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Sierksdorfer plädiert für neue Wege im Strafvollzug

Sierksdorf Sierksdorfer plädiert für neue Wege im Strafvollzug

Martin Hagenmaier aus Sierksdorf arbeitet 22 Jahre lang als Seelsorger in einem Kieler Gefängnis. Jetzt hat er ein Buch geschrieben - und fordert darin, dass die Betroffenen einer Straftat ihre Beziehung miteinander aufarbeiten. Täter sollen Gefühle der Opfer verstehen lernen.

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Martin Hagenmaier.

Sierksdorf. Verurteilen, wegsperren und irgendwann wieder entlassen. Zwischendurch gibt es Anti-Aggressionstraining und Suchttherapie, Dienste in Küchen und Werkstätten.

Die Opfer von Verbrechern tauchen — wenn überhaupt — als Zeugen oder Nebenkläger bei Gerichtsverfahren auf. Diesen Weg hat Dr. Martin Hagenmaier lange beobachtet. Der Sierksdorfer arbeitete fast 15 Jahre als Seelsorger im Neustädter Landeskrankenhaus, heute bekannt als Ameos-Klinikum, sowie 22 Jahre in der Kieler Justizvollzugsanstalt (JVA). Seine Gedanken kreisen auch im Ruhestand um Einbrecher, Mörder, Verprügelte und Überfallene. Der Sierksdorfer kennt das System und plädiert nun mit seinem neusten Buch „Straftäter und ihre Opfer: Restorative Justice im Gefängnis“ für eine Veränderung im Umgang mit eben diesen.

Hagenmaier spricht sich dafür aus, dass Opfer aus ihrer Opferrolle befreit werden und Tätern zu einer verantwortlichen Haltung verholfen wird. In seinem Werk setzt er sich intensiv mit einer Alternative zum gängigen Strafverfahren auseinander. „In der Justiz stehen der Gesetzesbruch und die daraus resultierende Strafe im Mittelpunkt. Die Umstände der Tat und die Persönlichkeit des Täters werden beachtet. Ziel ist es, ihn zu bestrafen und dann zu resozialisieren“, sagt Dr. Martin Hagenmaier. Der Fokus sei klar und eben dies gelte es zu ändern, indem man Tätern verdeutliche, wie sich ihre Opfer fühlen. Dabei geht es darum, dass die Betroffenen einer Straftat ihre Beziehung miteinander aufarbeiten.

„Die Idee ist, dem Täter zu helfen, Empathie für Mitmenschen zu entwickeln“, sagt der Autor. Bewirken soll dies ein spezielles Training, welches bereits in einigen Gefängnissen in Schleswig-Holstein ausprobiert wird. Über sieben Wochen würden die Täter darauf vorbereitet, ihrem Opfer zu begegnen. Die Realität sieht bislang jedoch so aus, dass sich kaum Geschädigte finden, die bereit wären, sich mit einem der Verurteilten zu treffen. Laut Hagenmaier könne dies jedoch auch für Opfer einen positiven Effekt haben. „Der Täter wirkt oft übermächtig. Wenn man ihn kennenlernt, dann schrumpft er zusammen“, erläutert der Sierksdorfer. So könne es gelingen, die Opferrolle zu verlassen und zu verstehen, dass einen keine Schuld an der Tat trifft. Der Täter wiederum würde im besten Fall erfahren, welche Auswirkungen sein Handeln hat und aus diesem Grund nicht erneut straffällig werden. Dabei gehe es in erster Linie darum, Empathie zu entwickeln.

Dass beide Seiten zusammengebracht werden, hält auch die Kieler Kriminologin Professor Dr. Monika Frommel für möglich, wie sie in ihrer Rezension zu dem Buch deutlich macht. Sie erklärt, dass Inhaftierte immer wieder Neutralisierungstechniken anwenden würden, um ihre Taten darzulegen. Schnell heiße es, dass andere doch ähnlich handeln würden, oder Polizei, Staatsanwälte und Richter schuld seien. „Kommunikation mit Menschen außerhalb des Vollzugs, möglichst mit solchen, die selbst einmal Opfer waren, kann nur hilfreich sein, um diesen Zirkel zu durchbrechen.“ Frommel glaubt darüber hinaus ähnlich wie Hagenmaier, dass sich viele der Opfer fragen, „was die Gründe für ihr Schicksal waren, ob die Tat, über die sie grübeln, etwas mit ihnen zu tun haben könnte“. Eine Begegnung könne dazu führen, den ein oder anderen Gefangenen aus dem Dilemma, welches im Einsperren liege, herauszuführen.

Ist Restorative Justice (englischer Fachbegriff für wiederherstellende Gerechtigkeit) wirklich eine Alternative? Für Martin Hagenmaier lautet die Antwort „Ja“. Seit etwa vier Jahrzehnten suche er nach einem Weg, wie Menschen aus den Justizmühlen herauskommen könnten. Dies habe er bereits in Neustadt erfahren, wobei zu beachten sei, dass die Menschen in der Forensik therapiert würden und dies der Weg in ein Leben ohne Straftaten sei. In der JVA hingegen kämen die meisten so raus wie sie reingekommen seien. „Die Opferperspektive auch mit Opfern von Straftaten zu entwickeln, spielt dabei die entscheidende Rolle“, sagt Hagenmaier.

Damit der Leser den Ansatz versteht, erläutert der Seelsorger in seinem Buch detailliert die Entstehung der Idee und setzt sich darüber hinaus umfassend mit dem Begriff „Opfer“ auseinander. Auch beschreibt er Ergebnisse eines Opfer-Empathie-Trainings, welches er am Ende seines Dienstes in Kiel mit durchführte und dabei erlebte, dass Täter den Kontakt durchaus wollen.

Hier gibt es das Buch zu kaufen

„Straftäter und ihre Opfer: Restorative Justice im Gefängnis“ heiß das Buch von Dr. Martin Hagenmaier. Erhältlich ist es unter anderem in allen Buchhandlungen und im Internet. Es kostet 12,95 Euro, ist aber auch als Kindle-Version für 6,99 Euro verfügbar. Das 268 Seiten umfassende Werk ist erst vor wenigen Wochen erschienen. Ältere Veröffentlichungen Hagenmaiers befassen sich mit der Seelsorge im Gefängnis.

Sebastian Rosenkötter

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