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Was geschah am Abend vor Juris Tod?

Eutin/Lübeck Was geschah am Abend vor Juris Tod?

Zahlreiche Widersprüche und ein Wust an Handy-Nachrichten vor dem Landgericht.

Eutin/Lübeck. Woher stammten die blauen Flecken am Körper des im April 2016 gestorbenen kleinen Juri aus Eutin? Wie lange war die Mutter am letzten Abend mit dem Kind allein, das am nächsten Morgen tot in seinem Bett lag? Welche Rolle spielte der quirlige Junge für die Beziehung von Ramona R. zu ihrem Lebensgefährten Frank G. (Name geändert)? Diese Fragen, zahlreiche Widersprüche und die Auswertung einer Masse an Handy-Textnachrichten prägen den dritten Verhandlungstag im Prozess um den Tod des knapp dreijährigen Kindes vor dem Lübecker Landgericht. Dort muss sich seine Mutter Ramona R. (34) wegen Totschlags verantworten. Sie soll das Kind am 13. April mit seinem Schlafsack erdrosselt haben.

Neben den Strangulationsmerkmalen wies der Körper des toten Kindes auch ältere Verletzungen auf: Hämatome und eine Schürfwunde an der Stirn, einen blauen Fleck am Po. Ramona R. – die sich vor Gericht nicht zum Tatvorwurf äußert – bestritt nach ihrer Festnahme in der Vernehmung bei der Polizei offenbar zunächst, Juri misshandelt zu haben. „Ich hasse Gewalt, das ist widerlich“, soll sie laut einer Kommissarin gesagt haben. Später habe die Angeklagte aber eingeräumt, sie habe den Jungen doch geschlagen und befürchtet, das Jugendamt würde ihr „Juri auch noch wegnehmen“, berichtet die Polizistin vor Gericht. Die beiden älteren Kinder von Ramona R. leben in Pflegefamilien, da ihr 2006 attestiert wurde, „nicht erziehungsfähig“ zu sein. Nachbarn hatten mehrfach das Jugendamt alarmiert, da sie aus der Wohnung von Ramona R. und Frank G. Schreie und die Geräusche von Schlägen gehört hatten, außerdem soll Juri weinend im Treppenhaus gefunden worden sein.

Entscheidenden Stellenwert hat in dem Verfahren die Antwort auf die Frage, ob Ramona R. am Abend des 13. April längere Zeit allein mit dem Kind war oder nicht – das betont ihr Verteidiger, Rechtsanwalt Andre Vogel. Als wenig hilfreich erweisen sich in diesem Zusammenhang die Aussagen von Frank G.: Zunächst erklärt er, das Zubettbringen von Juri am 13. April habe nur zwei Minuten gedauert, anschließend habe Ramona R. den ganzen Abend neben ihm auf dem Sofa gesessen. Als Frank G. aber vorgehalten wird, dass in diesem Zeitraum diverse Text-Nachrichten über die Handys des Paares hin und her wechselten, glaubt er, „Ramona müsste dann bei Juri im Schlafzimmer gewesen sein“. Letztlich meint er, die 34-Jährige sei doch bei ihm im Wohnzimmer gewesen.

Ramona R. hat bei der Polizei ausgesagt, sie habe gegen Mitternacht nach Juri gesehen, es sei „alles in Ordnung“ gewesen. Am Morgen des 14. April sei sie gegen 9.30 Uhr wach geworden und habe sich über die Stille in der Wohnung gewundert – und dann gegen 10 Uhr entdeckt, dass Juri kein Lebenszeichen von sich gab. Er habe blaue Lippen gehabt, sein Körper sei kalt gewesen, und sie habe „den größten Schrecken in meinem Leben“ bekommen, schildert Ramona R. Die Auswertung ihres Smartphones ergab jedoch, dass über dieses Gerät bereits ab 6.50 Uhr Kapitel eines Internet-Romans – sogenannte Fanfiction unter dem Titel „Wege zum Glück“ – geöffnet wurden, berichtet ein Ermittler.

Aus den Textnachrichten geht zudem hervor, dass es zwischen Ramona R. und Frank G. Streit gab. Frank G. forderte, Juri müsse „mehr Disziplin lernen“ und auf Hyperaktivität untersucht werden, ansonsten würde er sich von Ramona R. trennen. Diese beteuerte ihre Liebe und schrieb am 13. April unter anderem, Juri habe als „Erziehungsmaßnahme“ insgesamt 15 Minuten lang auf Befehl aufstehen und sich wieder hinsetzen müssen. „Noch länger“, lautete dazu die Antwort von Frank G., „der Bengel muss leiden.“

Rechtsanwalt Vogel hakt mehrfach bei den Kriminalbeamten nach, warum sie sich „so schnell“ auf Ramona R. als Täterin festgelegt und nicht auch „in andere Richtungen“ ermittelt hätten – beispielsweise in die von Frank G.. Das thematisiert der Verteidiger allerdings nicht, während Frank G. als Zeuge gehört wird, fragt ihn aber: „Sitzt meine Mandantin zu Recht hier?“ „Nein“, erklärt Frank G..

Der Prozess wird in drei Wochen, am Dienstag, 31. Januar, fortgesetzt. Dann soll ein erster Gutachter gehört werden. latz

LN

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