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Segeberg A7: Die Hilfe kommt auf dem Motorrad
Lokales Segeberg A7: Die Hilfe kommt auf dem Motorrad
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22:23 12.04.2016
Karsten Radtke ist einer von neun Kradmeldern. Der langjährige Feuerwehrmann hat auch umfassende medizinische Kenntnisse. Quelle: Fotos: Spr

Wohl jeder Autofahrer hat schon mal durchgespielt, was er tun würde, wenn er ausgerechnet im Bereich einer Autobahnbaustelle eine Panne hätte. Eng geht‘s da zu.

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Baustellen sind Unfallschwerpunkte — Wo Rettungsfahrzeuge nicht durchkommen, helfen die Kradmelder.

„Es gab schon Situationen, wo auch wir auf der Straße nicht durchkamen.“ Kradmelder Karsten Radtke

Sehr eng. Zwei Spuren, deutlich schmaler als normal. Tempo 80, Überholverbot, keine Standspur. Und jetzt streikt plötzlich der Motor. Für viele Autofahrer eine grausame Vorstellung. Warnblinkanlage an, in Lebensgefahr ein Warndreieck aufstellen. Lkw quälen sich vorbei, einige hupen, es ist ein Höllenlärm. Ein Stau baut sich auf. Stress pur. Nur ein Unfall an so einer Stelle wäre noch schlimmer — der reinste Horror.

Genau von so einem Szenario sind Polizei, Feuerwehren und Rettungsdienst 2015 ausgegangen, als die Baustellen der A 7 zwischen Bordesholmer Dreieck und Hamburg eingerichtet wurden: Wie gehen wir vor, wenn es dort „knallt“? Vor allem: Wie kommen wir zum Unfallort, wenn sich binnen weniger Minuten lange Staus bilden?

Karsten Radtke (52) von der Feuerwehr Kaltenkirchen: „Wir waren uns rasch einig, dass wir eine Schnellerkundungseinheit auf der A7 brauchen.“ Und zwar auf Motorrädern, denn die kommen bei Staus immer durch — auch in verengten Fahrspuren an Baustellen. Rettungsfahrzeuge wären dort hoffnungslos verloren. Ein Fahrgasse zu bilden, sei für die Autofahrer schon vom Platz her nicht möglich. Die Helfer würden steckenbleiben. Wer sollte sich dann um die Verletzten kümmern?

Wie Radtke sagte, müsse jedes Mal neu geklärt werden, von welcher Seite die Helfer anrücken sollen. Es wurde eine Kradstaffel gegründet, bestehend aus vier Motorrädern der Feuerwehren Bad Bramstedt und Kaltenkirchen sowie der KBA-Krankenbeförderung in Norderstedt. Einer der Kradmelder ist Radtke.

Er erklärt die Vorgehensweise: „Bei der Leitstelle geht ein Notruf ein: Unfall zwischen Kaltenkirchen und Norderstedt, Fahrtrichtung Hamburg. Die Kaltenkirchener Wehr wird informiert. Und die Quickborner.“ Während Radtke oder ein Kollege losfährt, um zu checken, wie viele Fahrzeuge beteiligt sind, ob es Verletzte gibt und wie die Rettungsfahrzeuge schnellstens dorthin kommen können, startet die Feuerwehr Quickborn auf der Gegenfahrbahn Richtung Norden.

Warum? Weil sie vielleicht helfen muss. Ihr Vorteil: In ihrer Fahrtrichtung gibt es keinen Stau. Radtke ist unterwegs, schlängelt sich mit Martinshorn und Blaulicht durch die Autos, gibt der Leitstelle bekannt, wie die Lage am Unfallort ist, was benötigt wird und dass die Helfer keine Chance hätten, gen Süden zu fahren — der Stau sei kilometerlang. Die Fahrzeuge von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst hatten sich an der Autobahnzufahrt getroffen, um gegebenenfalls im Konvoi zum Unfallort zu fahren. Angesichts der Meldung von Radtke versuchen sie es gar nicht erst: Sie fahren zurück.

Inzwischen ist den Quickbornern gesagt worden, dass sie den Unfall „managen“ müssen. Radtke: „Die Kollegen fahren auf ihrer Seite der A7 an die Unfallstelle, sperren hinter sich die A7 Richtung Norden ab und helfen.“ Dass der Verkehr jetzt in beiden Richtungen steht, sei nicht zu ändern. Auch nicht, dass die Helfer über die Mittelleitplanke müssen. Radtke weist sie ein, was los ist.

Der Kradmelder: „Es gab schon Situationen, wo auch wir auf der Straße nicht durchkamen. Dann sind wir mit unseren geländegängigen Enduros über die Baustellen oder Grünstreifen gefahren. Irgendwie ging es dann immer.“

Manchmal wird da unorthodox vorgegangen. Radtke: „Wir hatten schon den Fall, dass in beide Fahrtrichtungen Staus waren. Was nun? Wir haben dann die Quickborner als ,Geisterfahrer‘ auf der südlichen Spur Richtung Norden fahren lassen.“ Das war insofern kein Problem, als vor dem Unfallort kein Auto mehr fahren konnte. Radtke: „So was geht nur, wenn die Leitstelle ihr Okay gibt und alle Parkplätze zugemacht werden, so dass kein Auto den Quickborner Helfern auf ihrer Geisterfahrt begegnen kann.“

2015 mussten die Motorräder zu zwölf Unfällen auf der A7 ausrücken. Hat sich der Krad-Einsatz bewährt? Radtke: „Auf jeden Fall.“ Meist hatten sie es mit Pkw-Bränden zu tun und mit „Unfällen ohne klare Lage“. Das sind Einsätze, wo die Meldungen unkonkret oder falsch waren, wo ein qualmender Motor als „brennendes Auto“ gemeldet worden sei. Drei Mal mussten die Hilfskräfte aus der entgegengesetzten Richtung hinzukommen, „weil unsere Leute nicht Richtung Süden durchgekommen sind“, sagt der 52-Jährige. „Viermal haben wir Kradfahrer erste Hilfe vor Ort geleistet. Das ist echt hart. Vor allem bei schweren Verletzungen.“

Zwar ist der Kradmelder anfangs alleiniger Helfer, aber es seien immer Schaulustige oder Beteiligte da, „die ich einsetzen kann“. Die brauchten aber eine klare Ansage. Radtke: „Ich gehe auf jemanden zu, packe ihn an der Schulter und fordere ihn auf, mitzukommen. Dann sage ich ihm eindeutig, dass er einen Verletzten betreuen, seine Beine hochlagern, ihm gut zureden soll — das funktioniert fast immer.“

Von Christian Spreer

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