Kinder bereiten Schulen in Ostholstein Probleme (Symbolfoto). Zuletzt hat die Grundschule Süsel deswegen um Hilfe gerufen. Quelle: Oliver Berg/dpa
Ostholstein

Die Beobachtungen im Schulamt und bei der Polizei sind identisch. „Es gibt immer mehr Kinder, die mit einer geringen Frustrationstoleranz in die Schule kommen“, sagt Manfred Meyer, einer der beiden Schulräte in Ostholstein. Dann könne es passieren, dass sie ausrasten – manchmal verbal, manchmal körperlich. „Wir kennen Kinder, die auf nichts reagieren, da hilft keine Schulbegleitung, keine Schulassistenz, gar nichts. Diese Kinder haben offensichtlich im Elternhaus nie gelernt, sich an Regeln zu halten und Konflikte auszutragen. “

Beispiele aus Grundschulen: Würgen, Schlagen, Bedrängen

Meyer betont aber: „Wir sprechen hier von vielleicht zwei Prozent aller Kinder. Die anderen 98 Prozent durchlaufen ihre Schulzeit völlig unauffällig.“ Das bestätigt Michael Bergmann, Präventionsbeamter der Polizei in Ostholstein: „Es sind in den meisten Regionen wenige Schüler, die für einen Einsatz der Polizei sorgen. Aber es gibt teilweise eine besorgniserregende Zunahme von gewaltbereiten, immer jüngeren Kindern“, konstatiert er. Er nennt Beispiele aus Grundschulen: Mitschüler haben einem Kind den Kopf in der Tür eingeklemmt. Einem anderen haben Klassenkameraden ein Seil um den Hals gelegt und von beiden Seiten gezogen. Ein zehnjähriger Junge hat eine Mitschülerin wiederholt massiv bedrängt. Kinder haben Klassenkameraden so traktiert, dass diese ärztlich behandelt werden mussten.

Oft schwierige Familienverhältnisse

Bergmann betreut schwerpunktmäßig 7. und 8. Klassen an weiterführenden Schulen. Er war aber selbst jahrelang Jugendsachbearbeiter und steht nach wie vor in engem Kontakt mit den Jugendsachbearbeitern der Polizeidienststellen, mit Mitarbeitern von Jugendamt und Jugendhilfe und kennt das ganze Spektrum an Problemen. Die jungen Übeltäter seien insgesamt auffällig, sie stammten sehr oft aus problembehafteten Elternhäusern und seien in ihren Klassen im unteren Leistungsdrittel zu finden, sagt der Präventionsbeamte.

Präventive Wirkung durch Kooperation mit der Polizei

In der Grundschule Neustadt sei die Polizei im vergangenen Jahr acht Mal gewesen und habe Fälle von Gewalt dokumentiert. „Neustadt arbeitet nach dem Modell ,AGGAS’“, sagt Bergmann. Das ist die „Arbeitsgemeinschaft Gegen Gewalt an Schulen“. Polizei und Schule gehen dabei eine Kooperationsvereinbarung ein. Sie stehen in direktem Kontakt bei Gewalt- und anderen Taten. Ein Jugendsachbearbeiter kommt zeitnah nach einer Meldung in die Schule. „Der Vorfall wird vor Ort transparent aufgearbeitet. Davon erhofft man sich eine generalpräventive Wirkung“, erläutert Michael Bergmann.

Respekt und Lob für Schulsozialarbeiter

Die Polizei erfahre allerdings nur das, was die Schulsozialarbeit nicht auffangen könne. „Ich habe viel mit Schulsozialarbeitern zu tun – sie sind unverzichtbar.“ Das könne er auch im Namen seiner Kollegen sagen, betont Michael Bergmann. Wie Schulrat Meyer und auch dessen Kollege, Schulrat Thomas Panten, sieht der Polizeibeamte als Ursachen für die Probleme der Kinder deren Eltern. „Sie haben oft kaum Zeit, sind mit ihrem Handy beschäftigt. Kinder müssen heute teilweise irrsinnig viel tun, um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu erregen“, fasst Bergmann seinen und den Eindruck vieler Jugendsachbearbeiter zusammen.

