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Ostholstein Sexualtherapie statt Gefängnis für 26-jährigen Angeklagten
Lokales Ostholstein Sexualtherapie statt Gefängnis für 26-jährigen Angeklagten
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22:01 08.02.2016

Der Eutiner Amtsrichter Otto Witt sprach gestern nach fast dreistündiger Verhandlung auch im Namen von Pflichtverteidiger und Staatsanwalt. „Dies ist für uns alle kein einfaches Verfahren“, sagte er und urteilte „ein Jahr und neun Monate“. Dasselbe Maß hatte zuvor der Staatsanwalt gefordert. Die Strafe wird für drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt, ein Bewährungshelfer wird dem Verurteilten zur Seite gestellt, eine sexualtherapeutische Behandlung wird angeordnet.

Angeklagt war ein 26-Jähriger aus der Gemeinde Bosau. Ihm wurde vorgeworfen, in 19 Fällen kinderpornografische Fotos und Videos verbreitet zu haben. Zumeist hatte es sich dabei um Aufnahmen mit Kindern, zum Teil auch um Sex mit Tieren gehandelt. Außerdem ging es um vier Fälle von Beleidigung und um einen Fall von Exhibitionismus.

„Die Frauen müssen mich für einen grausamen Menschen halten.“

Angeklagter im Gericht

Witt sprach von der „eigentlichen Frage“ und formulierte: „Können wir es riskieren, ihn rauszulassen und nicht reinzunehmen?“ An den Angeklagten gewandt, kündigte er an: „Wenn wir das Gefühl haben, dass irgendetwas nicht so passiert, wie wir es vorhaben, dann sind Sie schneller im Knast als Sie gucken können.“

Es gehe vordergründig „nur“ um Beleidigungen, dafür aber um Beleidigungen mit einem ganz bestimmten Hintergrund, erläuterte Witt. Der Angeklagte hatte Anfang September vergangenen Jahres ein zehnjähriges Mädchen in Malente sowie zwei junge Frauen in der Gemeinde Süsel aus seinem Auto heraus angesprochen und ihnen 50, 70 oder 100 Euro für den Fall angeboten, dass sie mit ihm Sex haben. In einem Fall soll er seinen Unterleib entblößt gehabt haben, so die Anklage. Die Angesprochenen, so Witt, hätten bis heute noch Angst. Und sie fühlten sich in ihrer Ehre verletzt, da ihnen unterstellt worden sei, sie würden gegen Geld sexuelle Handlungen vornehmen.

Der Angeklagte war geständig und hielt bei den Aussagen der Zeuginnen seinen Blick stets gesenkt. So hörte er einer 16-Jährigen zu: „Ich bin schon immer vorsichtig gewesen. Jetzt aber bin ich es eine Spur mehr.“ Sie gehe nicht mehr alleine zur Schulbus-Haltestelle, sondern nur noch gemeinsam mit ihrer jüngeren Nachbarin.

Nach 45 Minuten sagte der Mann: „Ich schäme mich gerade in Grund und Boden. Die Frauen müssen mich für einen grausamen Menschen halten.“ Später antwortete er auf Fragen des Richters: „Ich bereue die Taten total und weiß nicht, warum ich es gemacht habe. Ich bin wohl krank und brauche ein bisschen Hilfe.“ Er sei „fast ein ganzes Leben lang“ arbeitslos und beziehe Hartz IV. Eine Maurerlehre brach er ebenso ab wie eine Ausbildung zum Dachdecker, denn in beiden Fällen stimmten die schulischen Leistungen nicht.

In den Tagen vor den Taten habe er wieder einmal vorgehabt, sich das Leben zu nehmen. Er wollte mit dem Auto gegen einen Baum fahren, denn: „Mit der Arbeit lief es nicht, und zu Hause gab es nur Ärger.“ So lasse sein Vater ihn immer wieder wissen: „Wer arbeitslos ist, ist nichts wert.“

Über Kindheit und Jugend des Angeklagten berichtete auch eine Gutachterin aus Lübeck. Sie schilderte ihn als einen heterosexuellen Mann mit normalen sexuellen Wünschen und geringem Selbstwertgefühl.

Der 26-Jährige habe noch keine Freundin und somit auch keine echten sexuellen Kontakte gehabt. „Er erfüllt seine sexuellen Phantasien virtuell“, so die Expertin. Sie hatte ihm nach den Untersuchungen zwei Adressen für psychologische Beratungsstellen mit Therapiemöglichkeiten mitgegeben. „Eine Therapie wäre eine Chance, aber keine Garantie“, sagte sie vor Gericht. Dieses Angebot hatte der Angeklagte in den vergangenen Wochen nicht genutzt. Er hatte auch keinen Kontakt zu seinem Pflichtverteidiger aufgenommen und begründete dies mit den Worten: „Ich gehe davon aus, dass ich sowieso im Knast lande. Wozu brauche ich da einen Anwalt?“

Christina Düvell-Veen

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