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Ostholstein Syrer tötete Mutter: War die Tat vorhersehbar?
Lokales Ostholstein Syrer tötete Mutter: War die Tat vorhersehbar?
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18:54 24.01.2017
Der 31-jährige syrische Flüchtling wird beschuldigt, am 13. Juli 2016 in Kellenhusen im Zustand der Schuldunfähigkeit seine Mutter mit einem Messer getötet zu haben. Quelle: Holger Kröger
Lübeck/Kellenhusen

Warum war mein Bruder in der Tatnacht nicht in klinischer Behandlung? Diese Frage stellte die Schwester von Mohamad B. (Name geändert) am zweiten Prozesstag. Der 31-jährige syrische Flüchtling muss sich vor dem Landgericht Lübeck in einem Sicherungsverfahren verantworten. Ihm wird zur Last gelegt, am 13. Juli 2016 in Kellenhusen im Zustand der Schuldunfähigkeit seine Mutter mit einem Messer getötet zu haben (LN berichteten).

Der Gerichtsgutachter und Neurologe Dr. Wolf-Rüdiger Jonas legte dar, dass Mohamad B. unstrittig an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt sei. „Der Beschuldigte war nach meiner Auffassung zum Tatzeitpunkt akut psychiotisch. Er hatte jeglichen Realitätssinn verloren.“ Eine Fehlwahrnehmung habe dazu geführt, dass ihm innere Stimmen gesagt hätten, dass seine Mutter ihm das Herz gestohlen habe. Nach Auffassung von Gutachter Jonas hätte eine intensive Behandlung der Erkrankung in einem frühen Stadium erfolgen müssen. Laut Mohamad B. und den Aussagen seiner Schwester war er in Syrien wie auch in Jordanien mehrfach in klinischer Behandlung gewesen. Allerdings aus Kostengründen nie über einen längeren Zeitraum. Eine Krankenversicherung habe es laut Aussage der Schwester in ihrer Heimat nicht gegeben.

Die Schwester legte dar, wie die Jugend von Mohamad B. verlaufen sei. Ihrer Meinung nach sei die Krankheit bereits 2003 aufgetreten, als ihr Bruder 18 Jahre war. Ab 2011 sei er zunehmend aggressiv aufgetreten, habe die Mutter, sie selbst, ihre Schwestern und sogar ihre Kinder geschlagen. Sie berichtete von einem Telefonat, das sie aus Schweden vier Tage vor der Tat mit ihrem Vater geführt habe. „Mein Vater sagte, mein Bruder sei ein Teufel geworden. Er fürchte um die Sicherheit von sich und unserer Mutter.“ Dies bestätigte der Vater selbst gestern vor Gericht jedoch nicht.

Der Gutachter machte in seinen Ausführungen auch klar, dass sich ein traumatisches Lebensereignis im Jahre 2011 tatsächlich in keinster Weise auf das Krankheitsbild ausgewirkt habe. An der Uni war es bei einem Raketenangriff zu einer Explosion gekommen, wobei Freunde und die Fast-Verlobte von Mohamad B. ums Leben gekommen waren.

Mohamad B. sei weiterhin potenziell gefährlich, so Jonas, das von ihm ausgehende Risiko sei erheblich und nicht allein an seine Mutter geknüpft gewesen. Richter Christian Singelmann dazu: „Demnach bestand ein Risiko zum Beispiel auch für die Betreuerin in Kellenhusen.“ Die Eingangsfrage der Schwester beantwortete Jonas indirekt auch: „Der Beschuldigte wurde im November 2015 in einer Neustädter Klinik zwölf Tage lang behandelt.“ Sein Zustand habe sich im Zuge einer Medikation stabilisiert, so dass er entlassen werden konnte.

Am Ende des zweiten Prozesstages erklärte der Beschuldigte: „Ich durfte in Deutschland nicht studieren, nicht arbeiten, es gab nichts und ich wurde immer kranker. Ich habe immer gesagt, dass ich krank bin. Was hätte ich noch tun sollen? Dass ich jetzt für zehn oder 15 Jahre weggesperrt werde, finde ich ungerecht.“ Hierzu sagte Richter Christian Singelmann: „Dies ist ein Sicherungsverfahren. Wir werden darüber befinden, was jetzt zu tun ist.“

Die Plädoyers werden am Dienstag, 1. Februar, um 10 Uhr gehalten, anschließend wird das Urteil verkündet.

Von Peter Mantik

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