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Segeberg Alltag zwischen Stall und Familie
Lokales Segeberg Alltag zwischen Stall und Familie
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19:33 24.06.2017
Wiebke Gerdes (35) kümmert sich gemeinsam mit Ehemann Lars um den Familienhof in Schmalfeld. Die Agrarwirtin ist für das Milchmanagement verantwortlich. Hier krault sie „Monaco“, die derzeit trocken steht. Ein Fachbegriff. Die siebenjährige Schwarzbunte ist tragend. Quelle: Fotos: Hiltrop
Schmalfeld/Leezen-Heiderfeld

Effizienz, Nachhaltigkeit und eine Beamtenseele für die anfallende Bürokratie: Das sind fast Standortvoraussetzungen für Landwirte von heute. Dagegen malen viele ein romantisch verklärtes Bild vom Idealbauern. Möglichst keinen Dünger soll er verwenden, seine Kühe fortwährend widerkäuend auf grünen Weiden stehen mit dem Kälbchen an der Seite; zugleich sollen Butter, Käse und Milch billigst beim Discounter lagern. „Ich habe noch kein Kinderbuch gesehen, das Landwirtschaft so darstellt, wie sie wirklich ist“, sagt Junglandwirtin Wiebke Gerdes (35). Rund 300 Berufskollegen applaudieren ihr.

Wiebke Gerdes hat sich ganz bewusst für die Landwirtschaft entschieden. Milchmanagement gehört zu ihren Aufgaben.

Die Schmalfelderin, die mit ihrem Mann Lars einen Milchviehbetrieb führt, berichtet aus ihrem Alltag. Ihr Statement war Teil des Kreisbauerntages im Leezener Ortsteil Heiderfeld.

Kreisbauernvorsitzender Jens-Walter Bohnenkamp nennt als seine derzeit brennendsten Themen das Erntewetter und eine Versachlichung der Diskussion zur Produktionsweise. „Und dass das Preishoch beispielsweise für Milchprodukte lange anhält, um die Verluste der Vorjahre annähernd auszugleichen.“

Hier wird die Brücke zum Alltag von Wiebke Gerdes geschlagen. 130 Milchkühe plus Nachkommen gehören zur Herde. Dazu Mais, Grünland, Ackerland, Anteile an einer Biogasanlage. Zwei Azubis, ein Minijobber, der alle zwei Woche dafür sorgt, dass die Gerdes mal frei machen können, arbeiten hier. Da kann der Milchpreis schon zum Damoklesschwert werden. Aber vom Bauern-Motto „wachse oder weiche“ hält sie nichts. Der Milchpreis sei derzeit mit 32 Cent pro Liter gut. „Und auch die Prognosen sind hoch“, sagt die zweifache Mutter.

Eine Arbeit ohne Tiere, für sie undenkbar. Ganz bewusst hat sie sich nach der Elternzeit dafür entschieden, auf dem Hof zu arbeiten, statt wieder beim Landeskontrollverband (LKV) als Zuchtwartin einzusteigen, wo es auch um Milchmengen und Qualitätsmanagement ging. Ein sicherer Job.

„Jetzt mache ich ja nichts anderes. Wäre ich nicht zufrieden und erfüllt, wäre ich gar nicht so lange zu Hause geblieben.“ Klar hätten sie darüber in der Familie diskutiert, als der Milchpreis noch nicht gestiegen war. „Aber dass ein Hof nur existiert, weil einer noch woanders arbeitet, das kann's ja nicht sein.“

Morgens um sechs beim Zähneputzen fällt ihr erster Blick auf die Herdenmanagement-App ihres Smartphones. Die Flexibilität und der gemeinsamen Alltag mit der Familie seien die Vorteile. Dass die Arbeit immer da ist, der Nachteil. Und wenn mal ein bisschen Geld über ist, wird das eher in Stall zum Wohl der Tiere oder in den Maschinenpark gesteckt.

