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Ostholstein Zu wenig Zeit: Betreuer stoßen an ihre Grenzen
Lokales Ostholstein Zu wenig Zeit: Betreuer stoßen an ihre Grenzen
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21:53 27.10.2017
„Betreuen ist nicht Überwachen." Reinhard E. Sohns, „Die Ostholsteiner“

Wer den Begriff Betreuung höre, „überschätzt häufig, was diese tatsächlich zu tun vermag“, erklärt Reinhard E. Sohns, Geschäftsführer der Behindertenhilfe „Die Ostholsteiner“. „Betreuung ist keine Aufsicht“, verdeutlicht er und betont: „Dem Betreuer darf man im Falle des Oldenburgers sicherlich keinen Vorwurf machen.“

620 Berufs- und mehr als 22600 ehrenamtliche Betreuer unterstützen laut Justizministerium etwa 50500 Menschen. Es gibt 19 Betreuungsvereine, in denen Ende 2015 2644 Ehrenamtler organisiert waren.

Die Zahl der betreuten Menschen variiert. Das Ministerium geht davon aus, dass ein Berufsbetreuer durchschnittlich für 30 bis 45 Menschen zuständig ist.

„Menschen zu betreuen, heißt nicht, sie zu beaufsichtigen“

Der 42-jährige Brandstifter wurde hauptsächlich in finanziellen Angelegenheiten unterstützt. Seinen gesetzlichen Betreuer sah er ein bis zwei Mal im Monat. Die vor Gericht von einem Gutachter diagnostizierte Alkoholabhängigkeit blieb unbemerkt – genauso wie das bescheinigte „dysfunktionale Verhaltensmuster“, nach dem das Zündeln dem Frustabbau diente. Der Mann ist inzwischen in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung untergebracht. Vom Gericht wurde er trotz eines Geständnisses freigesprochen, weil „nicht ausgeschlossen werden konnte, dass seine Steuerungsfähigkeit während der Taten aufgehoben war“ (die LN berichteten).

„Es ist nicht der erste und wird auch nicht der letzte Fall sein, in dem destruktives Verhalten zunächst unbemerkt bleibt und am Ende alle überrascht sind“, so die nüchternen Worte eines gesetzlichen Betreuers, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. In Schleswig-Holstein gibt es neben den Berufsbetreuern zahlreiche ehrenamtliche Betreuer, die betroffene Menschen unterstützen (siehe Infotext). Keiner von ihnen könne seine „Schützlinge“ rund um die Uhr im Auge haben, betont der Fachmann, „und das ist auch nicht ihre Aufgabe“. Bei der rechtlichen Betreuung gehe es darum, in unterschiedlichen (alltäglichen) Bereichen Hilfestellung zu leisten – „es geht nicht darum, die Betroffenen zu überwachen“.

Die Anforderungen wachsen ständig

Trotzdem würde er sich wünschen, dass für den Einzelnen mehr Zeit zur Verfügung stünde, sagt der Mann. „Wenn man sich den Betroffenen intensiver und häufiger widmen könnte, würden bestimmt nicht alle, aber doch einige Probleme früher erkannt werden“, vermutet der Betreuer.

Ein höherer Personalschlüssel – zurzeit werden in den Werkstätten der Einrichtung im Schnitt zwölf Menschen mit Beeinträchtigung von einem Arbeitsbegleiter unterstützt – sei grundsätzlich immer wünschenswert, sagt auch „Ostholsteiner“-Geschäftsführer Sohns. Zumal die Anforderungen stetig wüchsen: Seien in den Werkstätten früher etwa überwiegend geistig behinderte Menschen beschäftigt gewesen, hätten die Arbeitsbegleiter es heute zunehmend mehr mit psychischen Beeinträchtigungen zu tun. Das Spektrum der Erkrankungen sei weit gefächert, erläutert Sohns, und es sei nicht einfach, dem jeweiligen Unterstützungsbedarf gerecht zu werden.

Ähnliches hatten beispielsweise auch schon die Suchtberatungsstellen im Norden Ostholsteins berichtet: Nach Angaben der Ambulanten und Teilstationären Suchthilfe (ATS) nehmen die Fälle zu, in denen sich die Fachleute neben einer Abhängigkeit auch mit psychiatrischen Diagnosen konfrontiert sehen.

Kämen die Arbeitsbegleiter zu der Einschätzung, dass jemand eine stärkere Unterstützung im Alltag benötige, gebe es die Möglichkeit für die „Ostholsteiner“, sich an die zuständigen Behörden zu wenden, erklärt Geschäftsführer Sohns. Das Betreuungswesen im Land auf eine Weise zu intensivieren, dass Fälle wie die Brandstiftung in Oldenburg ausgeschlossen werden könnten, sei aber wohl kaum möglich, gibt er sich realistisch: „Wo soll man da ansetzen?“ Außerdem „geht man von so etwas ja auch nicht aus“, betont er, man könne nicht erstmal alle Menschen unter Generalverdacht stellen.

 Jennifer Binder

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