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Von der Rock-Kneipe in die Timmendorfer Galerie

Timmendorfer Strand Von der Rock-Kneipe in die Timmendorfer Galerie

Höhen, aber auch echte Tiefen gehören zum Leben von Florian Seyer – Er arbeitet jetzt in der Trinkkurhalle und hat die Kunst für sich entdeckt.

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Bei der Arbeit: Anja Es und Florian Seyer in der Galerie.

Quelle: Fotos: S. Latzel

Timmendorfer Strand. Für Achterbahnfahrten braucht es robuste Typen. Typen wie Florian Seyer – 1,90 Meter groß, um die 130 Kilo schwer, breite Schultern, Jeans und Lederjacke. Und tatsächlich hat der 48-Jährige eine Achterbahnfahrt hinter sich, die unter anderem von einer Rock-Kneipe bis in die Kunstgalerie in der Timmendorfer Trinkkurhalle führte. Eine spannende Geschichte für andere, wenn er sie erzählt, für Florian „Flo“ Seyer aber vor allem ein harter Kampf.

LN-Bild

Höhen, aber auch echte Tiefen gehören zum Leben von Florian Seyer – Er arbeitet jetzt in der Trinkkurhalle und hat die Kunst für sich entdeckt.

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„Es wird alles besser, auch wenn es mal ein Tief gibt.“ Florian Seyer

Richtig leicht ist es für ihn wohl von Anfang an nicht. In Neustadt geboren, wächst er an der Küste und in Lübeck auf, meist bei den Großeltern, „und ich habe viel zu früh allein gewohnt“. Florian Seyer schmeißt das Abi, bricht Ausbildungen ab, arbeitet in der Gastronomie und als Türsteher. Die Sub-Kulturen ziehen ihn an, „im Rider’s Café bin ich sozusagen groß geworden“. 2001 macht er sich mit einer Rock-Kneipe selbstständig, dem „Angus“ in der Lübecker Marlesgrube. Das scheint wie maßgeschneidert auf „Flo“ zu passen, „und eine Zeit lang lief es auch wirklich gut“.

Aber irgendwann läuft es nicht mehr, finanziell nicht und gesundheitlich auch nicht. Das Nachtleben fordert seinen Tribut, „das merkst du, irgendwann kommen die Lifestyle-Krankheiten“. 2009 verkauft er das „Angus“ und kann es doch nicht lassen, sondern eröffnet ein paar Hundert Meter weiter in der Beckergrube das „Dr. Rock“, einen Club fürs bodenständige Publikum, den er nach drei Jahren wieder abgibt. Er geht aufs Land, vielleicht wird er dort ja ruhiger, und legt mit dem „Back to the Roots“ in Braak bei Eutin los, einem Treffpunkt für Biker auf der Durchreise.

Dann ändert ein Unfall im November 2012 alles. Nahe Wulfsfelde kommt ihnen ein Auto entgegen, berichtet Seyer, er weicht aus, sein Jeep kracht in einen Graben. Seine Freundin trägt nur leichtere Blessuren davon, „aber ich war nicht angeschnallt“. Ergebnis: zwei Halswirbel gebrochen, schwer geschädigte Lunge, diverse Armbrüche. Seyer liegt mehrere Wochen im Koma und monatelang am Beatmungsgerät. Die damalige Prognose? „Pflegeheim“, sagt er knapp, „die wollten mich nicht mehr nach Hause lassen.“ Er werde wieder in seinem Lokal am Herd stehen, erklärt Seyer den Ärzten. „Die meinten daraufhin, dass ich froh sein würde, wenn ich irgendwann wieder allein zur Toilette gehen kann.“

Er muss sitzen und später laufen lernen, kämpft sich weg vom Gehwagen: „Da war dieser Erfolgsdruck, der mich angetrieben hat.“ Im Sommer 2013 endet die Reha, und er fängt tatsächlich wieder an zu arbeiten. „Das war Schwachsinn“, meint er heute rückblickend: „Ich bin gnadenlos gescheitert.“ Der Körper macht nicht mehr mit, Seyer gibt auf, verbringt wegen Suizidgefährdung einige Wochen in der Psychiatrie. „Das war der Tiefpunkt“, sagt er. Er wolle niemandem dort zu nahe treten, „aber für mich war das nichts – ich war mein Leben lang Rocker, und dann sollte ich auf einmal Bildchen malen, das ging nicht“.

Etwas nimmt er aber trotzdem mit: „Die haben mir gesagt, dass ich ja nie zufrieden bin. Und wenn einem so etwas gesagt wird, lohnt es sich, darüber nachzudenken.“ Monatelang langweilt er sich zu Hause, setzt sich mit den Ämtern auseinander, es geht um Berufsunfähigkeit, Sozialhilfe und Zuständigkeiten. „Irgendwann dachte ich, dass ich einer von denen werde, die schon nachmittags RTL 2 gucken. Da wusste ich: Jetzt muss etwas passieren. Ich suche mir wieder eine Aufgabe.“ Das sei eine Frage seines Stolzes gewesen.

Er unterstützt zunächst ehrenamtlich eine syrische Flüchtlingsfamilie. Dann entdeckt er eine Zeitungsanzeige: Anja Es sucht eine Aushilfe für ihre Galerie in der Timmendorfer Trinkkurhalle. „Warum eigentlich nicht?“, denkt Florian Seyer. Zum Vorstellungsgespräch erscheint er mit Lederjacke und Haartolle. Er lacht, wenn er heute daran denkt: „Ich wirkte wahrscheinlich wie ein Elefant im Porzellanladen.“ Aber die Chemie stimmte, „und ich bin lernfähig“. Florian Seyer kleidet sich etwas konservativer und verbringt Nächte am Computer, „ein Crash-Kursus in Kunst, und ich lerne immer weiter“.

Bandscheibenprobleme sind geblieben, auf einem Ohr hört er schlecht, Geruchs- und Geschmackssinn sind beeinträchtigt, deshalb beschränkt er sich auf einen Aushilfsjob. „Aber mit Anja als Chefin läuft es super, und ich habe die Kunst für mich entdeckt.“ Der ehemalige Kneipier lebt gesünder, und die Beziehung zu seiner Freundin hat die Achterbahnfahrt auch überstanden. „Es wird alles besser, auch wenn es immer wieder mal ein Tief gibt“, meint Florian Seyer. Und wie sieht’s mit seinen Wünschen und Zielen aus? „Ich plane nicht so viel. Aber eine gewisse Zufriedenheit zu finden – das wäre schön.“

Sabine Latzel

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