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Segeberg Als die "Ju 88" mitten in Segeberg abstürzte
Lokales Segeberg Als die "Ju 88" mitten in Segeberg abstürzte
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15:25 21.05.2016
Rechts von der stark beschädigten Tischlerei stand die alte Schweinemarkt-Scheune. Die ist abgerissen.
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Bad Segeberg

Sichtbare Kriegsschäden in Bad Segeberg? Es gibt sie tatsächlich! Hauseigentümer Uwe Dietrichsen kann genau die Stelle im Mauerwerk, „den Knick“, an seinem Haus in der Bad Segeberger Kanaltwiete zeigen, wo das Mauerwerk im Zweiten Weltkrieg erneuert werden musste. Hier waren Flugzeugteile eingeschlagen, hatten den Dachstuhl des Wohnhauses zerstört. Heute vor 72 Jahren, am 21. Mai 1944, wurde auch das bislang verschont gebliebene Bad Segeberg vom Krieg heimgesucht.

Die dreiköpfige Besatzung starb, als ihr Kurierflugzeug auf dem Schweinemarkt explodierte. Ein Haus zeigt noch Spuren.

Es war ein ruhiger Sonntag, 12.35 Uhr. Gleich mehrere englische Jäger verfolgten ein von Süden kommendes deutsches Kurierflugzeug. Die Maschine raste nach Darstellung von Chronist Peter Zastrow („875 Jahre Bad Segeberg“) auf den Turm der Marienkirche zu. Um die Kirche nicht zu rammen, habe der Pilot seine Maschine nach links gekippt. Dabei berührte er mit seiner linken Tragfläche das Dach der Volksbank und stürzte in den Garten der Drogerie Adlung. Der Garten ist längst verschwunden, heute ist hier ein asphaltierter Parkplatz hinter der Volksbank.

Das Flugzeug explodierte beim Aufschlag und setzte die nur wenige Meter entfernte Remise des inzwischen abgerissenen Hotels Stadt Kiel und das dahinterstehenden Wohnhaus samt Tischlerei von Dabelstein in Brand. Auch die Scheune am Schweinemarkt wurde getroffen. Dieses Gebäude ist verschwunden, dort findet sich jetzt die breite Zufahrt zu den Parkplätzen und dem Marienhof. Zu Kriegszeiten war die Kanaltwiete noch ein schmaler Gang zwischen zwei Gebäuden. Einzig „Dabelstein“ steht heute noch, ist jetzt eine Teppichwäscherei. Uwe Dietrichsen hat im Flur seines Hauses ein Foto mit Erinnerungstafel aufgehängt. „Die Bilder haben meine Eltern damals heimlich geschossen.“ Kriegsschäden durften in der Nazizeit nicht fotografiert werden.

Nach Recherchen des Buchautors und Kenners diverser Luftschlachten, Peter Schiller („Straße der Bomber“), handelt es sich bei dem mitten in Bad Segeberg abgestürzten Flugzeug um eine Ju 88 R-2. Der Flieger stürzte nach dem Beschuss von zwei ihn verfolgenden Mustang P51 ab. Getötet wurde dabei die Besatzung, die beiden Unteroffiziere Günter Scholze und Roman Stealla sowie der Gefreite Günter Löhr. Autor Schiller verweist darauf, dass der am 28. Juni 1944 auf dem Bad Segeberger Friedhof beerdigte Flugzeugführer Hermann Kröck nichts mit dem hiesigen Absturz zu tun hatte.

Zeitzeugen haben sich kaum ausführlich über den Absturz geäußert, obwohl das damals viele Menschen in der Stadt beschäftigt haben muss. Dietrichsen (60) erzählt den LN, dass damals seine Mutter nur selten von dem Absturz erzählt habe. Die Tischlerwerkstatt konnte damals ihre Arbeit schnell wieder aufnehmen. Sein Onkel, der Tischlermeister Dabelstein, habe damals noch alte, etwas angekokelte Balken aus dem Dachstuhl gerettet und im neuen wieder eingebaut.

Der verstorbene Pastor Friedrich Gleiss berichtet in seinem Buch über jüdisches Leben in Bad Segeberg, dass nach dem Absturz Verschwörungstheorien kursierten, Nachkommen von jüdischen Opfern hätten den Absturz verursacht.

Bad Segeberg hat im Krieg viel Glück gehabt, litt nicht unter Bombardierung. Im heimatkundlichen Jahrbuch für den Kreis Segeberg von 2002 ist beschrieben, wie mehrere B 17 ihre explosive Fracht bei einem Angriff am 13. April 1945 auf Neumünster nicht abwerfen konnten und Kurs auf Bad Segeberg nahmen. Doch die Altstadt wurde wie ein Wunder vor Vernichtung bewahrt, denn die Bomben explodierten durch einen technischen Fehler in der Luft. Sieben beschädigte B 17 Bomber stürzten später ab oder mussten notlanden, eine Maschine bei Bebensee.

 Wolfgang Glombik

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