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Als die Segeberger noch ihr eigenes Bier brauten

Bad Segeberg Als die Segeberger noch ihr eigenes Bier brauten

Hans-Werner Baurycza und Peter Zastrow zeigen im Rathaus eine sehenswerte Ausstellung über Bad Segebergs alte Industrieanlage.

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Die alte Industrieanlage an der Bahnhofsstraße (heute Kaufland) bestimmte bis zu ihrem Abriss 1970 das Stadtbild Bad Segebergs.

Quelle: Fotos: Kalkbergarchiv

Bad Segeberg. Freibier für alle! Wenn einer damit lockt, kann er sicher sein, dass die Massen zu ihm strömen. Dabei hätten es die Bad Segeberger Stadthistoriker HansWerner Baurycza und Peter Zastrow eigentlich gar nicht nötig, am 10. Oktober im Bürgersaal des Rathauses um 19.30 Uhr zum Vortrag mit freier Verkostung des „Bürgerbräu-Biers“ zu bitten. Als bewährtes Team mit ihrer zehnten historischen Ausstellung im Rathaus haben sie ohnehin guten und unterhaltsamen Stoff für alle historisch interessierten Bürger. Die Ausstellung zur Geschichte einer Segeberger Industrieanlage von 1890 bis 1970 (heute Kaufland) zeigt eindrucksvoll, wie sich das Gewerbegrundstück an der Bahnhofstraße im Laufe der Zeit verändert hat.

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Die alte Industrieanlage an der Bahnhofsstraße (heute Kaufland) bestimmte bis zu ihrem Abriss 1970 das Stadtbild Bad Segebergs.

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Und alles fing mit Bier an. Genauer mit einem Brunnen, der aus 150 Metern Tiefe kristallklares acht Grad kühles Wasser förderte. 5000 Liter pro Stunde konnten gefördert werden. Am 26. September 1890 fing es mit der Gründung einer Aktiengesellschaft für die Bierbrauerei „Bürgerliches Brauhaus in Segeberg“ an. Das war ein „sehr schmackhaftes Bier“, berichtet Peter Zastrow nach dem Quellenstudium. Und damit die heutigen Bad Segeberger das geschmacklich etwas nachvollziehen können, soll nun spezielles Starkbier mit Schwarzbrot und Griebenschmalz zum Vortrag geboten werden.

Kostenlos.

Immerhin fand sich in einem Keller eine uralte Flasche Lagerbier von 1914 aus Segeberger Produktion — noch abgefüllt mit dem Original-Bier. Niemand wagte diese historische Flasche zu öffnen, erzählen Baurycza und Zastrow. So bleibt der Gerstensaft-Geist in der Flasche. Auch oder gerade weil das Segeberger Bier damals offensichtlich spitzenmäßig schmeckte, untersagten die Hamburger Brauereien, „ein wahres Kartell“, die Lieferung des Segeberger Biers nach Hamburg, bedauerte Baurycza. Der Anfang vom Ende des Segeberger Biers. Kurz vor der Insolvenz übernahmen Segeberger Wirte die Brauerei.

Sie hieß nun „Bürgerbräu Segeberg GmbH“.

Als diese an die Bavaria-Brauerei in Hamburg verkauft wurde, machten die aus dem Sudhaus flugs eine Marmeladenfabrik. Später erwarb der Kaufmann Cuno Sievers das Gelände und produzierte Margarine.

Mehrfach wechselten die Eigentümer: 1928 ließ der Oldesloer Friedrich Bölck die Produktionsanlagen ausbauen. Eine neue Kesselanlage mit dem 78 Meter hohen Schornstein „Langer Heinrich“ wurde gebaut.

Bölck zog die Sache groß auf, gründete ein deutschlandweites Vertriebssystem mit Hausierern. 1932 gab es neben Margarine auch Kaffee, Kakao, Tee, Mettwurst und Käse. Mit 100 eigenen Lastwagen und 3000 Verteilungsstellen fand die Margarine sogar im Ausland Absatz. Pro Woche, so berichten Baurycza und Zastrow, wurde eine halbe Million Kilogramm Margarine produziert.

„Hausieren verboten“ hieß es aber später während der Nazi-Diktatur. Auf dem „Langen Heinrich“ wehte die Hakenkreuzflagge. Die Holsteiner Lebensmittelwerke AG übernahmen die Firma. Der Holländer de Barse war Betriebsleiter. Hans-Werner Baurycza konnte dessen Sohn, Franz de Barse, noch als Zeitzeugen zur Kriegszeit befragen. Ab 1941 wurden Kriegsgefangene und Fremdarbeiter in der Produktion eingesetzt. Sie wohnten in Baracken bei der Firma und in der Tribüne auf der Rennkoppel. Während des Zweiten Weltkrieges diente der ehemalige Brauereikeller als Luftschutzbunker für Belegschaft und Nachbarn. Kurz vor Kriegsende brachte ein Arbeiter heimlich eine aus Betttüchern zusammengenähte weiße Fahne am Langen Heinrich an. Kurz vor der Besetzung durch die Briten wurde sie entrollt.

1949 ist Schluss mit der Margarineproduktion. Die Maschinen werden demontiert und nach England geschafft. Kleinol als größter Unternehmer der Stadt produzierte auf dem Firmengelände Haarpflegemittel und Zahnpasta. Gleichzeitig produzieren die Nugget-Werke in den Räumen der ehemaligen Margarinefabrik Schuhcreme. Zusätzlich wurden auf dem Gelände Rundfunk und Fernsehröhren durch Valvo produziert. Bis 1969 verfällt das Gelände immer mehr. Der „Lange Heinrich“ wird gesprengt , das Industriedenkmal abgerissen, dafür 1970 die Kaufhalle gebaut. Von Segebergs größter Industrieanlage bleiben Fotos, einige Margarineverpackungen — und die Bierflasche Marke „Bürgerbräu Segeberg“.

„Das Bier durfte nicht nach Hamburg.“
Hans-Werner Baurycza
Wer hat noch alte Fotos oder kann Gegenstände zur Ausstellung über die alte Segeberger Industrieanlage beisteuern? Die Geschichte der Brauerei oder der Firma Kleinol an der Bahnhofsstraße (heute stehen dort Kaufland und Edeka) ist jetzt im Bad Segeberger Rathaus während der Öffnungszeiten in der Verwaltung zu besichtigen. Zahlreiche alte Fotos zeigen Mitarbeiter, die auf dem Kleinol-Gelände arbeiten. Hans-Werner Baurycza ruft alle Bürger auf, sich zu melden, wenn sie selbst im Keller oder auf dem Speicher noch Gegenstände haben, die mit der historischen Anlage in Verbindung stehen. Baurycza: „Findet sich etwas, können wir das noch in unsere Ausstellung einbauen.“ — Höhepunkt ist ein Vortrag im Bürgersaal des Rathauses am 10. Oktober, 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Wolfgang Glombik

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