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Ostholstein Wolle – ein Weltmarkt-Produkt
Lokales Ostholstein Wolle – ein Weltmarkt-Produkt
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22:33 07.07.2017
Herbert Minks vom Herdbuchbezirk Ostholstein organisiert jedes Jahr den Wollankauf. Mit dem Preis ist er nicht zufrieden. Quelle: Fotos: Peyronnet

„Die wollen mich hier alle steinigen“, stöhnt Rolf Marten, Einkäufer der Firma Friedrich Sturm aus Osterhorn (Kreis Pinneberg). Auf der Liste vor ihm sind die Ankaufspreise dieses Jahres vermerkt.

Schafhalter aus Ostholstein bekommen kaum noch Geld – Der Ölpreis ist schuld daran.

6,5 Tonnen Wolle haben die Einkäufer gestern in Liensfeld entgegengenommen.

Das meiste davon stammt von kleinen Schafhaltern.

Sie bewegen sich zwischen null Euro, etwa für gemischte Wolle, und 55 bis 65 Cent für reine weiße Wolle, ein Preis, der ab eineinhalb Tonnen Liefermenge gezahlt wird. Für kleine Mengen gibt es einen Abschlag von zehn Cent. Im vergangenen Jahr lag der Preis noch bei 1,30 Euro pro Kilogramm. „Er ist von Monat zu Monat gesunken, und das mit offenem Ende“, erläutert Martens die Talfahrt.

Mehr könne seine Firma nicht zahlen, weil von der im vergangenen Jahr entgegengenommenen Wolle noch nicht ein Gramm verkauft worden sei, sagt Martens. Das Wolllager in Tönning (Kreis Nordfriesland) sei randvoll. Es fehle einfach an der Nachfrage auf dem Weltmarkt. Die Wolle der in Norddeutschland gehaltenen Schafe sei ausschließlich für die Teppichboden-Industrie zu gebrauchen. Sie gehe zu 80 Prozent nach China, Indien und Pakistan. Dort aber würden Teppichböden längst nicht mehr zu 100 Prozent aus Schurwolle, sondern wegen des günstigen Ölpreises zunehmend aus Kunstfasern hergestellt.

Hinzu komme ein Trend zu immer mehr Laminat, weg vom Teppichboden.

Dass Schafwolle ein Weltmarktprodukt ist und von Weltmarktpreisen abhängt, tröstet die Schafhalter nicht. „Was ist das für ein Preis? Das ist kein Preis“, schimpft Herbert Tietgen aus Nettelsee (Kreis Plön), Ehrenvorsitzender des Landesverbandes der schleswig-holsteinischen Schafzüchter. „Ich hoffe, dass er mir was gibt“, sagt er mit Blick auf Martens.

Runter vom Schaf muss die Wolle jedes Jahr. Sie ist der Winterpullover der Tiere, im Sommer würden sie darin leiden. Es droht ein Hitzestau. Aber was tun mit der Wolle? Sie verrottet nicht, es bleibt nur, sie abzugeben – ob gegen Geld oder eben ohne einen Preis dafür zu erzielen.

Die Schafhalter wären froh, wenn sie durch den Wollverkauf wenigstens den Lohn für den Schafscherer herausbekommen würden. Der beträgt je nach Anzahl der Schafe zwischen drei und zehn Euro pro Tier.

Herbert Minks hat 75 Kilogramm Wolle von seinen 25 Suffolk-Schafen gebracht. Nicht unbedingt eine Rasse, deren Wintermantel viel Geld einbringt. Am Ende hat Minks 35 Euro bekommen. „Was zu verkaufen ist, ist Merinowolle. Aber die gibt es in Schleswig-Holstein nicht“, sagt Wolleinkäufer Martens. Merinowolle nimmt die Bekleidungsindustrie ab. Martens sitzt zusammen mit seinem Kollegen Dimitrij Sinielnikow und der Kasse an einem Tisch in der großen Maschinenhalle des Hofes Kallmeyer, auf dem die Wollannahme jedes Jahr stattfindet.

Schafhalter aus ganz Ostholstein, aus dem Kreis Segeberg und der Umgebung kommen angefahren mit Zweiachs-Anhängern, Pferdeanhängern oder Lieferwagen. Es sind kleine bis mittlere private Schafhalter.

Bei den großen kommt der Aufkäufer auf den Hof, holt die großen Mengen direkt ab. Martens geht davon aus, dass in Liensfeld etwa fünf bis sechs Tonnen Wolle zusammenkommen.

Die ist in große Säcke gepresst, immer etwa 50 Kilogramm pro Ballen. Vor der Halle steht Johannes Hustadt, einer von mehreren Mitarbeitern der Firma Sturm, die an diesem Tag in Liensfeld sind. Er wiegt die Wolle mit einer sogenannten Schnellwaage, einem Balken mit Schiebegewicht, der einfach an die halb herunter gelassene Heckklappe eines Lastwagens gehängt wird. Hinter ihm liegen haufenweise Säcke mit Wolle. Nach und nach werden sie per Gabelstapler oder per Muskelkraft in einen großen Container geschafft.

Ob dessen Inhalt jemals in China, Indien oder Pakistan an- und als Teppichboden wieder nach Europa zurückkommt, ist mehr als unsicher. Alles eine Frage des Weltmarktes.

20 Prozent Schweiß

Vier Kilogramm Wolle, mal mehr, mal weniger, hat ein schleswig-holsteinisches Schaf am Körper, bevor es geschoren wird. Deichschafe bringen es auf etwa 3,5 Kilogramm.

Das Gewicht hängt auch damit zusammen, wie viel Schweiß der Tiere sich in der Wolle ansammelt. Der Schweiß macht bis zu 20 Prozent des Gewichts aus. Binnenlandschafe schwitzen mehr als Deichschafe.

 Susanne Peyronnet

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