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Ostholstein Weißer Ring Ostholstein hilft 67 Opfern
Lokales Ostholstein Weißer Ring Ostholstein hilft 67 Opfern
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22:18 12.02.2016
Mutter Maria und Tochter Ameli Hanke können wieder lachen.

Dagmar Niemann (42) aus Eutin fühlt sich „wie eine Gefangene in der eigenen Wohnung“, und Maria Hanke (32) aus Heiligenhafen zweifelt an sich selber. „Ich dachte immer, ich sei eine starke Frau, die sich nichts gefallen lässt. Das war ich aber nicht“, blickt sie zurück. Für beide Frauen hat sich im vergangenen Jahr das Leben dramatisch verändert. Sie wurden Opfer von Straftaten. Kennengelernt haben sie sich bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring.

Holger Dabelstein, Leiter der Außenstelle Ostholstein, stellte gestern die Jahresbilanz vor. Der frühere Polizeibeamte ist einer von sieben ehrenamtlich tätigen Mitarbeitern im Kreis, zwei Frauen und fünf Männern.

Im vergangenen Jahr gab es seinen Angaben zufolge 34 Prozent mehr Opferfälle als im Jahr zuvor — konkret wurden 67 Fälle bearbeitet. 2014 waren es 50.

Ebenso wie auf Landesebene nahmen die Folgen von Körperverletzungen den größten Raum ein. Waren es in Ostholstein 2014 noch fünf Fälle, so waren es im vergangenen Jahr 20. Zudem gab es 18 Sexualdelikte (2014: 10), sechs Bedrohungen (4), fünf Diebstähle (3), acht Fälle von Stalking (3), zweimal Betrug (2), ein Tötungsdelikt (2), fünf Fälle von Raub (1) und gleichbleibend zwei sonstige Fälle.

Die Mitarbeiter des Weißen Rings Ostholstein leisteten 2015 exakt 2148,5 Stunden ehrenamtliche Arbeit. 2014 waren es „nur“ 868,5 Stunden. „Zwischen der Anzahl bekannt gewordener Straftaten und den Kriminalitätsopfern, die sich Hilfe suchend an den Weißen Ring wandten, klafft weiterhin eine Riesenlücke“, weiß Dabelstein. Auch 2015 werden etwa 14000 Straftaten registriert worden sein. Genaue Daten liegen noch nicht vor. „Nur relativ wenige Opfer finden den Weg zu uns“, bedauert Dabelstein. Dabei bietet diese Organisation vielfältige Hilfen. Nach der Tat geht es zunächst um Beistand, Betreuung, Beratung und Orientierung. Wenn sie es wünschen, werden die Opfer zu Ämtern, Behörden und Gerichtsverhandlungen begleitet. Angeboten werden zudem Hilfeschecks — einerseits für für psycho-traumatologische, andererseits für anwaltliche Erstberatung. Ferner gibt es finanzielle Soforthilfe, Opfer- und auch Ferienhilfe. Insgesamt wurden dafür im vergangenen Jahr in Ostholstein 9040 Euro ausgegeben. Im Jahr zuvor waren es etwa 5100 Euro.

In den 18 Fällen von Sexualdelikten ging es 16 Mal um sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung sowie zweimal um sexuelle Belästigungen.

Maria Hanke ist eines dieser Opfer. Sie wurde von ihrem Ehemann bedroht, gewürgt, geschlagen und zweimal vergewaltigt. Die zweijährige Tochter Ameli wurde mehrmals Zeugin von Prügelattacken. „Sie war total aufgewühlt und hat sich oft die Ohren zugehalten“, schildert Maria Hanke. Einmal habe die Kleine sogar versucht, sich schützend auf sie zu legen. Inzwischen ist der Ehemann und Vater ausgezogen. Maria Hanke: „Ich höre aber manchmal Stimmen und zucke bei jedem Geräusch zusammen.“ Ihre Tochter aber sei wieder aufgeblüht. „Wir sind schon ein gutes Team“, freut sich Maria Hanke.

Nicht nur der Weiße Ring, sondern auch ihre Familie und ihr Arbeitgeber, bei dem sie als Kellnerin tätig ist, unterstützen sie. Durch die Vermittlung des Weißen Ringes werden sich Mutter Maria, Tochter Ameli und ganz bestimmt auch Puppe „Mette“ demnächst zehn Tage lang an der Ostsee erholen.

Die Spielhallen-Aufseherin Dagmar Niemann wurde vom Ex-Freund tagsüber an ihrer Arbeitsstelle zusammengeschlagen. Er traf sie mit der Faust auf den Kopf, drängte sie ins Freie und zog ihr dort die Beine weg, so dass eine alte Knieverletzung wieder aufbrach. Sie musste lange Zeit ins Krankenhaus.

Dagmar Niemann hat inzwischen eine neue Wohnung bezogen und sich dort „eingeigelt“. Die Eutinerin: „Ich habe fast nur noch übers Internet Kontakt zu anderen Menschen.“ Ihr hilft der Weiße Ring vor allem durch die Vermittlung von Kontakten. Dabelstein: „Wir sind auch so etwas wie ein Behördenkompass.“

Vor 40 Jahren gegründet

Der Weiße Ring Deutschland besteht seit 1976. Er ging aus der Fernsehsendung „XY ungelöst“ mit Eduard Zimmermann hervor. Der Verein handelt ehrenamtlich und gemeinnützig und finanziert sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Erbschaften.

Bundesweit gibt es 420 Außenstellen mit 3000 ehrenamtlichen Mitarbeitern und fast 50 000 Mitgliedern. Die Bundesgeschäftsstelle ist in Mainz, das Landesbüro in Rendsburg.

Holger Dabelstein als Leiter der Außenstelle Ostholstein vom Weißen Ring ist erreichbar unter Postfach 2140, 23665 Timmendorfer Strand, Telefon 01 51/55 16 4750, E-Mail:

weisser.ring-ostholstein@web.de.

Christina Düvell-Veen
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