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Als Hospizmitarbeiterin gehört Sterben zu ihrem Leben

Bad Segeberg Als Hospizmitarbeiterin gehört Sterben zu ihrem Leben

Heute, am Tag der Kinderhospizarbeit, machen deutschlandweit Ehrenamtliche auf ihre Arbeit aufmerksam — auch in der Bad Segeberger Fußgängerzone.

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Die hauptamtliche Mitarbeiterin Ute Drefke zeigt das grüne Band des Kinderhospiztages 2016. Gemeinsam mit ihren Helfern verteilt sie heute in Bad Segeberg viele dieser Solidaritäts-Bänder.

Quelle: Johanna von Criegern

Bad Segeberg. Ihre zierliche Gestalt lässt nicht erahnen, wie sie es jeden Tag schafft, mit sterbenden Menschen umzugehen. Mit todkranken Kindern. „Hospiz bedeutet immer Sterben“, sagt Ute Drefke, hauptamtliche Mitarbeiterin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes „Die Muschel“.

Es sei ihre Berufung, mit Kindern zu arbeiten, erzählt die gelernte Kinderkrankenschwester. Sie gehörte 2005 mit zu denjenigen, die „Die Muschel“ aufbauten. Marlies Borchert, Geschäftsführende Gesellschafterin der Segeberger Kliniken, gründete die Hospizeinrichtung, die mittlerweile von Uwe Arendt geleitet wird. Am Anfang unterstützte der Verein, der Standorte in Bad Segeberg und Lübeck hat, ausschließlich Kinder und Jugendliche, die eine geringe Lebenserwartung haben. Mittlerweile helfen die Mitarbeiter auch deren Geschwistern sowie den Kindern sterbender Eltern. Sie kümmern sich um die Familienmitglieder, die es in dieser schweren Zeit am meisten benötigen. Oft seien es die Geschwister kranker Kinder, erzählt Ute Drefke. Diese sogenannten Schattenkinder würden oft vernachlässigt werden, weil ihre Eltern die meiste Zeit ihr krankes Kind umsorgten. „Sie fühlen sich allein gelassen und wollen ihre Eltern nicht mit ihren — im Vergleich zum Tod — banalen Problemen belasten“, weiß die Koordinatorin aus Erfahrung.

Gemeinsam mit einer weiteren Mitarbeiterin berät sie Familien im Dreieck Neumünster/Bad Schwartau/Norderstedt. Die gesamte Koordination läuft von Bad Segeberg aus. In einem flachen Gebäude gegenüber der Segeberger Kliniken liegt die Zentrale. Es sind zwei Räume: ein Seminarraum sowie ein kleines Büro. Nur ein Plakat vor der Bürotür verrät Besuchern, dass sich hier „Die Muschel“

befindet. Von hier aus telefoniert Ute Drefke mit den betroffenen Familien. Oft empfiehlt sie ihnen weitere Hilfsdienste, die ihnen bei ihren individuellen Problemen helfen können. Eine andere Mitarbeiterin organisiert die Treffen der Trauergruppen, bei denen sowohl Kinder als auch Jugendliche über ihre Gefühle reden können.

Auch in der Öffentlichkeitsarbeit ist Ute Drefke tätig. Am heutigen Mittwoch verteilt sie mit ihren Helfern in der Bad Segeberger Fußgängerzone grüne Bänder zum Kinderhospiztag. Grün drückt ihre Hoffnung aus, dass sich künftig noch mehr Menschen um kranke Kinder kümmern oder „Die Muschel“ mit einer Spende unterstützen. Ute Drefke will die Hemmschwelle von gesunden Menschen verringern, sich mit diesem Thema zu befassen. Sie weiß, wie schwierig und bedrückend es ist, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Aber sie braucht Freiwillige, die als ehrenamtliche Mitarbeiter in den Familien helfen. Zurzeit sind 45 Ehrenamtliche in 22 Familien tätig. „Wir stoßen an unsere Grenzen. Im Moment ist es schwierig, weitere Familien zu versorgen“, äußert sich Ute Drefke besorgt. Besonders in den letzten Monaten meldeten sich weniger Freiwillige. Sie ist überzeugt davon, dass dies an der Flüchtlingskrise liegt, die viele freiwillige Helfer anzieht.