Datenbank „Gewalt an Schulen“

Das Bildungsministerium hat das Thema „Gewalt an Schulen“ schon länger im Blick. Zum Beginn des Schuljahrs 2018/19 ist eine Datenbank eingerichtet worden, an die Schulleitungen alle Ereignisse melden, die mindestens einen schriftlichen Verweis zur Folge hatten. Das betrifft physische und psychische Gewalt jeglicher Motivation.

„Wir wollen nicht nur wissen, wie oft es zu Gewalt kommt und wer davon betroffen ist, sondern auch mehr über die Hintergründe erfahren“, sagt Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Derzeit würden die Daten gesammelt, ausgewertet werden solle nach einem Jahr Laufzeit, sagt Ministeriumssprecherin Patricia Zimnik.

„Wir erreichen wir die Eltern?“ ist für ihn die zentrale Frage. Jegliche Prävention sei zum Scheitern verurteilt, wenn das nicht gelinge. Auch dabei liegt er mit dem Schulamt auf einer Linie. Die Mütter und Väter, an die man herankommen wolle, würden sich häufig nicht zu Elternsprechstunden einfinden, auch Elternabende weiterführender Schulen seien nach seinen Erfahrungen durchschnittlich von zehn bis 15 Prozent der Eltern besucht, sagt Michael Bergmann.

„Eltern möchten Erziehungsverantwortung abgeben“

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sei vielen Eltern mehr und mehr das intuitive Erziehungsverhalten abhanden gekommen, sagt Teelke Thiemann-Rauscher, Kreisfachberaterin Schulische Erziehungshilfe. „Sie möchten ihre Erziehungsverantwortung abgeben. Wenn mein Kind sich in der Schule nicht benimmt, ist das nicht meine Schuld, ist ihre Einstellung.“ Dabei versuchen Schulleitungen schon auf den vorbereitenden Elternabenden vor der Einschulung deutlich zu machen, was erwartet wird: „Ich mache die Eltern darauf aufmerksam, dass sie dafür zu sorgen haben, dass ihr Kind beschulbar ist. Es muss wissen, was ,Stop’ und ,Halt’ heißen – und dass Erwachsene ihm etwas zu sagen haben“, sagt Swantje Popp-Dreyer, Leiterin der Grundschule Süsel.

Die Grundschule Süsel hat um Hilfe gerufen: Es gebe immer mehr gewaltbereite Schüler. Mit mehr Schulsozialarbeit soll gegengesteuert werden.  Quelle: Ulrike Benthien

Mehr als 350 Schulbegleitungen im Kreis

Statistiken führt das Schulamt zu auffälligen Kindern nicht. Allerdings hat die Zahl der Schulbegleitungen zugenommen, 2018 wurden 351 bewilligt. Und das Schulamt registriert in den Klassenstufen 1 und 2 „deutlich mehr Schüler mit herausforderndem Verhalten“. Teelke Thiemann-Rauscher sieht auch „einen deutlich stärkeren Ausprägungsgrad. Wir müssen fragen, warum regiert ein Kind so. Hat es akute Probleme oder ziehen sie sich wie ein roter Faden durch sein bisheriges Leben? Und dann muss man die Lebenszusammenhänge betrachten. Oft liegen die Schwierigkeiten in vorschulischer Zeit“, sagt die Pädagogin. Schuldzuweisungen sollten aber unterbleiben, sagt Thomas Panten: „Wir müssen die Eltern als verantwortungsvolle Partner an die Schule andocken.“

Aggressive Schüler – ein Fall für Eltern, Lehrer oder Sozialarbeiter? Das sagen die Fachleute zum Thema:

Ulrike Benthien

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