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Segeberg 33000 Euro kassiert — nicht einkassiert
Lokales Segeberg 33000 Euro kassiert — nicht einkassiert
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21:29 14.10.2015
Bad Segeberg

Unterschlagung in acht Fällen mit einer Schadenssumme von rund 33000 Euro, dazu ein Angeklagter, dessen Vorstrafenliste stolze sechs Blatt umfasst — allerbeste Voraussetzungen für einen spannenden Prozess vor dem Amtsgericht. Statt spannend wurde es verwirrend — und endete mit einem Freispruch. Keine der Taten war dem Angeklagten nachzuweisen.

Akhtar D. (abgekürzte Namen von der Redaktion geändert), im Iran geboren und mit 16 Jahren nach Deutschland gekommen, arbeitete für eine Norderstedter Tanktechnik-Firma. Geschäftsführer waren zwei Handwerker, die sich mit diesem Betrieb, der zu seinen besten Zeiten acht bis neun Angestellte hatte, selbstständig machten. Das Kaufmännische war nie die Sache der beiden, die Buchhaltung übertrugen sie Norbert G.. Das lief anfangs recht gut — bis G. lange Finger machte und seine Arbeitgeber um etwa 150000 Euro betrog. Nun kommt Akhtar D. ins Spiel. Der sehr beredte Außenhandelskaufmann — der völlig akzentfreies Deutsch spricht und sich vor Gericht selbst verteidigte — hatte mit Erfolg für die Norderstedter in der Akquise gearbeitet. Prokurist G. hatte ihn vor dem eigenen unrühmlichen Abgang rausgeschmissen. Weil er befürchtete, der intelligente Mann könnte ihm auf die Schliche kommen? Egal, nachdem sie ihren untreuen Prokuristen los waren, erinnerten sich die Firmenchefs an Akhtar D. und holten ihn zurück. Der brachte den Laden anfangs auch recht gut in Schwung, alles lief rund — bis das Chaos ausbrach. Ende: Insolvenz.

Plötzlich fehlte es an Geld, Lieferanten und Krankenkassen konnten nicht bezahlt werden, der Gerichtsvollzieher stand mehrmals wöchentlich vor der Tür. Acht Fälle hatte die Staatsanwältin aufgelistet, in denen Akhtar D., offiziell technischer Leiter des Unternehmens, aber ohne Prokura, selbst bei Kunden Beträge zwischen 760 und 400 Euro abkassiert hatte, insgesamt gut 33000 Euro.

Er habe selbst kassiert, wie zum Teil auch die Monteure räumte D. ein. Aber nur im Interesse der Firma, wenn dringende Zahlungen anstanden und man rasch Bargeld brauchte. Um Kunden dieses ungewöhnliche Verfahren schmackhaft zu machen, erließ man als zusätzlichen Rabatt bei Barzahlung die Mehrwertsteuer.

Nur einmal habe er 2000 Euro für sich selbst behalten, erklärte Akhtar D., nämlich als die Hochzeit eines seiner beiden Söhne anstand. Die 2000 Euro habe er auf der Rechnung vermerkt, er selbst habe schließlich auch nur äußerst unregelmäßig sein Gehalt bekommen.

„Warum ist das so voll?“ hatte Richterin Sabine Roggendorf angesichts der Vorstrafenliste von stattlichen sechs Seiten gefragt. Seit 1988 bis in die heutige Zeit Diebstahl, Betrug, Computerbetrug, Steuerhinterziehung und immer wieder Nötigung und Beleidigung im Straßenverkehr. „Seit ich Yoga mache, bin ich viel entspannter“, grinste der Angeklagte. Kein unbeschriebenes Blatt also, aber die acht angeblichen Unterschlagungen waren ihm nicht nachzuweisen. Resigniert beantragte die Staatsanwältin selbst den Freispruch. Eine Forderung, der Richterin Roggendorf sich anschloss:

„Als auf Betreiben von Finanzamt und Krankenkassen beide Firmenkonten aufgelöst wurden, blieb ihnen schließlich gar nichts anderes übrig, als mit Bargeld zu wirtschaften.“ Die Kosten des Verfahrens trägt die Landeskasse.





Aus dem
Amts-
gericht
„Ich habe die Fir- ma am Laufen gehal- ten. Die ganze Ver- antwortung lag auf meinen Schultern.“
Akhtar D. (47)

Lothar Kullack

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