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Ostholstein Wirtschaft fehlen die Fachkräfte: Spurwechsel könnte helfen
Lokales Ostholstein Wirtschaft fehlen die Fachkräfte: Spurwechsel könnte helfen
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08:04 12.10.2018
Dachdeckerbetriebe haben erhebliche Schwierigkeiten, Auszubildende und Gesellen zu finden. Quelle: IG Bau
Ostholstein

Rolf Fischer hätte gerne Bewerbungen. Aber es kommen keine. Seit Anfang des Jahres, sagt der Geschäftsführer der Plöner Firma Gebr. Behrend Dachtechnik GmbH, hat er Stellen für Dachdecker und Klempner frei, doch niemand wolle sie haben. Damit definiert er eines der zentralen Probleme, über die der Unternehmensverband Ostholstein-Plön (UV-OH-Plön) am Donnerstag in Eutin informierte. Diese Schwierigkeiten betreffen neben dem Handwerk auch die Tourismusbranche.

Fischer hat sich mit großem Engagement daran gemacht, sein Personalproblem zu lösen. Seit 1. August ist ein junger Afghane bei ihm Dachdeckerlehrling. Der hat sich zuvor in einem Praktikum bewährt. Dennoch tut sich vor ihm eine riesige Hürde auf. „Wie kriegen wir den erfolgreich durch die Ausbildung. Wir sind nicht darauf vorbereitet, dass jemand mit einer anderen Muttersprache durch die Berufsschule muss“, erklärt Fischer das Problem. Kreishandwerksmeister Ulrich Mietschke von der Kreishandwerkerschaft Ostholstein verweist darauf, dass in den Kreisen Ostholstein und Plön in mehr als 30 Berufen ausgebildet wird, mit begleitendem Unterricht an mehreren Berufsschulstandorten. Es gebe aber nur 1,7 Stellen für speziellen Unterricht, der Migranten durch die Berufsschule helfen soll. „Das kann so niemand leisten“, sagt Mietschke.

Hilfe in der Berufsschule

Also sind wieder die Betriebe gefragt, ihren Lehrlingen während der Ausbildung zur Seite zu stehen. „Sie setzen sich dafür ein, dass es einen Weg gibt“, sagt Mietschke. Er lobt: „Die Bereitschaft, sich ausbilden zu lassen, ist enorm hoch. Die sind viel lernbereiter als unsere Azubis.“ Damit aus diesen Menschen jemand wird, der die Fachkräfte-Lücke schließt, setzt sich der UV-OH-Plön für die Förderung von Sprachkenntnissen ein und dafür, dass es für Frauen eine Kinderbetreuung gibt, schon während der Sprachkurse. Vor allem aber sollte überdacht werden, ob in den Arbeitsmarkt integrierte Migranten abgeschoben werden sollen. „Bei Rückführung in die Heimatländer ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu bewerten“, fordert Geschäftsführer Hannes Wendroth.

Ein Personalproblem hat auch der Tourismus in Ostholstein. „Der Fachkräftemangel ist das Problem Nr. 1“, sagt UV-Vorstandsmitglied Hans-Ingo Gerwanski, der unter Tourismusmus sowohl Gastronomie als auch Handel und Dienstleistungen verbucht. Der Personalmangel trifft vor allem die Gastronomie. Die Gründe sind vielfältig: ein schlechtes Image, demografischer Wandel, fehlender Wohnraum in den oder schlechte Erreichbarkeit der Tourismusgemeinden. „Einige Gemeinden sind dran, aber nicht alle“, sagt Gerwanski zum Dauerthema bezahlbarer Dauerwohnraum für die Beschäftigten. „Sylter Verhältnisse“, bei denen potenzielle Arbeitskräfte keinen bezahlbaren Wohnraum finden und sehr lange und unzuverlässige Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen, seien verstärkt auch an der Ostseeküste zu finden.

Mehr Gehalt in der Gastronomie

„Es stimmt nicht mehr, dass die Gastronomie die Leute ausbeutet“, betont UV-Vorstandsmitglied Gerd Wilkens vom Ostseeferienpark Holm. So habe es bei den Lehrlingen Gehaltserhöhungen von bis zu 25 Prozent gegeben, bei den Angestellten je nach Lohngruppe bis zu 13 Prozent. Er wünscht sich aber flexiblere Arbeitszeitregelungen, um den Anforderungen der Gäste genügen zu können. Man könne schließlich keine Hochzeitsgesellschaft vor die Tür setzen, weil die höchstzulässige Arbeitszeit der Mitarbeiter abgelaufen sei. Stattdessen plädiert Wilkens für ein saisonübergreifendes Arbeitszeitmodell.

Auch für den Tourismus begrüßt der UV-OH-Plön das geplante Einwanderungsgesetz. Der Zuzug von Fachkräften solle erleichtert und der Aufenthaltsstatus von geduldeten Flüchtlingen, die einer Arbeit nachgehen, gesichert werden. Die Umsetzung müsse nun aber schnell erfolgen, fehlende Details zügig geklärt werden.

Eines seiner Herzensanliegen trug der Vorstandsvorsitzende des Unternehmensverbandes, Werner Süß, noch vor. Trotz sinkender Arbeitslosenzahlen seien die Sozialausgaben weiter gestiegen, unter anderem durch Mütterrente, Baukindergeld und anderes. Darin sieht Süß eine schwere Hypothek für die Zukunft, vor allem, wenn die Zinsen steigen und die Konjunktur schwächeln sollte. Deshalb brauche es eine langfristige und nachhaltige Planung. Süß’ Forderung: „Die Sozialausgaben, die vom Bund beschlossen werden, müssen auch vom Bund finanziert werden.“ Es könne nicht sein, diese Kosten die Kommunen bezahlen zu lassen. „Wer die Musik bestellt, sollte diese auch bezahlen.“

Susanne Peyronnet

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