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Ostholstein „Wir müssen lernen, im Regionalverkehr neu zu denken“
Lokales Ostholstein „Wir müssen lernen, im Regionalverkehr neu zu denken“
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13:05 22.10.2012
Stadt- und Regionalplaner Dr. Folckert Lüken-Isberner ist in Oldenburg aufgewachsen, lehrt an der Uni Kassel im Bereich Städtebau und hat für die Stadt ein Diskussionspapier zum Bahnverkehr erstellt.
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Ostholstein

Lübecker Nachrichten: Herr Lüken-Isberner, Sie haben ohne Auftrag und unentgeltlich ein Arbeitspapier zum Bahn-Haltepunkt in Oldenburg veröffentlich. Warum?

Dr. Folckert Lüken-Isberner: Ich bin Stadt- und Regionalplaner, aber nicht mehr im Dienst. Überall, wo ich Dinge sehe, zu denen ich etwas sagen könnte, tue ich es. Außerdem habe ich zu Oldenburg eine besondere Beziehung, weil ich hier aufgewachsen bin. Ich weiß, dass die Eisenbahngeschichte hier ihre Hochs und Tiefs hatte. Jetzt aber stehen Grundsatzentscheidungen wegen der Fehmarnbeltquerung an. Die Stadt hat mit der Strecke einen Schatz mit einem großen Zukunftspotenzial, das man nicht aufgeben sollte.

LN: Hat die Bahn in Oldenburg derzeit eher ein Hoch oder ein Tief?

Lüken-Isberner: Wir haben aktuell wenige ICE-Halte und eine Regionalbahn, die mit acht oder neun Halten sehr umständlich fährt. Das ist völlig unattraktiv. Aber es gibt in Schleswig-Holstein Pläne, derartige Strecken künftig im Stundentakt mit schnellen Regionalexpress-Zügen zu bedienen. Dann wäre Lübeck in einer guten halben Stunde zu erreichen. Damit sind aber ein Kommunalpolitiker und ein Laie, der sich im Bahnsystem nicht auskennt, überfordert. Man schaut nur auf das, was ist.

LN: Sind die Menschen zu voreingenommen?

Lüken-Isberner: Nein. Ich denke, das Angebot ist derzeit viel zu schwach. Aber man darf nicht vergessen, dass allein die Einrichtung des Zwei-Stunden-Taktes vor einigen Jahren zu einer Steigerung der Nutzerzahlen um 300 Prozent geführt hat. Das ist sensationell. Wir haben heute täglich 170 Ein- und Aussteiger ohne ICE allein im Nahverkehr. Das ist eine gute Basis. Wenn später der angedachte Halbstundentakt bis Neustadt kommen sollte, muss der Nordkreis aufpassen, nicht abgehängt zu werden.

LN: Was kann Oldenburg denn dagegen tun?

Lüken-Isberner: Die Stadt muss jetzt im Raumordnungsverfahren Bedarf anmelden, dass der Oldenburger Bogen nach dem Bau der Umfahrung nicht entwidmet wird. Denn die Attraktivität steht und fällt vor allem mit der Lage des Haltepunktes. So einer muss möglichst zentral liegen und fußläufig gut zu erreichen sein. Wenn sich Land, Kreis und Stadt von der Ferntrassenplanung der Bahn abhängig machen, wird ein Haltepunkt weit draußen kommen. Die diskutierten Bahnhöfe wären aber 1,5 bis drei Kilometer vom Zentrum entfernt. Dass wäre der Tod des Nahverkehrs. Da kann man noch so viel Stundentakt anbieten. Bei einem neuen Nahverkehrshaltepunkt im Bereich zwischen Meiereiweg hätten wir drei Schulen im Umkreis von 500 Metern. Das ist ideal. Allein Pendler und Schüler sind ein großes Potenzial.

LN: Viele befürchten, dass der nördliche Teil des Kreises ohne ICE-Halt touristisch auf das Abstellgleis gerät – Sie nicht?

Lüken-Isberner: Oberflächlich gesehen ist das erst einmal richtig. Aber man kann da Entwarnung geben und ganz entspannt damit umgehen. ICE und Regionalexpress sind zwei verschiedene Systeme. Beide haben ihre Berechtigung. Aber man sollte erst einmal das System berücksichtigen, das die Wirtschaftskraft der Region stärkt. Und das ist der intraregionale Verkehr, nicht der ICE. Die Alltagsverkehre gut zu bedienen, ist der Standortfaktor für Wirtschaft, Tourismus und Wohnqualität. Das haben viele Politiker nicht so verinnerlicht, weil sie oft keine Bahnfahrer sind.

LN: Versteifen sich die Politiker zu sehr auf das Aushängeschild ICE-Halt?

Lüken-Isberner: Das glaube ich nicht. Aber sie sollten sich beraten lassen und einfach auf Diskussionen einlassen – sich vielleicht bei Kollegen in der Nachbarschaft informieren, die die Bedeutung schon erkannt haben. Es gibt viele Beispiele, wo alte Gleise reaktiviert worden sind, um einen zentralen Bahnhof zu bekommen. Ein Beispiel ist das Stichgleis in Burg.

LN: Ist das Know-how dafür in der Region vorhanden?

Lüken-Isberner: Wir haben im Kreis mit Frau Kiemstedt und Herrn Weppler zwei sehr kompetente Regionalplaner. Die Bahn selbst interessiert der Regionalverkehr aus Erfahrung nur wenig.

LN: Auf die Deutsche Bahn kann die Region also kaum hoffen?

Lüken-Isberner: Es wird höchstwahrscheinlich alles mit einem anderen Betreiber für die Trasse und die verkehrenden Züge stehen und fallen.

LN: Also hat der Regionalverkehr Priorität?

Lüken-Isberner: Wir müssen erst den Regionalverkehr stärken und uns dann über den Fernverkehr Gedanken machen. Es geht hier um die Magistrale Lübeck-Nykøbing. Das sind 170 Kilometer mit intraregionalen Verkehrsströmen. Das sind sehr attraktive Perspektiven, die das Land und die regionale Politik auch selbst gestalten können und die nicht, wie der ICE, allein von der Bahn bestimmt werden. Wir müssen lernen, im Regionalverkehr neu zu denken.

LN: Welche konkreten Schritte wären für die Umsetzung ihres Konzeptes kurzfristig erforderlich?

Lüken-Isberner: Man muss jetzt im Raumordnungsverfahren fordern, die alte Trasse nicht zu entwidmen. Dazu muss die Politik zusammen mit dem Kreis entsprechende Formulierungen machen. Ohne diesen Schritt hat Oldenburg keine Perspektive im Regionalverkehr. Das sind Erfahrungen.

LN: . . . und welche Schritte mittelfristig?

Lüken-Isberner: Oldenburg überlegt, ein integriertes Stadtentwicklungskonzept zu erstellen. Da gehört dann dieser neue integrierte Verkehrsknoten als Teil mit hinein. Dann kann man Visionen und Szenarien entwerfen. Letztlich ist der Stadtbahnhof ja nicht neu. Den gab es schon einmal. Aber manchmal hilft der Blick von außen, um solche Dinge wiederzuentdecken. Ein solcher Stadtbahnhof mit den leisen Zügen der Zukunft würde auch der städtebaulichen Entwicklung nicht entgegenstehen.

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