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Ostholstein Sexueller Missbrauch: Hohe Dunkelziffer in Ostholstein
Lokales Ostholstein Sexueller Missbrauch: Hohe Dunkelziffer in Ostholstein
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22:22 22.10.2013
Dagmar Jahn, Diplom-Sozialpädagogin der Beratungsstelle Notruf, holte das Stück nach Neustadt und hilft Mädchen ab 14 Jahren. Quelle: Fotos: ser
Neustadt

Ein 17-Jähriger lernt eine Elfjährige kennen. Sie freunden sich an. Der Junge stellt sich sogar der Mutter vor, gibt an wie ein großer Bruder für die Tochter zu sein. Die beiden unternehmen viel miteinander. Dann passiert das Schreckliche: Der Jugendliche missbraucht das Mädchen sexuell. Die Tat geschah dieses Jahr, irgendwo in Ostholstein.

Dagmar Jahn kennt viele Fälle wie diese. Sie kennt die Leidensgeschichten von Jungen und Mädchen, die sich nicht wehren konnten. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet seit 13 Jahren für die Frauenberatungsstelle Notruf. „Mein Anliegen war es von Beginn an, Prävention in Schulen zu tragen, und zwar in jede. Früher war Missbrauch ein Tabuthema, heute öffnen sich die Türen“, sagt Dagmar Jahn.

Kein Wunder, dass Jahn stolz darauf ist, die Macher des interaktiven Theaterstücks „Trau dich!“ nach Neustadt zu holen. Am Montag, 4. November, wird das Stück zur Prävention gegen sexuellen Missbrauch in der Aula der Jacob-Lienau-Gemeinschaftsschule zwei Mal aufgeführt. Mehr als 500 Schüler und Lehrer aus ganz Ostholstein sowie Jugendliche des Oldenburger Förderzentrums Kastanienhof werden erwartet. Das Stück soll Kindern einen möglichen Umgang mit schwierigen Situationen aufzeigen und zu ihrer Selbstbestimmung beitragen. Der Fokus liegt auf der Information, Stärkung und Förderung von Kindern. Rechte, Gefühle, Vertrauen und Grenzen sollen dargestellt werden.

„Ziel ist es, Kinder anzusprechen, ohne sie zu verängstigen. Dazu ist die Theaterpädagogik sehr gut geeignet“, betont Jahn. Vor allem weil man davon ausgehen müsse, dass auch bei der Aufführung von Missbrauch betroffene Kinder und Jugendliche dabei seien, so Wilfried Kahl (Kinderschutzbund). Positiv sei zudem, dass die Initiative auch darauf bedacht sei, Lehrer zu schulen, damit diese Missbrauchsanzeichen erkennen.

Dass sich Schulen in der Vergangenheit nicht hinreichend um die Thematik gekümmert haben, beklagt Michaela Grave, Schulleiterin der Grundschule Neustadt. „Wir als Schulen waren relativ blind. Dabei ist es ein Fehler, sexuellen Missbrauch unter den Tisch zu kehren. Jede Schule hat Missbrauchsfälle. Die einen schweigen, die anderen tun etwas dagegen.“

Dass sexueller Missbrauch auch in Ostholstein ein großes Problem ist, belegen die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik. Allein 2012 wurden 25 Fälle angezeigt, davon fünf an Kindern unter sechs Jahren. 21 davon waren Mädchen. „Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer sogar zehn bis 15-mal so hoch ist“, sagt Jahn.

Viele der Fälle würden nicht angezeigt, da die Opfer und die Familien Angst vor der seelischen Belastung durch die strafrechtliche Verfolgung haben. Es geht um ein hochsensibles Feld. „Wir bewegen uns in den Gefühlen der Opfer“, so Kahl.

Neustadts Bürgermeisterin Tordis Batscheider (SPD) betont, dass sexueller Missbrauch alle gesellschaftlichen Schichten betreffe. „Es ist wichtig, das Thema offen anzusprechen, aus der Tabuzone zu holen und Opfer nicht alleine zu lassen“, so Tordis Batscheider.

Eben diese Bewusstseinsentwicklung forciert auch Angelika Wohlert vom Amt für Soziale Dienste des Kreises Ostholstein. „Missbrauch muss raus aus dem Geheimnisbereich“, sagt sie. „Kinder müssen Dinge als merkwürdig empfinden dürfen und müssen wissen, dass sie dies mitteilen dürfen. Manchmal wissen sie gar nicht, welche Handlungen nicht erlaubt sind.“

Hier gibt es Hilfe
Eintritt finanziert: Die Bürgerstiftung Ostholstein und der Kreis Ostholstein stellen je 500 Euro für die Aufführung des Stückes zur Verfügung. So kann der Eintritt finanziert werden.


Hilfe: Missbrauchsopfer finden unter anderem beim Kinderschutzbund Ostholstein, den Beratungsstellen der Diakonie, den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanzen sowie den offenen Sprechstunden des Jugendamtes Hilfe. Diese sind kostenfrei und auf Wunsch anonym.


Nummer gegen Kummer: Junge Menschen können die 0800/111 03 33 anrufen und erhalten dort Hilfe.

Sebastian Rosenkötter

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