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Ostholstein Villa Bade weicht Sozialwohnungen
Lokales Ostholstein Villa Bade weicht Sozialwohnungen
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22:22 28.09.2017
Der Abrissbagger rodete gestern zunächst die Bäume vor dem Haupteingang der Villa. Am Nachmittag begann die Demontage des Gebäudes.
Malente

Bezahlbaren Wohnraum zu schaffen war eine der Forderungen, die Parteien im gerade beendeten Bundestagswahlkampf aufgestellt haben. Die Geschwister Birgit und Ralf Runge kommen dieser Aufforderung in Malente nach. Elf Wohnungen mit einer Wohnfläche zwischen 39 und 75 Quadratmetern entstehen auf dem Gelände der Villa Bade. Vermietet würden sie ausschließlich mit Wohnberechtigungsschein, berichtet Bauherrin Birgit Runge. Die Miete wird bei 5,20 Euro kalt liegen. Alle Wohnungen werden Balkon oder Terrasse und ein barrierefreies Duschbad haben, die im Erdgeschoss werden barrierefrei und für Rollstühle geeignet gebaut, die in den Obergeschossen barrierearm.

Das wird vielen Malentern in der Seele weh tun. Aber die Villa Bade ist nicht mehr zu retten. Seit gestern wird sie abgerissen. Damit verschwindet ein Stück Malenter Geschichte. An Stelle der alten Villa tritt auf derselben Grundfläche ein Mehrfamilienhaus mit elf Sozialwohnungen.

Runge, die seit 20 Jahren die von ihrem Vater 1971 in Malente gegründete Firma Runge Immobilien (Makler und Hausverwaltung) leitet, erklärt, warum sie und ihr Bruder sich dafür entschieden haben, Sozialwohnungen zu bauen, und zwar an exponierter und attraktiver Stelle, direkt am Ufer der Schwentine und neben der Gremsmühle. „Wir haben in Malente diversen anderen Wohnraum, aber keine Sozialwohnungen. Wir wissen um den enormen Bedarf, vor allem auch beim barrierearmen Wohnen für Bezieher kleiner Einkommen.“ So etwas fehle in Malente komplett. Die Lage des neuen Hauses mitten im Malente habe zudem den Vorteil, dass die Bewohner kein Auto brauchten. Den Politikern mit ihrer Forderung nach bezahlbarem Wohnraum entgegnete sie: „Es wird nicht immer nur geredet. Wir machen es.“

Damit einher geht in diesem Fall aber der Verlust eines historischen Malenter Gebäudes. Das gehörte jedoch schon lange nur noch fast unsichtbar zum Malenter Ortsbild. Von dichtem Unkraut und wild wuchernden Büschen und Bäumen fast völlig verdeckt, verfiel die Villa seit Jahren. Schiefe Balkone, zerbrochene Fenster, ein hängendes Dach und verrottende Balustraden waren als Zeichen des Verfalls erstmals deutlich sichtbar, als die Runges als neue Eigentümer im vergangenen Winter Büsche und Bäume absägen ließen. Das ganze Elend des einst prachtvollen Gebäudes trat für alle zutage.

Einzig der Schriftzug „Villa Bade“ an der Stadtseite des Gebäudes erinnerte noch an den einstigen Bewohner, den Arzt und Malenter Mäzen Dr. Peter Bade. Seine Enkelin war die letzte Bewohnerin des Hauses, hielt sich aber lediglich in einigen Räumen auf. Vor etlichen Jahren zog sie in ein Pflegeheim, wo sie 2015 starb. Seitdem stand die Villa leer und verfiel zusehends.

Die Geschwister Runge kauften das Haus samt 5000 Quadratmeter Grundstück von den Erben der Familie Bade. Dass die Bausubstanz der Villa stark angegriffen war, war schnell klar. Es habe nicht einmal mehr Anschlüsse für Strom, Wasser oder Abwasser gegeben, berichtet Doris Runge.

Die Planung für den Neubau zog sich eine ganze Weile hin, schon weil durch die Nähe der Schwentine auch der Naturschutz eingebunden werden musste. Für das Abholzen und Roden der Bäume und Büsche im vorderen Teil des Grundstücks haben die Runges als Ausgleich eine doppelt so große Fläche an anderer Stelle in Malente aufgeforstet. Das war eine Auflage der Behörden. Der Wald auf dem hinteren Teil des großen Grundstücks bleibt erhalten. Der Neubau entsteht auf der Grundfläche der alten Villa. Fertig ist er voraussichtlich im Spätsommer oder Herbst 2018, dann beginnt erst die Vermietung.

Namensgeber des Hauses

Dr. Peter Bade (1872-1956) war zunächst Schiffsarzt, bevor er die Facharztausbildung zum Orthopäden absolvierte. 40 Jahre lang führte er eine orthopädische Privatklinik in Hannover. Er galt als herausragender Arzt und als Pionier der Röntgentechnik. Das hatte dramatische Folgen für ihn. An seinen Händen entstanden bösartige Geschwüre, mehrere Finger mussten amputiert werden.

1943 wurden Peter Bade und seine Frau Constanze in Hannover ausgebombt. Sie kehrten in Bades Heimatort Malente-Gremsmühlen zurück und zogen in die Villa Bade, wo der Mediziner zunächst eine kleine Praxis betrieb. Bades Vater war Hotelier in Malente. In der Villa befand sich von 1878 bis 1894 die Postagentur.

 Susanne Peyronnet

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