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20:30 01.12.2016

In den Grauzonen des Lebens bewegte sich der Prozess wegen gewerbsmäßigen Betruges und Untreue gestern vor dem Schöffengericht in Norderstedt. Der 55 Jahre alte Angeklagte war zwar ohne jeden Zweifel schuldig, wurde rechtskräftig verurteilt. Einen echten Kriminellen sah aber niemand vor sich. Eher einen Mann, der hoch geklettert war, tief gefallen ist und dann viele falsche Entscheidungen getroffen hat.

Eigentlich war Ulrich E. einst erfolgreicher Logistikunternehmer, machte aus einer insolventen Hamburger Spedition mit 15 Angestellten einen Betrieb mit 250 Mitarbeitern und mehreren Niederlassungen.

Bis in der Hausbank die Führung wechselte, „und die neue die Dinge nicht mehr ganz so positiv sah“, führt E. vor Gericht aus. Die Bank drehte den Geldhahn zu, die Firma musste aufgeben. Der Unternehmer saß mit „ein bis drei Millionen Euro“ Schulden auf der Straße. „Ich habe geträumt“, räumt Ulrich E. rückblickend sein Versagen ein. „Ich war mir sicher, dass sich alles regelt und weitergeht.“

Einer von vielen Irrtümern, denen E. aufgesessen war – und die ihn letztlich vor Gericht brachten. Der nächste Irrtum war, sich von Kredithaien 60000 Euro zu leihen, um wenigstens das eigene Haus zu retten. „Das waren Leute, die überhaupt keinen Spaß verstehen.“ 90000 Euro hätten sie später von ihm zurückhaben wollen.

E. führte das zu einem weiteren Irrtum: Seine früheren Geschäftspartner um mehr als 50000 Euro zu betrügen. Mit seinen guten Kontakten im Hamburger Hafen, so verkaufte er es seinen Geldgebern, wollte E. vom Zoll beschlagnahmte Frachtcontainer aufkaufen und den Inhalt gewinnbringend veräußern. „Bei solchen Sequestergeschäften sind Renditen von 30 bis 100 Prozent nicht ungewöhnlich“, erklärt der 55-Jährige. Davon ließen sich auch die beiden Investoren überzeugen. „Gier frisst Hirn“, antwortet ein geschädigter Kaufmann im Gerichtssaal lakonisch auf die Frage, warum er E. sein Geld einfach anvertraut habe.

Die hohe Rendite kam aber nie, auch ihr Geld sahen die Geschädigten nicht wieder. Statt Container zu kaufen, zahlte E. die Schuldeneintreiber aus. Seine Geldgeber vertröstete er. Dass er sie in Bezug auf den Gewinn angelogen hatte, sei ihm klar gewesen, räumt E. ein. „Ich bin aber fest davon ausgegangen, dass ich die Investition nach einigen Monaten würde zurückzahlen können.“

Der letzte Irrtum spielte sich in einem ganz anderen Metier ab: im musischen Jugendkreis Norderstedt, der eine Tagesstätte für mehr als 70 Kinder betreut. Seine Ex-Frau arbeitete als Betreuerin in der Einrichtung, die bereits seit Jahren mit ihren Finanzen zu kämpfen hat. „Natürlich wollten alle Mitarbeiter ihre Arbeit behalten. Deshalb wurde ich gefragt, ob ich mit meiner Erfahrung nicht etwas machen könnte“, gibt E. zu Protokoll.

Anfang 2013 wurde E. zum Vorsitzenden gewählt und ließ sich – Kredithaie und Gerichtsvollzieher im Nacken – die Bankvollmacht für den Verein erteilen. 55 Mal bediente sich E. danach an den Konten des Vereins, hob im Laufe eines Jahres 42 000 Euro ab, zahlte Gläubiger aus. „Ich habe den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.“

So lange, bis andere Vorstandsmitglieder auf die Abhebungen aufmerksam wurden. „Ich war bestürzt und maßlos enttäuscht, als er uns alles gestanden hat“, sagt der als Zeuge geladene zweite Vorsitzendes des Jugendkreises, Heiko T., vor Gericht aus. „Das war ein unglaublicher Vertrauensbruch.“

Ulrich E. nahm die Verantwortung auf sich, schickte eine schriftliche Selbstanzeige an die Polizei. Von den 42 000 veruntreuten Euro zahlte er 17 000 inzwischen an den Verein zurück – und ist weiter dessen Vorsitzender. Obwohl die Mitglieder über die Untreue informiert wurden, bestätigten sie E. im Amt. Das fehlende Geld habe den Verein zwar fast in den Ruin getrieben, erklärt Heiko T. Ein Mann mit der Qualifikation von E. sei gleichwohl „ein Geschenk für den Verein“. Er habe den Verein weiter gebracht, ein neues Kita-Konzept mit neuer Immobilie aufgestellt.

Darüber wird in der kommenden Woche der Jugendhilfeausschuss entscheiden. „Ich hoffe, dass durch meine Taten nichts am Verein hängenbleibt. Das wäre das allerschlimmste für mich“, sagt E. kurz vor der Urteilsverkündung. Dass der Ausschuss die Pläne angesichts der Vorgeschichte durchwinken wird, erscheint aber fraglich.

Staatsanwaltschaft, Verteidigung und das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Mathias Lohmann sind sich am Ende einig: Im Sinne der Anklage ist E. schuldig zu sprechen. Sein vollumfängliches Geständnis, das Bemühen, den entstandenen Schaden wieder gutzumachen, und auch der Umstand, dass er das veruntreute Geld nicht für privaten Konsum verwendet habe, sprächen aber für ihn. Ulrich E.

wird zu einer Strafe von zwei Jahren Haft auf Bewährung und zu 400 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, die er auch in seinem Verein ableisten darf. Das Urteil ist rechtskräftig.

Oliver Vogt

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