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Segeberg „Auf Schulempfehlungen verzichten“
Lokales Segeberg „Auf Schulempfehlungen verzichten“
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23:49 11.11.2013
Ihre Lieblingsfigur: „Hänschen“ stand bei der Segeberger Schulrätin Marianne Böttcher über Jahre auf dem Schreibtisch. Quelle: Wolfgang Glombik

Lübecker Nachrichten: Frau Böttcher, Sie unterrichteten viele Jahre an Schulen, waren die vergangenen 20 Jahre Schulrätin. Was ist für sie rückblickend die ideale Schule?

Marianne Böttcher: Es gibt viele gute Schulen. Wenn man in eine Schule kommt, merkt man schnell, welcher Geist in dieser Schule herrscht. Man sieht das am Miteinander der Kinder mit den Lehrern, wie Fremde gegrüßt werden, wie die Räume gestaltet sind. Und man merkt es am Lärmpegel.

LN: In den letzten Jahren gab es in der Schulpolitik große Umwälzungen. Stationslernen, Offener Unterricht. Nun gibt wieder eine Gegenbewegung. Der Lehrer soll wieder mehr im Mittelpunkt stehen.

Böttcher: Die berühmte Hattie-Studie meinen Sie. Die sagt eher aus, dass die Unterrichtsmethode zweitrangig ist. Entscheidend für den Lernerfolg ist das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer. Lernen funktioniert nur, wenn dieses Verhältnis stimmt.

LN: Welchen Lehrertyp bevorzugen Sie?

Böttcher: Ich habe immer abgelehnt, mich selbst in eine Schublade stecken zu lassen. Wichtig ist, dass der Unterricht zur Lehrkraft passt, das soll authentisch sein. Für mich ist wichtig, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin Menschen mag, Kinder mag und vor allem selbstbewusst vor die Klasse tritt.

LN: Das scheint nicht selbstverständlich zu sein. Ob der Lehrerberuf zu einem passt, erfährt der junge Mensch meist erst als Referendar.

Böttcher: Mir ist das Studium zurzeit auch zu theoretisch, zu spät kommt das erste Schul-Praktikum, angehende Gymnasiallehrer schauen dann erst in die Grundschule. Aber die Lehrerausbildung wird gerade umgestellt. Ab dem Wintersemester 2014 sollen Studenten wesentlich früher ein zehnwöchiges Praktikum absolvieren. Je früher junge Menschen feststellen, dass sie Lebenszeit im falschen Studium vergeuden, umso besser. Doch es gibt immer angehende Lehrkräfte, denen man dringend davon abrät, aber dann sind sie doch irgendwann im Dienst. Beratungsresistente Menschen sind für diesen Beruf überhaupt nicht geeignet.

LN: Die kommen später gar nicht mehr ‘raus aus der Schule?

Böttcher: Es ist zumindest sehr schwierig. Ich stelle mir nichts schlimmer vor, als jeden Morgen Angst zu haben, in die Schule zu gehen. Das gibt es auch bei Lehrern.

LN: Mit der Gemeinschaftsschule gab es geradezu eine Revolution im Schulsystem.

Böttcher: Das wurde auch Zeit. Das alte Schulmodell stand auf drei Beinen. Davon war eines weggebrochen. Die Akzeptanz in der Bevölkerung für die Hauptschule war nicht mehr da, auch wenn dort gut gearbeitet wurde. Schon jetzt ist spürbar, dass die Kinder mit Hauptschulempfehlung in der Gemeinschaftsschule wesentlich motivierter sind, weil sie nicht ausgesondert werden.

Schwierigkeiten gibt es mit der Inklusion. An der Hauptschule lag der Schwerpunkt früher auf Erziehung. Durch den häufigen Fachlehrerwechsel in der Gemeinschaftschule fällt es Lernbehinderten schwerer, sich zu orientieren. Den Königsweg haben wir da noch nicht gefunden.

LN: Hat sich das Niveau verbessert?

Böttcher: Die Abiturientenquote ist schon ein bisschen gestiegen. Das wird ja immer gerne als Gradmesser genommen. Wir erwarten durch zusätzliche zugelassene Oberstufen an Gemeinschaftsschulen hier einen Sprung nach vorne, auch im Kreis Segeberg. Ich bin sicher, dass noch in diesem Jahr die Entscheidung fällt, ob eine Oberstufe am Schulzentrum eingerichtet wird.

LN: Sie haben die Erfahrung dazu, wenn Sie auch die Macht hätten — wie würde eine Schulreform „Marke Marianne Böttcher“ aussehen?

