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Ostholstein Zuhören und auffangen in schweren Stunden
Lokales Ostholstein Zuhören und auffangen in schweren Stunden
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20:52 24.10.2017
Peter Ernst, Susanne Schloer-Riedel und René Schumann (v. l.) mit der Handpuppe „Klein-Knut“ und Notfallrucksack. Quelle: Foto: Benthien

Drei Frauen und drei Männer gehören derzeit zum Team des Kreisverbandes Ostholstein vom Deutschen Roten Kreuz. Ein Wochenende pro Monat übernehmen sie Bereitschaftsdienst für den sogenannten häuslichen Bereich, der rund 80 Prozent ihrer Einsätze ausmacht. Dann sehen sich Peter Ernst (69), Susanne Schloer-Riedel (55), René Schumann (41) und ihre Kollegen mit folgenden Situationen konfrontiert: vergebliche Wiederbelebung, Tod oder schwere Verletzung eines Kindes, Suizid oder Suizidversuch, Überbringung einer Todesnachricht, wenn die Polizei ihre Begleitung dazu anfordert.

Die ehrenamtlichen Helfer stehen den Angehörigen und Hinterbliebenen zur Seite, auch wenn Notarzt, Sanitäter und Polizei wieder abgerückt sind. Sie bleiben so lange – manchmal über Stunden – bis jemand aus der Familie, dem Freundes- oder Bekanntenkreis eingetroffen ist, der den Betroffenen in seine Obhut nimmt und sich um ihn kümmert. „Wir bauen ein soziales Netz auf“, sagt Peter Ernst dazu, „erst wenn das steht, ziehen wir uns zurück.“ Dazu kann auch gehören, weitere Helfer einzubeziehen, etwa Psychotherapeuten oder Jugendamtsmitarbeiter zu verständigen.

Das Kriseninterventionsteam bietet seelische Erste Hilfe. Es hört zu und ist einfach nur da. „Mitfühlen, aber nicht mitleiden“ lautet das Credo, „das kann manchmal schwierig sein“, räumt Peter Ernst ein. Weil sie sich bei ihren Einsätzen auch immer wieder um Kinder kümmern, haben die Helfer in ihrem Einsatzrucksack Papier und Buntstifte und eine kleine flauschige Handpuppe in Form eines Eisbären. „Klein-Knut“, sagt René Schumann lächelnd. Gelegentlich ist es für Kinder einfacher, ihr Herz dem Bären auszuschütten. Ebenfalls im Rucksack: eine Kerze. „Wenn sich jemand von einem Verstorbenen verabschieden möchte, kann sie ein kleines bisschen feierliche Atmosphäre vermitteln“, findet Susanne Schloer-Riedel.

Alarmiert wird das Kriseninterventionsteam des DRK (erfolgt immer über die Rettungsleitstelle in Bad Oldesloe) auch bei den sogenannten Einsätzen im öffentlichen Raum. Das sind schwere Verkehrsunfälle, Bahnunglücke, größere Ereignisse mit vielen Verletzten, Evakuierungsmaßnahmen zum Beispiel nach einem Feuer, Betreuung nach Gewaltverbrechen oder bei Vermisstensuchen, Katastrophen.

Nach belastenden Einsätzen ist das Team aber genauso für die Kräfte der Rettungsdienste und Bereitschaften da. Im Schnitt haben die DRK-Helfer 20 Einsätze im Jahr. „Wichtig ist es, immer authentisch zu bleiben“, sagen Susanne Schloer-Riedel, René Schumann und Peter Ernst übereinstimmend. Werden sie über die Rettungsleitstelle und einen Koordinator verständigt, dass sie gebraucht werden, greifen sie die Jacke, und los geht es. Er denke auf dem Weg nicht viel nach, berichtet Peter Ernst. „Was mich erwartet, sehe ich vor Ort.“

Nach einem Einsatz tun Rituale gut, „um runterzukommen“. Susanne Schloer-Riedel zieht sich um, macht sich frisch und isst etwas. René Schumann dreht eine große Runde mit seinen Hunden und sucht Ruhe.

In regelmäßigen Teamsitzungen werden die Einsätze besprochen – „ganz offen“, betont Peter Ernst. Auch wenn sie viel Leid und Kummer miterleben, so sind sie sich doch einig: „Das ist eine sehr erfüllende, bereichernde Tätigkeit. Wir erfahren viel Dank und Freundlichkeit.“

Von Beruf ist Peter Ernst Sozialpädagoge, Susanne Schloer-Riedel Arzthelferin, René Schumann Rettungsassistent. Ähnliche Vorbildungen sollten Interessenten, die gern im DRK-Kriseninterventionsteam mitarbeiten wollen, mitbringen. Die Anwärter dürfen nicht zu jung sein, eine gewisse Lebenserfahrung sollte vorhanden sein.

Kontakt: PeterErnst@gmx.net.

Zweiwöchiger Grundlehrgang

Das Team des DRK Kreisverbandes ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung (AG PSNV Ostholstein) zusammen mit den Notfallseelsorgern der christlichen Kirchen und den Feuerwehren. Alle PSNV-Kräfte haben eine einheitliche Qualifikation und Weiterbildung.

Die Ausbildung für Anwärter im Kriseninterventionsteam erfolgt in einem zweiwöchigen Lehrgang in Rendsburg. In Traumatologie ausgebildete Psychotherapeuten und Psychologen vermitteln den Teilnehmern unter anderem Gesprächsführungstechniken.

16 Stunden pro Jahr müssen sich die Team-Mitglieder fortbilden. Dafür opfern sie Urlaubstage und Freizeit. Diese Fortbildung ist nicht als Bildungsurlaub anerkannt.

Ulrike Benthien

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