Gelegentlich denke sie schon, dass ihre Kinder später vielleicht etwas anderes machen. Klar gebe es auch Ängste, vor Tierseuchen etwa, „und das der Milchpreis wieder sinkt. Da muss man gucken wie weit das Loch schon zugebuddelt ist, das in der Vergangenheit gerissen wurde. Aber: ich bin ein positiver Mensch. Es geht schon weiter.“

Segebergs Chefveterinär geht in Pension

Über die Straßenschuhe sind große Plastikhüllen gestülpt, und nach dem Besuch bei den Kälbern geht’s erst einmal ordentlich ans Händewaschen: Hygiene ist Grundbestandteil im Job von Kurt Warlies. Der Chefveterinär des Kreises Segeberg ist, um im Bild zu bleiben, bei Landwirten und Tierhaltern bekannt wie ein bunter Hund. Doch dieses Dienstwochenende wird sein letztes in diesem Job sein. Der 63-Jährige geht in Pension.

Seit dem 1. September 1989 leitet der gebürtige Groß Kummerfelder beim Kreis Segeberg die Abteilung für Tierseuchenbekämpfung, Tierschutz und Gesundheitlichen Verbraucherschutz mit 50 Mitarbeitern.

Damit Schluss, für ihn jetzt die Zeit für die Jagd, für Joggingrunden mit Münsterländer „Trudi“ und für Vorträge zum Thema Wildhygiene gekommen. Und schon ist Kurt Warlies irgendwie doch wieder im Job. Wobei er gern auf ein paar Dinge verzichtet hätte: „Das ganze Geschehen um BSE – und die Schlachthofsache. Das war sehr nervenaufreibend und belastend. Das ging schon an die Substanz“, spielt Warlies – ohne Namen zu nennen – auf die Geschehnisse bei Vion in Bad Bramstedt an. Der Schlachthof wurde 2014 zeitweise geschlossen, wegen des Verdacht des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.

Ja, sagt der Chefveterinär, er sei froh, dass es jetzt ruhig ist, und er zieht ein berufliches Fazit: „In Sachen Tierseuchen haben wir große Erfolge erzielt. Aber wir werden uns mehr auf exotische Tierseuchen einstellen müssen. Geflügelpest ist so eine oder die Blauzungenkrankheit. Die kannte ich früher nur aus dem Lehrbuch.“

Beim Tierschutz habe der Kreis Segeberg die Kapazitäten erheblich erweitert. Aber: „Wir sind da in einem Spannungsfeld: Dem einen geht es nicht weit genug, dem anderen schon zu weit.“ Schwierig sei auch das aufgeheizte Umfeld, erinnert er an Kollegen, die in anderen Bundesländern bei Kontrollen angegriffen wurden, einer gar getötet.

Beim gesundheitlichen Verbraucherschutz müsse aus seiner Sicht umgedacht werden: „EHEC auf Sojasprossen, Erdbeeren mit Noroviren: Wir müssen den Fokus mehr auf nicht tierische Produkte richten.“

hil

Zahlen und Fakten

487

Euro pro Hektar landwirtschaftlicher Fläche beträgt die durchschnittliche Pacht in Schleswig-Holstein (Quelle: Thünen-Institut).

370

Milchbauern gibt es im Kreis Segeberg.

950

Landwirte gibt es in etwa im Kreis Segeberg. Auch hier werde das Höfesterben weiter gehen prognostiziert der Kreisbauernvorsitzende Jens-Walter Bohnenkamp. Der Strukturwandel habe im Durchschnitt der Jahre 2,5 Prozent betragen, somit seien die Hälfte der Betriebe in 20 Jahren ausgeschieden, sagte er auf dem Kreisbauerntag in Leezen-Heiderfeld.

In ihrem Fachvortrag umriss Professor Hiltrud Nieberg, Direktorin des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft, den derzeitigen Stand. Ein Fazit: Innerhalb Deutschlands und den Regionen gibt es große Erfolgsunterschiede. Die Qualifikation der Betriebsleiter mache ein Drittel des Gewinns aus und könne Standortnachteile ausgleichen. Insgesamt habe sich die deutsche Agrarwirtschaft am Weltmarkt gut behauptet. Aber: „Nicht jeder Betrieb ist wettbewerbsfähig.“ Die Expertin mahnte an, dass es entscheidend sei, als Betrieb eine Strategie zu haben. Als wichtige Aufgabe sieht sie den Dialog für mehr gesellschaftliche Akzeptanz. Hier müsse die Lücke zwischen gesellschaftlicher Erwartung und Wahrnehmung der Landwirtschaft dringend verringert werden. hil

 Heike Hiltrop

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