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Ostholstein Singen, Freude, Weihnachtszeit
Lokales Ostholstein Singen, Freude, Weihnachtszeit
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15:36 21.12.2012

Der Musiklehrer Jan-Taken de Vries (33) hat sich für die Schüler der Grund- und Gemeinschaftsschule Pönitz (Ostholstein) ein Weihnachtslieder-Quiz ausgedacht. Er trägt eine Geschichte vor, deren Lücken die Klasse 7d mit den Titeln der bekanntesten Weihnachtslieder ausfüllen soll. Als der Held der Geschichte vor dem heruntergelassenen Rolladen des Supermarkts steht, fällt niemandem der Titel „Macht hoch die Tür“ ein. Von „Es ist ein Ros entsprungen“ hat noch keiner gehört. „Tochter Zion“ kommt zwei Schülern bekannt vor, bei „Ihr Kinderlein kommet“ singen einige mit. „In der Weihnachtsbäckerei“ von Rolf Zuckowski kennen viele. „Alle Jahre wieder“ kennen alle, drei Mädchen singen sogar die zweite und die dritte Strophe.

In gut der Hälfte der deutschen Familien werden traditionelle Weihnachtslieder gesungen. Allerdings scheint die Sangesfreude mit dem Alter abzunehmen: Den größten Anteil der Weihnachtssänger gibt es unter den Schülern.

Doch ist Singen überhaupt so wichtig? Stefanie Stadler Elmer, Psychologieprofessorin an der Universität Zürich, beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Thema. Sie unterscheidet zwischen dem Alleinsingen und dem gemeinsamen Singen. Wer allein singt, erfährt sich selbst als Individuum: „Der Klang der eigenen Stimme ist wie ein Spiegel“, sagt Stadler Elmer. „Wenn Sie mit einem kleinen Kind in eine Kirche gehen, wird es merken: Meine Stimme klingt anders, und sich fragen: Bin ich das?" Wenn mehrere gemeinsam singen, müssten sie sich an Regeln halten und erzeugten so ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. „Man synchronisiert eine Tätigkeit, man schwingt sich ein.“

Das muss nicht immer gut sein. Der Satz: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ hat noch nie gestimmt. Stadler Elmer vermutet sogar, dass der Rückzug des Gesangs aus dem Alltag des deutschsprachigen Raums sehr viel mit der Nazizeit zu tun habe, in der viel gemeinsam gesungen wurde. Eine Gesellschaft ganz ohne Gesang aber ist kaum vorstellbar. Das Singen gehöre als biologischen Anlage zum Menschen, sagt Stadler Elmer. „Man vermutet, dass das Singen da war, bevor es Sprache gab.“

Es sei ein wichtiges Mittel, um Stimmungen zu regulieren. Als Beispiel nennt sie Kinder, die bei schlechtem Wetter im Kindergarten fröhliche Lieder singen. Und wie bringt man Kinder zum Singen? „Wenn die Leute, die es vermitteln, das authentisch und mit Freude tun, muss man diese Frage gar nicht stellen.“

Singen unter der Dusche oder beim Kochen

Für Teenager gilt das allerdings nicht uneingeschränkt. Jan-Taken de Vries ist authentisch, er ist mit Freude bei der Sache, aber leicht hat er es trotzdem nicht immer. „Es ist eine Herausforderung, eine Klasse zum einigermaßen stimmigen Singen zu kriegen“, sagt er. „Am einfachsten ist es, mit ihnen Lieder zu singen, die sie kennen und mögen.“ Das sind nicht die Lieder, die man findet, wenn man einen Klassensatz Liederbücher austeilt und eine Seitenzahl ansagt. De Vries will auf das traditionelle Repertoire nicht verzichten — aber er hält sich auch über die aktuelle Popmusik auf dem Laufenden.

Nach der Klasse 7d kommt die 8a in den Musikraum. Der Reporter fragt: „Bei wem von euch wird zu Weihnachten vor der Bescherung gesungen?“ Fünf, sechs Finger gehen nach oben. „Wer von euch singt überhaupt?“ Alle Finger gehen nach oben. „Wo singt ihr?“ Unter der Dusche, sagt ein Junge. Beim Kochen, sagt ein anderer. Wenn man mit Freunden unterwegs sei, dann singe man mal, sagt ein dritter. In der Musicalgruppe, sagt ein Mädchen. Beim Hiphop-Tanzen, sagt ein anderes. Im Konfirmandenunterricht, sagt ein Junge, wenig begeistert. Ein anderer Junge sagt, er lade sich die Gitarrengriffe zu Popsongs aus dem Internet herunter und singe und spiele sie nach. Ein Mädchen erzählt von den Liedern, die es sich selber ausdenkt, mit gereimten Texten, und die es singt, wenn niemand zuhört.

Jan-Taken de Vries hat nicht viel Zeit für seinen Unterricht — eine Wochenstunde pro Klasse. Er muss Prioritäten setzen. „Ich versuche, in jeder Stunde mit den Schülern zu singen“, sagt er. „Was bringt es ihnen, wenn sie wissen, wann Mozart geboren wurde, aber noch nie ,O du fröhliche‘ gesungen haben? Im Schwimmunterricht sitzt man auch nicht immer nur am Beckenrand und redet übers Schwimmen.“

Hanno Kabel

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