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„Wer arbeitslos wird, hat auf jeden Fall sehr gute Chancen“

Ostholstein „Wer arbeitslos wird, hat auf jeden Fall sehr gute Chancen“

Karsten Marzian vom Jobcenter Ostholstein zur Situation am Arbeitsmarkt.

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Karsten Marzian, Geschäftsführer vom Jobcenter Ostholstein, an seinem Schreibtisch in Eutin.

Quelle: Foto: Arnold Petersen

Ostholstein. Die Arbeitslosenzahl ist auf einem Tiefstand, die Zahl der Erwerbstätigen steigt und steigt. Bleibt das so?

Karsten Marzian: Wir rechnen  auch für 2017 mit einem weiteren Anstieg der Beschäftigung. Der große Bringer ist der Bereich Gesundheit/Pflege, hier hat es erhebliche Arbeitsplatz-Zuwächse gegeben. Das gilt ebenso für den Einzelhandel und die Gastronomie. Etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze im Kreis entfallen auf diese drei Branchen.

Gibt es  bereits Engpässe beim Besetzen von Stellen?

Marzian: Schon seit Jahren.  Auf eine zu besetzende Stelle in diesen drei Bereichen kommen jetzt häufig nur noch ein oder zwei Arbeitslose. Früher waren es meist mehr als sechs. Dazu kommt die immer dramatischer werdende demografische Entwicklung. Bis 2025 verlieren wir in Ostholstein auf dem Arbeitsmarkt eine Stadt in der Größenordnung von Neustadt. Wir werden bis dahin rund 15000 Personen im erwerbsfähigen Alter weniger haben. Wegen der Altersstruktur im Kreis ist der Rückgang doppelt so groß wie in Schleswig-Holstein.

Wer  arbeitslos wird, findet in diesen Berufen also sofort wieder einen neuen Job?

Marzian: Er hat auf jeden Fall  sehr gute Chancen. Aber es kann sein, dass die offene Stelle in Stockelsdorf angeboten wird und der oder die Arbeitslose auf Fehmarn wohnt. Wer eine Beschäftigung aufnimmt und den neuen Arbeitsplatz nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann, den unterstützen wir finanziell, sei es für den fehlenden Führerschein oder ein Auto.

Profitieren auch Langzeitarbeitslose vom Jobwunder?

Marzian: Die Chancen für Langzeitarbeitslose und Ältere sind  deutlich besser geworden. Die Betriebe in Ostholstein sind da sehr aufgeschlossen. Dabei hilft, dass der Arbeitsmarkt nicht so anonym ist wie in Großstädten. Hier spricht sich herum, wo es offene Stellen gibt. Davon profitieren auch unsere Kunden. Das Jobcenter betreut ja hauptsächlich Langzeitarbeitslose.

Wie sieht das in Zahlen aus?

Marzian: Aktuell haben wir knapp 1900 Langzeitarbeitslose. Das ist noch immer eine hohe Zahl, aber sie ist  deutlich niedriger als in der Vergangenheit mit über 2500. Wir kämpfen dafür, dass alle Arbeit finden, die dafür geeignet sind. Aber wir stoßen teilweise an Grenzen, weil die Anforderungen immer anspruchsvoller werden. Früher gab es noch Arbeitsplätze für einfache Tätigkeiten in der Landwirtschaft, auf dem Bau, bei Post, Bahn oder den Standortverwaltungen der Bundeswehr. Die fehlen  heute. Und nicht alle Langzeitarbeitslosen sind für höher qualifizierte Arbeiten geeignet.

Dennoch: Das klingt nach goldenen Zeiten am Arbeitsmarkt. Haben wir bald Vollbeschäftigung?

Marzian: Von Vollbeschäftigung wird meist bei einer Arbeitslosenquote von unter etwa drei Prozent gesprochen. In Ostholstein sind wir davon mit knapp sechs Prozent im Jahresschnitt noch ein gutes Stück entfernt. Dazu müsste die Zahl der Arbeitslosen um rund 2500 sinken. Das ist für alle Partner auf dem Arbeitsmarkt eine große Herausforderung. Was viele übrigens nicht wissen: Ein Drittel derjenigen,  die von uns Leistungen beziehen, sind in Arbeit, sie erhalten diese  aufstockend zum Erwerbseinkommen, weil es für den Lebensunterhalt nicht reicht. Das sind in Ostholstein immerhin 3000 Personen.