Im April beginnt das nächste Seminar, bei dem Interessierte lernen können, sich in den Familien richtig zu verhalten. Nach Abschluss, in 15 Monaten, können sie dann als Ehrenamtliche „ihre Zeit verschenken“, wie es die Koordinatorin ausdrückt. In der Regel begleiten sie die Familien über mehrere Jahre. Sie unternehmen Ausflüge mit den Kindern und Jugendlichen, helfen bei alltäglichen Aufgaben und hören mitunter einfach nur zu. So haben auch die erschöpften Eltern wieder Zeit für sich.

Es helfe ihr, dass Kinder mit dem Tod offener umgingen als viele Erwachsene, sagt Ute Drefke — und ihr Blick verliert sich: „Wie lange lebe ich noch? Was ist mit mir los?“ Solche Fragen müsse auch sie beantworten. Diese Kinder können nicht nur stärker, sondern auch tapferer sein als ihre engsten Vertrauten. Oft habe sie es mit alleinerziehenden Müttern zu tun, meint Ute Drefke. „Viele Väter können mit der Situation nicht umgehen.“

Als Koordinatorin stellt sie sich jedes Mal der Herausforderung, einen passenden Mitarbeiter für eine Familie zu finden. Einmal habe sich ein Junge mit einer chronischen Muskelerkrankung einen männlichen Begleiter gewünscht. Doch leider gebe es bei ihnen kaum männliche Mitarbeiter. Tatsächlich zeigen einige Studien, dass mehr Frauen als Männer im sozialen Bereich tätig sind.

Ute Drefke hat ihre ganz persönlichen Gründe, Menschen zu helfen: Es seien nicht nur die dankbaren Familien; durch ihre Arbeit wisse sie das Leben auch mehr zu schätzen. „Heutzutage, wo es nur um Leistung geht, lerne ich hier, dass Zuwendung und menschliche Wärme viel wichtiger sind“, sagt sie lächelnd. Die kranken Kinder hätten sie gelehrt, alltägliche Momente mehr zu genießen. Ute Drefke ist überzeugt davon, dass erkrankte Menschen aus einzelnen Momenten mehr Lebensqualität ziehen als gesunde.

Noch etwas habe sie gelernt. Etwas, das den meisten von uns fehlt: das Leben zu nehmen, wie es ist. „Ich arrangiere mich mit der Krankheit meines Kindes. Sie ist für mich die Normalität“, habe eine Mutter ihr einmal offenbart. Seitdem geht Ute Drefke demütig durch ihr Leben. Sie nimmt den Tod hin. Wie alle Eltern, die sich bei der „Muschel“ melden.

Sie helfen seit dem 20. Jahrhundert

Sie wollte den Sterbenden helfen und den Tod enttabuisieren: Die englische Ärztin Cicely Saunders gründete 1967 mit dem St. Christopher‘s Hospice das weltweit erste Hospiz. In den 70er Jahren entstanden auch in Deutschland die ersten bürgerlichen Bewegungen, um Sterbenden zu helfen. Ihre Anhänger arbeiteten anfangs gegen den Willen von Politik und Kirche, welche unter anderem befürchteten, die Sterbenden zu ghettoisieren sowie die Pflegenden zu überfordern. In den 80er und 90er Jahren öffnete sich die Gesellschaft dem Thema Tod immer mehr, auch weil die Bürger Angst vor Aids hatten. Seit 1996 regelt ein Gesetz, dass die Hospize sich nicht nur durch Spenden finanzieren, sondern auch von Krankenkassen Unterstützung erhalten. Es sind vor allem Ehrenamtliche, welche die Hospizarbeit aufrecht erhalten. Wer sich ebenfalls engagieren möchte, kann am Dienstag, 16. Februar, einen Informationsabend der „Muschel“ in Lübeck, Rigastraße 9, besuchen.

Weitere Informationen unter Internet: www.die-muschel-ev.de oder Telefon: 04551/802-3030

Johanna von Criegern

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