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Ostholstein Zeitzeuge Wim Alosery erinnert sich an Cap-Arcona-Tragödie
Lokales Ostholstein Zeitzeuge Wim Alosery erinnert sich an Cap-Arcona-Tragödie
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20:37 03.05.2013
Von Sebastian Rosenkötter
Mit Kränzen und Fahnen wurde gestern den Opfern der Cap-Arcona-Tragödie am Neustädter Ehrendenkmal gedacht. Mehr als 100 Personen kamen und hörten, was sich vor 68 Jahren in der Lübecker Bucht abspielte. Quelle: Fotos: Sebastian Rosenkötter
Neustadt

Kränze mit bunten Blumen liegen vor dem Neustädter Ehrendenkmal. Vögel singen. Sonnenstrahlen lassen das Wasser der angrenzenden Ostsee glitzern. Was auf den ersten Blick friedlich und schön erscheint, wirkt auf den zweiten Blick schwer, traurig und unfassbar. Mehr als 100 Menschen sind gekommen. Ihre Blicke sind gesenkt, kein Lächeln ist zu sehen. Viele haben ihre Hände vor dem Bauch übereinander gelegt. Gemeinsam gedenken sie den rund 8000 KZ-Häftlingen, die nur wenige Meter entfernt am Strand und in den Fluten der Lübecker Bucht am 3. Mai 1945 starben.

Der Donnerstag vor 68 Jahren beginnt mit einem Blutbad. Seit dem Morgengrauen fliegen englische Flugzeuge der Royal Air Force Luftangriffe auf die deutschen Schiffe, weil sie hochrangige Nazis an Bord vermuten. Um 14.30 Uhr werden die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“ bombardiert. An Bord der beiden Schiffe befinden sich Tausende Häftlinge, die meisten aus dem Konzentrationslager Neuengamme.

Es sind Menschen aus 24 Nationen.

Einer der wenigen, die den Angriff überlebt haben, ist Wim Alosery. Er wurde 1923 in den Niederlanden geboren und nach dem Einmarsch der Deutschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Nach einem Fluchtversuch wurde er ins KZ Neuengamme gebracht. Was dann geschah, erzählt er gestern morgen bei der Gedenkveranstaltung.

„Ich gehörte zur Gruppe der letzten Gefangenen im Lager. Wir mussten alles aufräumen und Spuren verwischen, damit niemand die Verbrechen der Deutschen nachvollziehen konnte“, sagt Alosery.

Überraschend hätten er und seine Mitgefangenen das Lager verlassen dürfen. Überraschend, weil sie ja von den Taten wussten. „Wir wurden mit Güterzügen nach Lübeck gebracht und dann auf die ,Athen‘, ein kleines Schiff, gestopft“, so Wim Alosery. Dieses habe ihn und die anderen dann zur „Cap Arcona“ gefahren. Was er zu dem Zeitpunkt nicht weiß: das Schiff wird für viele zur Todesfalle. „Die hygienischen Bedingungen waren unvorstellbar. Viele hatten Durchfall, es lief an ihnen herunter.“ Wim Alosery wird in die untere Etage gebracht. „Das Schiff war für 700 Menschen gedacht. Es wurden aber 5000 zusammengepfercht“, berichtet Alosery.

In den kommenden Stunden reihen sich mehrere glückliche Umstände aneinander. Zunächst entdeckt Alosery hinter einer Schrankwand einen Schacht, der in eine Küche führt. Dort findet er etwas Haferflocken. „Das war eine gefährliche Situation, da ich mich außerhalb des bewachten Bereiches befand.“ Als der Angriff auf die „Cap Arcona“ beginnt, wagt sich Alosery zum Achterdeck. Er entdeckt ein Tau, klettert in die Ostsee und gelangt mit einem Rettungsboot an den Strand. „Dass ich das Boot entdeckte, war ein Wunder.“ Andere haben weniger Glück, ertrinken oder werden erschossen. Alosery hingegen erholt sich in einer Soldatenbaracke und verläßt einige Tage später Neustadt in Richtung Niederlande.

Tragische Verwechslung
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ereignet sich in der Lübecker Bucht eine der größten und dabei kaum bekannten Schiffskatastrophen der Geschichte. Fast 8000 Menschen kommen ums Leben. Sie sind Opfer eines Irrtums: Flieger der Royal Air Force versenken das deutsche Passagierschiff „Cap Arcona“ und den Frachter „Thielbek“. Diese geraten zufällig ins Fadenkreuz. Die Briten halten sie für deutsche Truppenverbände. An Bord sind aber hauptsächlich evakuierte Häftlinge aus dem Hamburger Konzentrationslager Neuengamme.
Grabsteine auf Friedhof umgestoßen
Empörung in Neustadt: Auf dem öffentlich zugänglichen jüdischen Friedhof wurden in der Zeit zwischen Dienstagnachmittag und Donnerstagmorgen sieben Grabsteine umgestoßen. Einer wurde sogar vom Sockel gelöst und stark beschädigt. Entdeckt wurde die Zerstörung von einem Bauhofmitarbeiter.

Der Historiker Wilhelm Lange, Leiter des Cap-Arcona-Museums in Neustadt, reagierte mit Unverständnis und Entsetzen. „So wie mir die Situation geschildert wurden, ist die Tat bewusst verübt worden. So etwas macht man nicht im Vorbeigehen.“

Lange vermutet zudem einen Zusammenhang zum gestrigen Cap-Arcona-Gedenktag. Die Polizei schließt einen Zusammenhang ebenfalls nicht aus. Deshalb ermittelt das Kommissariat 5 der Kriminalpolizei Lübeck nun wegen Störung der Totenruhe und gemeinschädlicher Sachbeschädigung. Die Kripo hofft nun auf Zeugenhinweise aus der Bevölkerung. Die Beamten sind telefonisch unter der Lübecker Telefonnummer 0451/1310 zu erreichen.

Schockierend ist auch, dass es nicht der erste Vorfall dieser Art ist. Im Mai 2003 lag ein totes, aufgeschlitztes Ferkel vor einem Gedenkstein. Zudem war dieser mit dem Schriftzug „C 18“ beschmiert.

Das ist die Abkürzung für „Combat 18“, einem verlängerten Arm der verbotenen rechtsextremen Blood- &-Honour-Gruppierung. ser

Sebastian Rosenkötter

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