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Warnung vor dem „leisen Tod“

Timmendorfer Strand/Kiel Warnung vor dem „leisen Tod“

Noch während der großen Suchaktion gingen am Freitagabend Urlauber trotz Badeverbots ins Wasser. Die Retter sind fassungslos und verärgert. Sie warnen vor den Tücken der Ostsee und dem Ertrinken.

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Mit jeweils acht Booten waren Feuerwehr und DLRG bei der Suchaktion im Einsatz. Außerdem zwei Schiffe der Seenotrettung.

Quelle: Fotos: René Kleinschmidt/latzel

Timmendorfer Strand. In groß angelegten Suchaktionen arbeiteten Einsatzkräfte der Seenotretter (DGzRS), der DLRG, von Feuerwehr, Polizei, Bundes- und Wasserschutzpolizei am Freitagabend (wie berichtet) teils unter Gefährdung ihres eigenen Lebens fieberhaft daran, zwei angeblich vermisste Schwimmer zu finden. Der eine soll vor der Scharbeutzer Ostseetherme zwischen den Wellenbergen versunken sein, der andere wurde angeblich vor Fehmarn abgetrieben. Gefunden wurden beide nicht. Der Polizei liegen bislang keine Vermisstenmeldungen vor. Und schon werden erste Stimmen laut, auch von Urlaubern, ob dieser Aufwand überhaupt sein müsse?

Matthias Glaese, der den Einsatz für die DLRG vor Scharbeutz leitete, kann da nur bitter fragen: „Was ist uns ein Menschenleben wert?“ Bei Bemerkungen dieser Art halte er den Kritikern entgegen:

„Was, wenn es es jemand aus Ihrer Familie wäre?“

Was den engagierten Retter, der nicht nur für die DLRG, sondern auch für den Malteser-Hilfsdienst im Einsatz ist, fassungslos und wütend macht, ist das Verhalten mancher Badeurlauber. Noch während die Frauen und Männer in den Booten auf der aufgepeitschten Ostsee nach dem Schwimmer suchten, der nach Beobachtungen von Strandgästen von einer Boje abgerutscht sein soll, gingen neben den Suchteams trotz Verbots Urlauber ins Wasser. „Da denkst du schon: ,Das glaub‘ ich doch jetzt nicht‘“, so Glaese. Aber mehr, als darauf hinzuweisen, wie gefährlich das Baden angesichts von Sturm und heftigen Unterströmungen ist, können die Lebensretter nicht. „Das entscheidet jeder für sich, welches Risiko er eingeht.“ Doch die Retter seien mehr als verärgert, wenn sie einen rausholen müssen, „der eigentlich selbst schuld ist“. Und so appelliert Matthias Glaese an alle Strandbesucher, „nicht blindlings ins Wasser zu laufen, die Badeverbote zu beachten und auf die Erfahrung der Lebensretter zu hören. Wir leisten immer wieder Aufklärungsarbeit bei den Touristen und sprechen solche Verbote nicht leichtfertig aus“.

Die kräftigen Strömungen würden die Schwimmer teils in unterschiedliche Richtungen nach rechts und links aufs Meer hinausziehen. Deshalb seien Ostsee und Strand von der Curschmann-Klinik in Timmendorf bis zur Scharbeutzer Seebrücke auch vom Hubschrauber der Bundespolizei, der mit einer Wärmebildkamera ausgerüstet ist, abgesucht worden.

Die aus Lübeck herbeigerufenen Taucher kamen angesichts der heftigen Wetterverhältnisse nicht mehr zum Einsatz, der gegen 22 Uhr abgeschlossen war. Während der Suchaktion erlitt ein Feuerwehrmann eine Schulterverletzung. Es soll ihm nach LN-Informationen inzwischen aber wieder besser gehen.

Die Ostsee würde immer wieder unterschätzt, „sie ist aber nun mal kein Binnenteich“, so Glaeser. Und anders, als es uns Hollywood immer wieder glauben mache, sei „Ertrinken ein leiser Tod. Wenn sie Wasser schlucken und keine Luft mehr kriegen — da kann keiner mehr um Hilfe rufen.“

Lebensretter ohne Anerkennung?
Ein Anruf aus Kiel sorgt in Niendorf und Timmendorfer Strand nicht nur bei Mitgliedern der Feuerwehr für Verwunderung. Eine Mitarbeiterin des Innenministeriums rief jetzt bei Carsten Dede, Ortswehrführer in Niendorf, an. Sie wollte wissen, so Dede, ob sich die Ereignisse bei dem dramatischen Unwetter vor etwa zwei Wochen so abgespielt hätten. Damals waren (wie berichtet) sieben Kinder auf Surfbrettern und Luftmatratzen auf die Ostsee getrieben. Drei von ihnen wurden, mit Hilfe von DLRG und Feuerwehr, von zwei Surflehrern wieder an Land gebracht. Man prüfe, ob beide dafür eine Auszeichnung erhalten sollten. Dede ergänzte, dass Stephan Muuss als Erster aus seinem Hotel ins Wasser gelaufen sei und ebenfalls drei Kinder aus der Ostsee gezogen habe. „Daraufhin sagte die Dame, er sei ja Feuerwehrmann, Retten sei sein Job. Deswegen würden Feuerwehrleute und Polizisten, auch wenn es ihr leid täte, generell nicht ausgezeichnet.“
Eine Anfrage der LN dazu blieb am Freitag vom Ministerium unbeantwortet.
Für Timmendorfer, Niendorfer und Urlauber wie Klaus Winter, die sich an die LN wandten, ist der Fall hingegen klar: „...auch wenn Stephan Muuss Feuerwehrmann ist (...), hat er in diesem Moment in ganz anderer Weise gehandelt. Auch ihm gebühren Dank und Hochachtung, so gehandelt zu haben.“
Für Stephan Muuss ist sein Tun selbstverständlich, erzürnt ist er aber beim Gedanken an den Mann, den er um Hilfe bat. „Der schüttelte den Kopf und sagte: ,Ich bring‘ mich doch nicht selber um.‘“ jhw

Martina Janke-Hansen

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