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Ostholstein Unerwartetes Erkennen auf einem 83 Jahre alten Foto
Lokales Ostholstein Unerwartetes Erkennen auf einem 83 Jahre alten Foto
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21:12 14.05.2016
Wilfried Draeger mit der Seite der Lübecker Nachrichten, auf der er völlig unerwartet seine Mutter als junge Frau entdeckte. Quelle: Peyronnet

Weltgeschichte trifft Privates: Wilfried Draeger (70) sah sich beim Lesen der Lübecker Nachrichten plötzlich mit einem Foto von weltgeschichtlichem Dokumentationswert konfrontiert, auf dem seine Mutter als junge Frau zu sehen ist. Die damals 20-Jährige war 1933 Augenzeugin bei einem von SA- und SS-Männern durchgesetzten Boykott eines jüdischen Bekleidungsgeschäftes in Berlin. Der jungen Frau, die im Mantel mit Pelzkragen und mit Aktentasche und Regenschirm danebensteht, ist das Erschrecken über die Geschehnisse deutlich anzusehen.

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Wilfried Draeger aus Niendorf entdeckte auf dem Bild seine Mutter / Die damals 20-Jährige wurde Augenzeugin beim Boykott jüdischer Geschäfte in Berlin.

Ereigneten sie sich doch in ihrer direkten Nachbarschaft, wie Wilfried Draeger berichtet.

„Über dieses Bild ist nie geredet worden. Vielleicht wusste sie gar nichts davon“, sagt Draeger. Das Foto wird im Bundesarchiv in Koblenz verwahrt, Urheber ist die „A-B-C Aktuelle-Bilder-Centrale, Georg Pahl“. Das war eine Berliner Bildagentur der 1920er- und 1930er-Jahre, deren Inhaber der Fotojournalist Georg Pahl war. Der erlangte Berühmtheit, weil es ihm 1923 als erstem gelang, Adolf Hitler zu fotografieren. Der wollte das vermeiden, um in dieser frühen Zeit der NSDAP kein Fahndungsfoto von sich zu liefern.

Das Bundesarchiv, teilte von dort eine Sprecherin auf LN-Anfrage mit, verfügt über die originalen Glasnegative und die originalen Sendebücher Pahls. Diese Sendebücher enthalten die Bildtexte, mit denen Georg Pahl seine Fotos an die Presse herausgegeben hat. Zu dem Foto von Draegers Mutter vermerkt das Sendebuch lediglich, dass Boykott-Aufrufe an den Fenstern jüdischer Geschäfte angebracht werden und dass diese Aktionen am 1. April 1933 stattfand.

Wilfried Draeger hat mehr herausgefunden. Seine Mutter Elisabeth Teichert – sie heiratete erst 1937 seinen Vater Kurt Draeger – müsse damals vor einem Geschäft in der Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf gestanden haben. Gleich um die Ecke ist das Geschäft mit der Adresse Trautenaustraße 10, in der der Vater von Elisabeths späterem Mann Kurt Draeger eine orthopädische Schuhmacherei betrieb. Dort beobachteten die jungen Leute auch, wie die Nazis in der damals so bezeichneten Reichskristallnacht die Schaufenster eines benachbarten jüdischen Juweliers einschlugen. Uhren, Schmuck und Edelsteine landeten auf dem Trottoir. Aufheben durfte sie niemand, darauf achteten die Nazi-Schergen.

Die junge Elisabeth Teichert stammte aus Grünberg in Schlesien. Bereits mit 17 Jahren ging sie nach Berlin in Stellung, arbeitete als Zimmermädchen bei reichen jüdischen Familien. Eine gute Zeit für die junge Frau, wie Wilfried Draeger aus den Erzählungen seiner Mutter weiß. Aber dann kamen die Nazis an die Macht, und Elisabeth Teichert wurde ein paar Mal entlassen. Dabei erhielt sie stets gute Zeugnisse. „Der Grund für die Entlassungen war Geldmangel, durch den Boykott hervorgerufen“, berichtet Wilfried Draeger. Vielleicht, vermutet er, rühre daher das Entsetzen seiner Mutter, das auf dem Foto von Georg Pahl erkennbar ist. „Sie hat das hautnah miterleben müssen. Sie war sehr erschüttert, denn sie hat es bei den Juden immer gut gehabt“, berichtet Wilfried Draeger weiter.

Seine Eltern, vor allem sein Vater, mussten mit ansehen, wie die Juden aus ihrer Nachbarschaft, dem Kreis seiner Kunden, verschwanden. „Eines morgens kam die Grüne Minna und holte seine jüdischen Kunden ab. Sie kamen nie wieder“, berichtet Draeger von den Erlebnissen seines Vaters. „Nachbarn müssen die verpfiffen haben.“

Alles das kennt Wilfried Draeger aus Berichten seiner Eltern. Die lebten bis zum Tod des Vaters 1991 in Berlin. Da war der Sohn bereits lange in Niendorf zu Hause, wohin es ihn 1972 verschlug, weil er in Lübeck die Technikerschule besuchen wollte. Ende der 1990er-Jahre holte er seine verwitwete Mutter an die Ostsee, wo sie in seinem Haus noch ihren 90. Geburtstag feierte. Im November 2003 starb die Frau, deren Foto ihrem Sohn mehr als 80 Jahre nach seiner Entstehung so unerwartet beim Lesen der Lübecker Nachrichten ins Auge sprang.

Der Fotograf des Nazi-Terrors

Georg Pahl (1900 – 1963) betrieb ab 1923 als selbstständiger Fotojournalist die Fotoagentur „A-B-C-Aktuelle-Bilder-Centrale“ in Berlin. Er dokumentierte die politischen Ereignisse der Weimarer Republik, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit.

Viele Fotos von Pahl sind zu bildlichen Ikonen des Nazi-Terrors geworden, die heute in vielen Geschichtsbüchern und Ausstellungen zu sehen sind. Dazu gehören seine Aufnahmen von der Bücherverbrennung 1933 und von Verhafteten, die von SA-Männern bewacht werden. Etwa 1000 Fotografien von Pahl befinden sich in der Bilddatenbank des Bundesarchivs in Koblenz. Es verfügt über elf Millionen Bilder, Luftbilder und Plakate zur deutschen Geschichte.

Susanne Peyronnet

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