Sollte der Mindestlohn nicht gerade das ändern?

Marzian: Der Mindestlohn hat seinen Sinn, aber er ist selbst nach der leichten Erhöhung  zu niedrig, um einen auskömmlichen Lebensunterhalt sicherzustellen. Nehmen wir eine Familie, ein Kind, Frau mit 450-Euro-Job: Dann muss der Vater rund zwölf Euro brutto verdienen, damit die Familie nicht in den Leistungsbezug beim Jobcenter kommt. Eine Alleinerziehende mit einem Kind muss auf etwa 

elf Euro kommen. Durch den Mindestlohn sind   in Ostholstein etwa 100 Leistungsbezieher aus diesem Bezug herausgekommen – von insgesamt etwa 9000 Beziehern.

Hat der Mindestlohn denn Jobs vernichtet, wie die Arbeitgeber warnten?

Marzian: Bei der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt sehe ich keine negativen Auswirkungen.

Sind wegen der Personalnachfrage die Löhne und Gehälter gestiegen?

Marzian: Sie sind in Ostholstein gestiegen, aber nicht kräftig, sonst wären ja nicht so viele Menschen im zusätzlichen Leistungsbezug. Die Zahl von 3000 Empfängern ist relativ stabil geblieben. Aber wir beobachten auch: Arbeitgeber reagieren mit Sonderzahlungen oder Weihnachtsgratifikationen, um Mitarbeiter zu halten.

Wie klappt es mit der Vermittlung von Flüchtlingen?

Marzian: Das Jobcenter Ostholstein ist für anerkannte Flüchtlinge zuständig. Aktuell betreuen wir gut 1000 Flüchtlinge vor allem aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea. 600 von ihnen sind noch in Sprachkursen, etwa 200 nehmen an Jobcenter-Maßnahmen vor oder nach einem Sprachkursus als Vorbereitung auf Arbeit oder Ausbildung teil. Weitere 200 stehen für den Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, etwa Frauen mit kleinen Kindern oder Traumatisierte.

Welche Qualifikationen haben die potenziellen Arbeitskräfte?

Marzian: Etwa 80 Prozent kommen aktuell nur  für Helfertätigkeiten infrage. Sie bringen nicht die Qualifikationen mit, die hier  gefordert werden. Etwa 70 Prozent haben keine deutschen Sprachkenntnisse. Es sind aber auch Personen dabei, die eine Arbeit aufnehmen, das waren 2016 etwa 80. Das sieht wenig aus, aber man muss sehen, dass es dauert, bis die notwendigen Sprachkenntnisse und beruflichen Qualifikationen da sind.

Ihr Resümee – wie läuft es mit der Integration?

Marzian: Sie  braucht ihre Zeit. Es  hat auch mit der Motivation zu tun. Viele sind sehr motiviert, andere müssen wir überzeugen, dass Arbeit etwas Sinnvolles ist und dazu dient, den Lebensunterhalt sicherzustellen. Unser Ziel muss es sein, dass Flüchtlinge letztlich so viel verdienen, um auch ohne Leistungen vom Jobcenter auszukommen.

Interview: Arnold Petersen

Seit 1991 bei der Bundesagentur für Arbeit

Karsten Marzian (54) ist seit 2011 ist Geschäftsführer vom Jobcenter Ostholstein. Der Diplom-Volkswirt ist seit 1991 bei der Bundesagentur für Arbeit. Von 1992 bis 1996 war er Pressesprecher vom damaligen Landesarbeitsamt Nord. Von der Position als Referatsleiter Statistik und Arbeitsmarktberichterstattung wechselte Marzian 2000 nach Lübeck. Dort war er zuletzt Geschäftsführer Operativ der Agentur für Arbeit. Das Jobcenter Ostholstein ist eine gemeinsame Einrichtung vom Kreis und der Agentur für Arbeit Lübeck.

LN

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