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Ostholstein Und plötzlich waren die Flüchtlinge da
Lokales Ostholstein Und plötzlich waren die Flüchtlinge da
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20:57 07.09.2016
Ankunft am Oldenburger Bahnhof: Ein erster Zug mit 70 Flüchtlingen traf am 8. September 2015 ein – also heute vor genau einem Jahr. Mit dem Bus ging es weiter nach Putlos, wo für ein Dreivierteljahr ein Erstaufnahmelager eingerichtet wurde. Quelle: Fotos: Jennifer Binder

Und plötzlich ging alles ganz schnell. Heute vor einem Jahr drang die Nachricht nach außen, die damals ganz Oldenburg überrascht hat: Auf dem Truppenübungsplatz Putlos eröffnet eine Flüchtlingsunterkunft. Die Bundeswehr brach Übungen ab und räumte in Windeseile Quartiere – nur Stunden später nahm das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die ersten Asylsuchenden in Empfang. Wie viele würden es werden? Wie sollten sie versorgt werden? Wie würde das Nebeneinander von Flüchtlingen und Soldaten funktionieren? Es gab kaum Infos, dafür viel Verunsicherung und Kritik – doch jetzt, genau zwölf Monate später, können alle Beteiligten frei nach Bundeskanzlerin Angela Merkel sagen: „Wir haben es geschafft.“

Heute vor einem Jahr: Bundeswehr auf Putlos brach Übungen ab und räumte in Windeseile die Quartiere – Binnen Stunden Einrichtung eines Notaufnahmelagers – Überragende Hilfsbereitschaft der Ostholsteiner.

Putlos in Zahlen 24 Stunden, nachdem die neue Landesunterkunft auf dem Truppenübungsplatz offiziell in Betrieb genommen wurde, waren dort schon mehr als 700 Flüchtlinge untergebracht. Die meisten wurden aus anderen, massiv überfüllten Unterkünften wie Neumünster umquartiert. 800 Asylsuchende sollten ursprünglich in Putlos untergebracht werden. Nach einem Tag erhöhte das Land die maximale Belegungszahl auf 900, nach zwei Monaten wurde erneut aufgestockt: auf bis zu 1500 Plätze. Neun Monate lang war die Einrichtung geöffnet. Inzwischen hat das Land das Gelände an die Bundeswehr zurückgegeben.

Sechs Wochen lang haben anfangs Ehrenamtler die Flüchtlinge betreut, ehe das Freiwilligen- Team schließlich von 40 Hauptamtlern abgelöst wurde. Allein in den ersten drei Wochen waren laut DRK 84 Ehrenamtler insgesamt 2557 Stunden im Einsatz.

Überragende Hilfsbereitschaft So überraschend die Nachricht von der neuen Flüchtlingsunterkunft war, so prompt haben Oldenburger und Nachbarn auf die Situation reagiert. Mehr als 200 Hilfswillige haben sich in einer eigens eingerichteten Facebookgruppe organisiert. Säckeweise Kleidung, Spielzeug und Kuscheltiere wurden gespendet. Viele Freiwillige halfen zudem beim Sortieren und Ausgeben von Kleidung oder organisierten sogar Deutschunterricht für die Asylsuchenden. An Weihnachten haben Menschen aus der ganzen Region insgesamt 700 Geschenke für die Bewohner in Putlos gepackt, damit dort auch ein richtiges Fest gefeiert werden konnte.

Lob und Kritik Positiv wahrgenommen wurde das gute Miteinander der an der Organisation beteiligten Institutionen wie Bundeswehr, Polizei und DRK. Während die Absprachen dort reibungslos funktionierten, wurde die Informationspolitik vom Land allerdings zum Teil heftig kritisiert: Sowohl die Stadt als auch der Kreis wurden nach eigenen Angaben von der Einrichtung der Flüchtlingsunterkunft überrumpelt und fühlten sich bei der Entscheidung übergangen. Ähnliches hörte man aus der Bevölkerung: Angesichts fehlender Transparenz wuchs die Unsicherheit und lieferte den Nährboden für allerlei Gerüchte.

Erst Schock, dann Erleichterung Oldenburgs Bürgermeister Martin Voigt (parteilos) funkte kurz nach der Einrichtung der Flüchtlingsunterkunft SOS. Mit Blick auf die Unterkunft des Kreises in Lübbersdorf und die ständig steigende Anzahl von Asylbewerbern, die die Stadt selbst noch unterbringen musste, sah er seine Kommune mit der – wenn auch zum Teil nur vorübergehenden – Integration überfordert. Angesichts der „unkomplizierten Begegnungen“ zwischen Flüchtlingen und Einheimischen sowie der großen Hilfsbereitschaft zeigte er sich jedoch schon bald darauf entspannt und vor allem stolz auf seine Oldenburger.

Truppenübungsplatz-Kommandant Thilo Santüns nahm die Einschränkungen für die Bundeswehr nach außen hin vergleichsweise gelassen hin. Dennoch forderte er das Land wiederholt auf, die Unterkunft so bald wie möglich wieder zu schließen. Als die entsprechende Nachricht schließlich kam, reagierte Santüns erleichtert, weil der Übungsbetrieb wieder in gewohntem Umfang aufgenommen werden konnte.

Landesinnenminister Stefan Studt (SPD) sah sich zu Beginn der Flüchtlingskrise zum Teil massiver Kritik ausgesetzt. Zuletzt zog er für die Putloser Unterkunft jedoch eine sehr positive Bilanz und dankte allen Beteiligten für ihr Engagement.

Hinter den Kulissen Die Trennung von Militärgebiet und Flüchtlingsunterkunft stellte die Verantwortlichen in Putlos vor einige Herausforderungen. Bauzäune wurden aufgestellt und die Flüchtlinge bekamen spezielle Pässe, mit denen sie das Gelände verlassen und wieder betreten durften. Weil mit der Truppenküche maximal 1000 Personen versorgt werden können, stellte das THW zusätzlich eine mobile Küche auf, als die Bettenzahl auf 1500 erhöht wurde. Für Frust sorgte vor allem der Antragsstau bei den Behörden: Weil der Andrang mit einem Mal so extrem hoch war, kamen die Mitarbeiter mit der Bearbeitung der Asylgesuche nicht hinterher. Die Folge waren lange Wartezeiten für die Flüchtlinge, in denen sie nicht wussten, wann oder wie es für sie weitergeht.

Personalfragen sorgten während des Betriebs der Flüchtlingsunterkunft regelmäßig für Wirbel. Unter anderem musste zeitweise ein pensionierter Richter für das Land die Leitung übernehmen, weil aus dem aktiven Dienst niemand zur Verfügung stand. Später war die Stelle sogar vorübergehend unbesetzt. Bei Polizei und DRK wechselte die Führung aus verschiedenen Gründen ebenfalls einmal beziehungsweise gleich mehrfach. Die Hilfsorganisation sorgte am Ende obendrein für Schlagzeilen, weil mehrere Mitarbeiter vor Gericht zogen, nachdem das DRK ihre Verträge gekündigt hatte.

 Jennifer Binder

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