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Segeberg Über den Fluch der Digitalisierung
Lokales Segeberg Über den Fluch der Digitalisierung
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13:00 02.11.2018
Provozierte mit seinen kritischen Aussagen über die Digitalisierung: Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer (2.v.l.) mit Gunnar Becker (v.l.), Henning Schurbohm und Kai Jörg Evers von Norderstedt Marketing. Quelle: BURKHARD FUCHS
Norderstedt

Der Bund investiert gerade fünf Milliarden Euro in die Schulen, um sie mit schnellem Internet ins digitale Zeitalter zu hieven. Das ist ein großer Fehler, ist Manfred Spitzer überzeugt. „Dass Schüler besser vom Computer lernen, ist völliger Nonsens“, sagt der Hirnforscher und Professor für Psychiatrie an der Uni Ulm und redet sich in Rage. Es gebe keine Studie, die dies belege. Das Gegenteil sei der Fall, erklärt Spitzer. Sobald die Schüler anfingen, Informationen zu googeln, „denken sie nicht mehr nach und lernen 20 Prozent weniger“. Das koste Hirnmasse und würde einen Lernunterschied machen wie zwischen Gymnasium und Realschule, erklärt der Professor und rät: „Am besten bleibt das Smartphone in der Aktentasche oder gleich ganz zu Hause.“

Zum 18. Mal hatte der Verein Norderstedt Marketing zu dieser Reihe „Abend der Norderstedter Wirtschaft“ in die TriBühne eingeladen, die einmal die IHK zu Lübeck mit ins Leben gerufen hatte. 380 Gäste waren gekommen, um sich an runden Tischen mit späterem Essen und Trinken die Ausführungen eines prominenten Stargastes anzuhören. Im vorigen Jahr hatte hier sehr humorvoll der ehemalige Bundesliga-Trainer und jetzige Supermarktleiter Holger Stanislawski über „die emotionale Wellenpartie“ referiert, die es so nur im Fußball und nicht in der Wirtschaft gebe.

Dieses Mal nagten die Thesen des 60 Jahre alten Hirnforschers, Psychiaters und Hochschullehrers Spitzer an den Grundfesten der neuen digitalen Heilslehre, die in der Wirtschaft gerne als „Industrie 4.0“ gepriesen wird. „In Mainz kamen nach einem Vortrag mehrere Unternehmer zu mir und klagten, seit sie in der Firma alles digitalisiert hätten, sinke die Produktivität“, berichtete Spitzer.

„Das ist so. Wenn alle vernetzt sind, stoppt das die Leute.“ Sie könnten sich weniger konzentrieren, ließen sich ständig ablenken von den vielen E-Mails, die sie zu beantworten hätten, schimpfte Spitzer. „Der E-Mail-Verkehr fängt an, bloß noch zu nerven. Wenn wir alle nur noch E-Mals löschen müssen, hört es auf, gut zu sein.“ Digitalisierung räume unserer Gesellschaft Chancen ein, besser zu werden. „Aber so wie es heute gemacht wird, geht es meistens schief.“

Statt dass sich der Mensch mit seinem ausgeprägten Gehirn die Maschinentechnik zu Nutze mache, werde er ihr Sklave. Im Fernsehen schauten sich die Menschen noch das an, was sie sehen wollten, sagte Spitzer in Norderstedt. Aber längst habe das Videoportal Youtube mit seinen eine Milliarde täglich angeklickten Videos das Fernsehen abgelöst. Und zu 80 Prozent, 800 Millionen Stunden lang, bestimme Youtube, was wir sehen, und das werde von Clip zu Clip immer radikaler. Insofern würde mit der Digitalisierung der Schulen nicht etwa der Bund jetzt die Länderhoheit über das Bildungswesen übernehmen. „Es sind kalifornische Unternehmen, die unsere Schüler radikalisieren. Das ist ganz furchtbar“, kritisierte der Hirnforscher.

Einziger Ausweg sei, das Geschäftsmodell zu ändern, diese riesigen Daten-Konzerne endlich nicht mehr von der Werbung, sondern von den Nutzern bezahlen zu lassen. „Wenn jede E-Mail einen Cent koste, ist der Spuk vorbei“, sagte Prof. Spitzer und schloss versöhnlich an: „Ein künstliches Gehirn wird es nicht geben.“ Es gebe keine Maschine, die Gefühle, Wünsche oder Willen ausdrücken könne. Da sei das menschliche Gehirn weit überlegen. „Gehirne brauchen keine Downloads, um zu lernen.“

Burkhard Fuchs

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