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Sechs Wochen im Einsatz für Flüchtlinge in Seenot

Neustadt Sechs Wochen im Einsatz für Flüchtlinge in Seenot

Frank Rogatty von der Bundespolizei in Neustadt war Einsatzleiter vor Samos im Mittelmeer – Den LN erzählt er von der Aufgabe, Menschen in seeuntüchtigen Booten zu retten.

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Frank Rogatty an seinem Arbeitsplatz. Gestern startete er zu einer mehrtägigen Kontrollfahrt auf der Ostsee.

Quelle: Fotos: Rosenkötter, Bundespolizei See (2)

Neustadt/Samos. Sechs Wochen Dienst, fast nur Nachtschichten, hunderte gerettete Flüchtlinge. Aber auch Tote. Seit dem 27. Februar sind deutsche Bundespolizisten vor Samos unterwegs. Ihr Revier befindet sich im Osten der griechischen Insel. Ihre Aufgabe ist die Sicherung der Grenzen. Auftraggeber ist die europäische Grenzschutzagentur Frontex. Kommandant und Einsatzleiter Frank Rogatty hat sich freiwillig gemeldet. Trotz einer Horrornacht will er noch in diesem Jahr zurück ins Mittelmeer.

LN-Bild

Frank Rogatty von der Bundespolizei in Neustadt war Einsatzleiter vor Samos im Mittelmeer – Den LN erzählt er von der Aufgabe, Menschen in seeuntüchtigen Booten zu retten.

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Die Sicherung der Grenzen

Die Beamten der Bundespolizei See werden mindestens noch bis Jahresende vor Samos im Einsatz sein.

Frontex ist eine Grenzschutzagentur der Europäischen Union. Die Mitglieder stellen das Personal – auch für den Einsatz im Mittelmeer.

Eine Reportage über den Einsatz der Neustädter Bundespolizisten gibt es in der ZDF-Mediathek.

Die LN treffen den 48-Jährigen auf dem Neustädter Wieksberg. Hier plant die Bundespolizei See ihre Einsätze. Rogatty gilt als erfahrener Kamerad. 1984 geht er zum damaligen Bundesgrenzschutz, wechselt fünf Jahre später in die maritime Abteilung. „In meiner Familie waren fast alle Fischer oder Marinesoldaten“, erklärt der Scharbeutzer. Auslandseinsätze sind für ihn keine Seltenheit. In Saudi Arabien, Katar und Benin hilft er bei der Ausbildung der dortigen Küstenwache. Zwischen 2003 und 2004 ist Rogatty als Beobachter vor den Kanaren eingesetzt. Seeuntüchtige Boote, mit Frauen und Männern aus Nordafrika an Bord, gehören dazu.

Diese Erfahrungen, psychologische Vorgespräche und Übungen – auch in der Lübecker Bucht – helfen ihm, sich auf die Zeit vor Samos vorzubereiten. Rogatty gehört zu den ersten deutschen Bundespolizisten, die Schleuser jagen, Menschenleben retten und hautnah erleben, wie Flüchtlinge Opfer Krimineller werden. „600 bis 1800 Euro bezahlen sie für die Überfahrt von der Türkei“, sagt Frank Rogatty. Er erzählt von acht Meter langen Schlauchbooten, in denen 45 bis 75 Personen sitzen. Das ist lebensgefährlich und die Rettungswesten sind es meist auch. „Wir sprechen von ,death jackets’. Die sind mit Zeitungspapier oder so gefüllt und retten nicht.“

All dies hat Rogatty nicht überrascht. „Es war klar, was uns erwartet. Wir sind für Einsätze in einem internationalen Brennpunkt ausgebildet“, betont er. Die Versorgung von verletzten und dehydrierten Kindern, Frauen und Männern aus Ländern wie Syrien und dem Irak sind Alltag. Rogatty sagt, dass Professionalität und nicht irgendein Helfer-Syndrom entscheidend seien.

„Bis zum 9. April ist niemand mehr ertrunken. Darauf bin ich ein Stück weit stolz“, so Frank Rogatty. Doch: Die letzte Nachtschicht ändert alles. Um 5 Uhr morgens ruft die griechische Küstenwache an, meldet einen Notfall. Die „Uckermark“ und die „Börde“ – so die Namen der beiden Bundespolizei-Schiffe – sind schnell an der Unglücksstelle. „Aus dem Steuerhaus heraus habe ich ganz schlimme, laute Schreie gehört. Sie kamen von überall. Eine Frau, die wir an Bord geholt haben, rief immer wieder, dass ihr Sohn stirbt. Das war der Horror“, erinnert sich Rogatty. Stunden später steht fest, dass fünf Menschen gerettet, drei tot geborgen wurden und fünf vermisst werden.

Dann ist die Schicht vorbei. Die sechs Wochen sind um. Bevor es zurückgeht, tauschen sich die Einsatzkräfte aus. „Das ist ganz wichtig, damit es nicht zu einer Traumatisierung kommt. Wir müssen den Druck rausnehmen. Es sind reichlich Tränen geflossen“, so Rogatty. Zurück in Neustadt folgt die psychologische Nachbereitung. Zwei Dinge bleiben: Die Frage, warum das Boot der 13 Flüchtlinge gekentert ist. Und die Erkenntnis, dass hunderte Menschen gerettet wurden.

Sebastian Rosenkötter

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