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Ostholstein Vom Wangenhorizont und einem Mord
Lokales Ostholstein Vom Wangenhorizont und einem Mord
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21:17 18.01.2017

Der Prozess um den Edeka-Überfall im kleinen Hutzfeld zieht immer größere Kreise. Seit dem gestrigen Verhandlungstag ist er mit einem der größten Kriminalfälle verknüpft, die sich im vergangenen Jahr in Schleswig-Holstein ereigneten.

Sven S. soll im August 2016 in Bargteheide seine Lebensgefährtin Svea T. erschossen und sich dann abgesetzt haben. Nach dem als gefährlich geltenden Mann wurde bundesweit gefahndet, bis er festgenommen werden konnte. Die Verbindung nach Hutzfeld liegt darin, dass die Täter den hochklassigen BMW, mit dem sie zum Edeka-Markt fuhren, von Sven S. bekommen haben sollen. Wie es der Zufall will, sitzen nun Sven S. und die Angeklagten im Hutzfelder Raubprozess, Behar T. und Kastriot K. (beide 27), in der Lübecker Vollzugsanstalt in Untersuchungshaft. Dort verbüßt

auch Carlo T. (Name geändert) seine Haftstrafe.

Carlo T. hatte sich an die Staatsanwaltschaft gewandt, weil er Gespräche von Sven S. und Behar T. hörte und auch mit ihnen sprach. In einer teils von Widersprüchen geprägten Aussage berichtete Carlo T., wie die beiden anderen Männer über den BMW, die Fahrt zum Überfall, das Blitzerfoto, das unterwegs entstand, und über den Mord an Svea T. sprachen. Sven S., so will es Carlo T. gehört haben, habe sich selbst umbringen wollen, dann hätten sich aber Schüsse gelöst, von denen einer in den Arm und zwei in den Bauch von Svea T. einschlugen. Die Waffe, wusste Carlo T. weiter zu berichten, habe Sven S. für 1200 Euro von Behar T. gekauft. Wegen des Überfalls hätten sich die Männer abgesprochen, berichtete Carlo T. weiter. „S. hatte Angst, dass er hier noch geladen wird.“ Offenbar eine berechtigte Angst. Nach der Aussage von Carlo T. kündigte der Vorsitzende Richter Kai Schröder an, Sven S. als Zeuge zu laden.

Carlo T. berichtete noch, Behar T. habe sich darüber lustig gemacht, dass er geblitzt wurde und dass die Gutachter ihn auf dem Blitzerfoto nicht erkannt hätten. Jene drei Fachleute gaben gestern ihre Gutachten ab. Sie alle hatten die Aufgabe, Fotos von Behar T. mit dem Blitzerfoto zu vergleichen, das am Tattag, am 19. Oktober 2015, um 5.20 Uhr in Bockhorn bei Bad Segeberg entstand. Der geblitzte BMW ist zweifelsfrei das Tatfahrzeug, Zeugen hatten es samt Nummernschild in Hutzfeld gesehen. Doch wer waren die Männer im Auto. Kastriot K. hatte einem Polizeibeamten gegenüber zugegeben, der Fahrer gewesen zu sein. Aber war Behar T. der Beifahrer?

Eine Spezialistin des Bundeskriminalamtes für den Lichtbildvergleich von Personen und zwei Professoren unter anderem der Anthropologie mit langer forensischer Erfahrung hatten akribisch Stirn, Nase, Augenbrauen, Kinn, Lippen und vieles mehr verglichen. Da ging es um die Augenbrauendichte am Brauenkopf, die Wangenbahn und den Wangenhorizont und die Collierfalte. Das ist eine Falte, die bei bestimmten Kopfhaltungen da entsteht, wo Frauen das Collier tragen.

Am Ende waren die Prozessbeteiligten allerdings genauso schlau wie zuvor. Oder wie es der Verteidiger von Behar T., Arne Timmermann, formulierte: „Das ist 1:1:1 ausgegangen.“ Die BKA-Expertin hatte zunächst gesagt, sie könne nicht ausschließen, dass es sich bei dem Beifahrer und Behar T. um diesselbe Person handelte. Später, nachdem sie den Angeklagten beobachtet hatte, korrigierte sie sich aufgrund der Wangenkontur und des Anhebens einer Augenbraue von „nicht ausgeschlossen“ auf „deutete darauf hin“ dass es dieselbe Person ist. Ganz anders Professor Cornelius Schott, der eine Übereinstimmung verneinte. Professor Carsten Niemitz, der das Blitzerfoto mit Behar T. in einem BMW nachstellen ließ, sah eine „mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit“, dass es sich bei dem Angeklagten um den Beifahrer gehandelt habe.

Der Prozess wird am 26. Januar um 9.30 Uhr fortgesetzt.

Susanne Peyronnet

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