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Vor 70 Jahren: Fehmarns Flüchtlingslager

Fehmarn Vor 70 Jahren: Fehmarns Flüchtlingslager

Tausende deutsche Flüchtlinge kamen 1945 auf die Insel. Sie lebten in Lagern in Puttgarden und Burg.

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Eine alte Ansichtskarte vom „Flüchtlingslager“ in Puttgarden — mit dem Kolonialwaren-Laden von Erich Gottheit (links oben).

Quelle: Fotos: Archiv Klahn

Fehmarn. Die Erinnerungen daran sind fast vergessen. Und doch werden sie angesichts der beklemmenden Fernsehbilder wieder wach. Flüchtlingslager gab es vor 70 Jahren auch in Ostholstein. Zum Beispiel auf Fehmarn: Das Barackenlager bei Puttgarden gehört fest zur Inselhistorie. Nahezu unbekannt ist dagegen das traurige Schicksal der Menschen, die bis Kriegsende 1945 im „Ukrainerlager“ in Burg lebten. Im Gespräch mit den LN erinnert Ex-Stadtarchivar und Buchautor Karl-Wilhelm Klahn an die damaligen Geschehnisse.

Die Anfänge des Barackenlagers gehen zurück in die NS-Zeit. Puttgarden im Sommer 1940: Sein Großvater, der Bauunternehmer Wilhelm Klahn, erhielt damals einen Auftrag von Straßenbauminister Todt. Auf einer Pferdekoppel westlich von Puttgarden sollte er 20 rechteckige Fundamente in einer Größe von 20 mal 30 Meter gießen.

In Berlin plante man Holzbaracken für die dänischen Arbeiter, die die Vogelfluglinie Hamburg-Fehmarn-Kopenhagen bauen sollten. Weit voran kamen die Pläne nicht. Danach sollte hier eine Funk-Mess-Lehrabteilung der Kriegsmarine eingerichtet werden. „Ein Namensirrtum der Marineleitung. Mitten in der Bauzeit kam eine Autokolonne mit höheren Offizieren, die einen sofortigen Baustopp anordneten“, schmunzelt Klahn. Denn geplant war das Ganze eigentlich in Putgarten auf Rügen.

Doch schon nach einer Woche ging‘s weiter. Es entstanden tatsächlich 60 Baracken auf Fehmarn. Tausende von Marinesoldaten erhielten hier ihre dreimonatige Ausbildung. Nach Kriegsende war‘s damit vorbei. Das Internierungslager leerte sich bald, doch im Barackenlager kehrte neues Leben ein. Viele Flüchtlingsfamilien aus den ostdeutschen Provinzen zogen in dieses mit Waschanlage, Großküche und später sogar einem Kaufmannsladen nahezu komplette Lager. Klahn, heute 86, erinnert sich: „Viele Burger Jungs gingen sogar nach Puttgarden zum Tanzen. Da waren so hübsche Mädchen, und es spielte eine gute Kapelle.“

Erster Pastor war Joachim Ziegenrücker. Die kleine Kirchengemeinde Bannesdorf war durch das Flüchtlingslager damals mit rund 2000 Menschen stark belastet. Er versuchte, das Verhältnis zwischen den Einheimischen und Flüchtlingen „so menschlich wie möglich zu gestalten“, wie er 2007 hochbetagt an Pastor i. R. Jürgen Trede in Puttgarden schrieb. Ziegenrücker verließ Fehmarn 1952. Das Flüchtlingslager bestand noch einige Jahren, viele von ihren Bewohnern bauten später in Burg ein schmuckes Eigenheim.

Szenenwechsel. 1945 — diesmal mit ganz anderem Ausgang. In Burg gab es bis Kriegsende ein sogenanntes „Ukrainerlager“. Es lag westlich vom damaligen Bahnhof im heutigen Industriegebiet. 1942 bekam der Bahnhofsvorsteher 160 arbeitsfähige ukrainische Männer als Strecken-, Lade- und Lokschuppenarbeiter sowie jungen Frauen (die meisten Studentinnen) als Schaffnerinnen zugewiesen. Sie stammten alle aus der Stadt Poltawa. Im Eiltempo von wenigen Wochen wurde ein Barackenlager gebaut und später in vollem Viereck mit Waschanlagen und Großküche erweitert.

Wenige Tage nach Kriegsende 1945 kamen russische Lederjacken-Offizieren ins „Ukrainerlager“ und registrierten die „Insassen“. Mitte Mai wurden sie zur Verladerampe der Burger Meierei eskortiert und von englischen Militärfahrzeugen abgeholt. Bis auf eine Deern namens Lydia, deren belgischer Freund, ein Lokschlosser, rechtzeitig den damaligen Lokleiter Ludwig Dittmer bat, „abhauen“ zu dürfen.

Sie hat als Einzige überlebt. Als Lydia Jahre später mit Familie von Belgien aus ihren Lebensretter Dittmer besuchte, berichtete sie: Alle anderen Ukrainer waren von den Russen zur Zwangsarbeit nach Sibirien geschickt worden — und niemand von ihnen kehrte wieder zurück. In Burg wurde das „Ukrainerlager“ noch einige Jahre als Flüchtlingslager für die Vertrieben genutzt.

Das Ukrainerlager
In Deutschland benötigt wurden die Ukrainer in den Kriegsjahren als billige Arbeitskräfte — überwiegend in der Rüstung und bei der Deutschen Reichsbahn.



Der Bahnhof Burg hatte damals ein sehr hohes Verkehrsaufkommen. Es gab sieben Nebenbahnhöfe und Verladestationen: Fehmarnsund, Burgstaaken, Burg, Landkirchen, Lemkendorf, Petersdorf und Orth.

Gerd-J. Schwennsen

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