Böttcher: Ich würde als erstes die Grundschule stärken. Hier werden für die Kinder die Grundlagen gelegt. Früher waren die Kinder neugierig, wollten unbedingt lernen. Das haben wir heute längst nicht mehr. Es gibt viele Kinder, die nicht offen sind, die müssen wir ganz anders an das Lernen heranführen. Dazu müssen wir die Grundschule durch mehr Lehrerstunden und mehr Sozialpädagogen und auch Hilfskräfte stärken. Die Empfehlungen der Grundschule für die weiterführenden Schulen würde ich streichen. Letztlich entscheiden ohnehin die Eltern. Auf den Stempel Hauptschul- bis Gymnasialempfehlung sollten wir verzichten. Das würde viel Druck herausnehmen. Außerdem würde ich mir im Bereich der 7. und 8. Klasse ein langes Praktikum gerade für die Schüler wünschen, weil dies eine Entwicklungszeit ist, in der die Jungen mehr als die Mädchen viel mit sich selber zu tun haben und ihnen praktisches Tun sehr bei einer Identitätsfindung helfen könnte.

LN: Vor 20 Jahren seien die Schüler konzentrierter gewesen, sei das Unterrichten leichter gefallen, heißt es von altgedienten Lehrkräften.

Böttcher: Im Rückblick ist natürlich alles viel schöner. Als ich 1974 als Lehrerin anfing, hatte ich in meiner Abschlussklasse 40 Schüler. Das ging damals. Heute sind Schüler größer, kräftiger und auch unruhiger geworden. Die Kinder wachsen heute anders auf, dafür können sie nichts. Die große Gefahr für Kinder ist für mich heute die Anonymität bei Facebook und die Art des Cyber-Mobbing. Was sich da abspielt, halte ich für sehr bedenklich. Das haben wir längst noch nicht im Griff.

LN: Als Schulrätin waren Sie oft in einer Mittlerrolle zwischen Eltern und Schule.

Böttcher: Elternbeschwerden gab es schon vor 20 Jahren, es sind mehr geworden. Ich versuche das in einem gemeinsamen Gespräch zu klären, wenn Schulleitung und Eltern sich nicht einigen können. Meist gelingt mir das auch. Wir Erwachsene müssen den Kindern zeigen, wie man Konflikte löst. Hauptthema ist die große Erwartungshaltung gegenüber Schule. Vor 20 Jahren war es verpönt, den Staat in die Familie zu rufen. Heute wird von allen Seiten danach gerufen, wie zum Beispiel nach Krippenplätzen. Kinder werden in der Schule auffällig, weil das der einzige Ort ist, wo sie zeigen können, dass es ihnen nicht gut geht. Aber es gibt sicherlich auch ungeschicktes Verhalten von Lehrkräften, die manchmal mit Eltern so sprechen wie mit Schülern. Wenn Eltern immer nur in die Schule gerufen werden, wenn es Probleme mit ihrem Kind gibt, darf man sich nicht wundern, dass sie dort nicht mehr hin möchten.

LN: Die Reformen haben Schrammen hinterlassen. Der Lehrerberuf ist nicht leichter geworden.

Böttcher: Stimmt. Aber in jedem Beruf muss ich mich weiterbilden, umstellen. ,Dafür bin ich nicht ausgebildet‘, habe ich gehört. Da fehlt mir das Verständnis. Denn das finde ich nicht nur bei Schülern wichtig, sondern auch bei Lehrern und Lehrerinnen — dass sie neugierig bleiben.

Zuständig für 20 000 Schüler und 1600 Lehrer
Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, sie ist so engagiert dabei, als wollte sie morgen anfangen. Dabei hört sie auf und geht in den Ruhestand. Die langjährige Schulrätin Marianne Böttcher war für 67 Schulen zuständig, Förderzentren, Grundschulen, Gemeinschafts- und Regionalschulen. Kurzum: 20 000 Schüler, 1600 Lehrer.
Im Ruhestand möchte sie ehrenamtlich als Schöffin mitarbeiten. Sie habe in frühen Jahren mit dem Gedanke gespielt, Jura zu studieren, wir ihre Schwester Ulrike (siehe Seite 11). Ganz möchte sie mit dem Thema Schule nicht abschließen und auf Landesebene in einer Jury mitarbeiten, die beurteilt, ob die Schulen Kinder gut auf das Berufsleben vorbereiten. Außerdem möchte sie oft reisen. „Aber ich werde den Kontakt zu den Menschen vermissen“, sagt sie.

Interview Wolfgang Glombik

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