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Ostholstein Zwiebel, Jesus-Collage und Fukushima
Lokales Ostholstein Zwiebel, Jesus-Collage und Fukushima
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20:48 22.08.2017
Feierabend! Museumswärter Dave, gespielt vom Schauspieler Ivan Dentler, bewacht statt der Skandal-Kunst „Nipple Jesus“ jetzt eine harmlose Zwiebel.

Sechs Wochen lang gab es auf Fehmarn Kultur satt. Musik, Literatur, Theater und vor allem Kunst: Die Kirchner-Jubiläums- Ausstellung hat überregionale Aufmerksamkeit gefunden. Original- Zeichnungen des Expressionisten kehrten nach über 100 Jahren wieder auf die Insel zurück.

25 Jahre Kirchner-Verein Fehmarn: Bemerkenswerte Theater- und Jazz-Akzente zum Ausklang.

Dazu gab es ein sehr ambitioniertes Rahmenprogramm des Ernst- Ludwig-Kirchner-Vereines Fehmarn, der seit 25 Jahren vor allem die vier sehr produktiven Inselsommer des heute weltberühmten Malers für die Öffentlichkeit dokumentiert. Seither hat er den Kunstfreunden weit über die Insel hinaus zahlreiche bemerkenswerte Ausstellungen geboten.

Sonntag ging die Ausstellung „Fehmarn – Kirchners Paradies“ zu Ende. Es war ein absolutes Highlight, passend zum großen Jubiläum. Die 50 Zeichnungen gehen jetzt an den Schweizer Kirchner- Nachlassverwalter zurück. „Dass wir sie auf Fehmarn zeigen konnten, darüber sind wir sehr glücklich“, so die Vorsitzende Antje Borgwardt. Eine endgültige Bilanz steht aber noch aus.

Hier noch ein paar Streiflichter zum Rahmenprogramm, das ebenfalls lange nachwirken wird. Zum Finale bescherte der Kieler Schauspieler Ivan Dentler dem Publikum einen denkwürdigen Theaterabend. Darin wird das Museum – überaus gut passend zu Kirchner – zum Ort der Provokation. Denn der ehemalige Club-Türsteher Dave muss ein höchst anstößiges Kunstwerk bewachen. „Nipple Jesus“, das Bild des gekreuzigten Jesus, ist in Wahrheit eine Collage aus unzähligen kleinen Brustwarzen. Ausgeschnitten aus Porno-Heften, kein Zutritt unter 18. Dave ist empört, zumal das „ekelhafte“ Kunstwerk gar von einer Frau stammt. Und das in einer Ausstellung mit lauter Strichmännchen jenes Kirchners, die ihm vorkommen, als hätte ein Vierjähriger sie gemacht . . .

Dentler alias Dave sorgt für ein pures Theatervergnügen. Mit derb-drastischen Worten lehnt er das anstößige Kunstobjekt zunächst strikt ab, eher er sich allmählich mit „Nipple Jesus“ zu identifizieren beginnt.

Dentler schafft es, das Stück des Amerikaners Nick Hornby einzubetten in die Wohnzimmer-Atmosphäre des Senator-Thomsen-Hauses. Er ereifert sich über die Wein schlürfenden Vernissage-Besucher, als auch in Burg in der vordersten Reihe noch so manches Gläschen geleert wird. Und er lässt sich von Gastgeberin Antje Borgwardt aus dem Nebenraum scheuchen, weil in einer Galerie nun mal nicht geraucht werden darf.

Das Publikum ist urplötzlich mittendrin im Stück, leidet mit Dave, als er, nachdem „Nipple Jesus“ zerstört wurde, nur noch eine banale farbige Riesenzwiebel und „Kirchners Strichmännchen“

bewachen darf. Genüsslicher kann man sich als Kunstverein, der sich einem streitbaren Künstler widmet, selbst nicht auf die Schippe nehmen.

Szenenwechsel: Es gab wenige Tage zuvor noch einen Konzertabend, der gleichfalls nicht den Massengeschmack bediente. Ganz im Gegenteil: „Lassen Sie sich einfach fallen“, forderte die Komponistin und Pianistin Ulrike Haage das Publikum auf.

Als erste 2003 zur Albert-Mangelsdorf-Jazz-Preisträgerin gekürt, startete Ulrike Haage ihre bewegende musikalische Reise am Piano mit dem Zyklus „Terzinen des Herzens“ nach Liebesgedichten der Lyrikerin Annemarie Bostroem, setzte sie fort mit ihren Impressionen eines Japan-Aufenthaltes. Sie schloss am Ende mit einer Variation aus dem Doris-Dörrie- Film „Grüße aus Fukushima“.

Imke Ehlers vom Kirchner-Verein: „Ja, man kann Töne spüren, man kann die Klanguniversen von Ulrike Haage empfinden. Und der Dialog, der zwischen der Pianistin, den Kirchner-Zeichnungen und den Zuhörern begann, war expressiv.“ Ihre elektronisch zugespielten Percussion-Elemente entzückten das Publikum, neben der Stille zwischen den Tönen glaubte man, die Herzen pochen zu hören. Als Zugabe erklang eine auf Fehmarn geschriebene Komposition, die den Möwen der Insel gewidmet hat. Haage: „Die Möwen auf der Insel sind besonders aktiv und kommunikativ, so dass ich ihre Kommunikation festhalten wollte.“

Mehr Informationen: www.kirchnervereinfehmarn.de

Kinder malen Kirchner

Wie malen Kinder Ernst Ludwig Kirchner? Seine Natur- oder Zirkusmotive, vor allem seine kräftigen Farben gaben in einem Jubiläums-Workshop mit Malerin Miriam Lange viele Anregungen. So zeigt das Bild, das den 1. Preis gewann, das Porträt einer Frau mit Hut und hellblauem Gesicht. Die Preise wurden vom Kaufhaus Stolz gesponsert. Die Preisträger: 1. Jule Sophie Lange, 2. Zoe Fockel, 3. Plätze für Heinrich Scheel, Laura Loose und Aaron Gäth.

Gerd-J. Schwennsen

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