Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Ostholstein „Wir sind nicht Opfer“
Lokales Ostholstein „Wir sind nicht Opfer“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:04 19.11.2016
In der kleinen Turnhalle der ehemaligen Hochtor-Grundschule lernen die Frauen, sich zu verteidigen. Quelle: ROSENKÖTTER

Die Zeiten in denen Gudrun Weidemann die Straßenseite wechselt, wenn ihr jemand „angsteinflößendes“ entgegen kommt, sind vorbei. Einen Mann anzusprechen, der scheinbar hilflos auf dem Rasen liegt und dessen Gemüt nur schwer einzuschätzen ist, ist für Sabine Buttkus kein Problem mehr. Beide Frauen nehmen an einem Selbstverteidigungs-Kursus in Neustadt teil. Einmal pro Woche lernen sie von Michael Wolfgramm (Kampfkunstschulen Schleswig- Holstein), wie sie selbstsicherer auftreten, Ängste realistisch einordnen und sich gegen aufdringliche Menschen verteidigen.

Zur Galerie
Gudrun Weidemann (l.) übt mit der Neustädter Gleichstellungsbeauftragten Natalia von Levetzow und erzählt, dass sie sich Dank des Kurses selbstbewusster fühlt.

Die Aktionswoche im Detail

„Die andere Person ahnt nicht, dass wir reagieren.“Michael Wolfgramm, KSH-Trainer

Dass Frauen Opfer von Gewalt werden, ist keine Seltenheit. Gleichstellungsbeauftragte Natalia von Levetzow erzählt, dass es in diesem Jahr zwölf Fälle häuslicher Gewalt im Bereich Neustadt gegeben habe. Von Bedrohung bis schwerer Körperverletzung sei alles dabei gewesen. Sie betont, dass dies lediglich die der Polizei bekannten Taten seien. „Die Dunkelziffer ist viel höher“, sagt von Levetzow.

Nach wie vor ist eine Attacke in den eigenen vier Wänden eines der größten Gesundheitsrisiken für Frauen. Darauf aufmerksam machen soll die Neustädter „Aktionswoche gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ (siehe Text unten).

„Wir sind nicht Opfer. Wir sind Verteidiger. Wir werden uns nicht zum Opfer machen lassen.“ Sätze wie diese sind fester Bestandteil des Trainings mit Michael Wolfgramm. Im Fokus steht Selbstverteidigung. Dass dafür weder tägliches Krafttraining noch Kampfsporterfahrungen notwendig sind, wird schnell sichtbar.

Scheinbare Kleinigkeiten verändern die Eigen-Wahrnehmung der Frauen. Deshalb werden auch eine gerade Körperhaltung und eine laute und sichere Stimme gefördert. Wolfgram erläutert, wie Kräfte wirken und warum Beinarbeit wichtig ist, um aufdringlichen Menschen die Grenzen aufzuzeigen.

Nach und nach lernen die Teilnehmerinnen, wie sie jemanden wegdrücken können. Reicht das nicht aus, könne ein gezielter Schlag helfen. Aber das ist erst in einer der nächsten Trainingsstunden an der Reihe.

An diesem Abend geht es vor allem darum, Vertrauen in den eigenen Körper zu aktivieren. „Wir müssen daran denken, dass wir immer den Überraschungseffekt haben. Die andere Person ahnt nicht, dass wir reagieren“, verdeutlicht der Trainer, der bei den Übungen auf Wing-Tsun-Elemente, einer chinesischen Kampfkunst zur Selbstverteidigung, setzt. Die Teilnehmerinnen sollen lernen zu zeigen, dass sie etwas können und nicht nur warnend den Zeigefinger heben.

Dass in diesem Jahr fast 70 Frauen einen der Kurse in Neustadt besucht haben, bestätigt den Bedarf. Zudem macht es deutlich, dass es neben tatsächlichen Gefahrensituationen viele Ängste gibt. Die Einordnung dieser ist für Wolfgramm ein bedeutender Bestandteil. „Oft sind es instinktive Unsicherheiten und unsere mangelnde Einschätzungsfähigkeit, die Angst auslösen. Nicht die Herkunft einer Person ist entscheidend, sondern unsere Unkenntnis und falsche Vorurteile“, erklärt der Trainer Michael Wolfgramm.

Hinzu komme, dass Angst medial gefördert werde, in dem permanent Nachrichten auf einen einprasseln. „Besonders in sozialen Netzwerken werden Gerüchte geteilt, die Hysterie auslösen und sich am Ende als falsch herausstellen“, ergänzt Natalia von Levetzow. So habe sich vor etwa einem Jahr in Grömitz ein scheinbarer „Mitschnacker“ als Lehrerin entpuppt.

Die Neustädter Frauenrunde lädt vom 21. bis 28. November zur „Aktionswoche gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ ein. Das Thema häusliche Gewalt soll noch mehr aus dem Schatten der Privatsphäre in den Fokus der Öffentlichkeit gelangen. In Ostholstein arbeiten die landesweite Initiative KIK (Projekt gegen häusliche Gewalt) und Institutionen wie Jugendämter, Beratungsstellen, Polizei, Frauenhäuser und Gerichte zusammen.

Die Aktionswoche beginnt um 19 Uhr mit einem Literaturabend in der Stadtbücherei am Mittwoch, 23. November. Zwei Tage später findet ab 10 Uhr die Brötchentütenaktion auf dem Marktplatz statt. Abends gibt es einen ökumenischen Gottesdienst in der Hospitalkirche (19 Uhr). Zudem wird die gesamte Woche über ein thematisch passender Büchertisch in der Stadtbücherei zu finden sein. Alle Veranstaltungen sind kostenlos, Männer sind willkommen.

Wer Gewalt in seinem Umfeld erkennt oder erlebt, kann anonym die Nummer des kostenlosen Hilfetelefons (08000/ 116016) wählen.

 Sebastian Rosenkötter

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Agnes-Maria Popp und Pastor Johannes Höpfner gründeten ein Trauercafé.

19.11.2016

Die Bundespolizei steht vor einem großen Umbruch. Bis 2020 sollen deutschlandweit 7000 neue Stellen geschaffen werden. Gestern stellte die ostholsteinische Bundestagsabgeordnete Bettina Hagedorn (SPD) die Pläne in Neustadt vor.

19.11.2016
Ostholstein Weissenhäuser Strand - Ein Meer an buntem Partyvolk

Schlaghosen, Prilblumen, Plateaustiefel – das größte Indoor-Schlager-Festival im Ferienzentrum Weissenhäuser Strand lockte ein buntes Partyvölkchen an die Ostseeküste, um an den vergangenen beiden Tagen bis tief in die Nacht zu den angesagtesten Schlager- und Ballermann- Hits ein kultiges Fest abzufeiern.

19.11.2016
Anzeige