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Ausgezeichnet: Syrerin macht Top-Abi

Bad Segeberg Ausgezeichnet: Syrerin macht Top-Abi

Erst vor drei Jahren kam Fatimah Almarie als Flüchtling nach Deutschland. Ihren Abschluss schaffte sie trotzdem mit 1,8 – nun will sie Medizin studieren.

Bad Segeberg. Vor drei Jahren sprach Fatimah Almarie nicht ein einziges Wort Deutsch. Die inzwischen 18-Jährige kam damals mit ihrer Familie als Kontingentflüchtling über die Uno nach Deutschland. Trotz der Sprachbarriere wollte Fatimah keine DaZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache) zur Eingewöhnung besuchen, sondern unbedingt wieder auf ein Gymnasium. „Ich wollte keine Zeit verlieren“, begründet die ehrgeizige junge Frau. Sie biss sich durch und schaffte das fast Unmögliche: das Abitur an der Dahlmannschule mit einem Schnitt von 1,8.

 

LN-Bild

Sie wollte beweisen, dass sie es schaffen kann: Mit Talent, Ehrgeiz und Fleiß lernte Fatimah Almarie (18) in nur drei Jahren Deutsch und bestand ihr Abitur an der Dahlmannschule mit 1,8.

Quelle: Foto: Materne

„Ich wollte keine Zeit verlieren, ich habe noch so viel vor.Fatimah Almarie

Einser-Abiturientin der Dahlmannschule

Nun möchte die Syrerin Medizin studieren.

Und das soll erst der Anfang sein. Chirurgie studieren, vielleicht sogar Weltraummedizin. „Ich habe so viel vor“, begründet Fatimah Almarie ihren Ehrgeiz. „Ich weiß, dass ich es schaffen kann.“ Wie auch das Abi. Alle hatten ihr geraten, sich ein Jahr länger Zeit zu nehmen. Doch das kam für die Syrerin nicht in Frage. Sie habe es den Zweiflern auch beweisen wollen, sagt sie. Unglaublich viel Arbeit hat die junge Frau in ihren Abschluss gesteckt, wie sie berichtet. „Die ersten Monate habe ich im Unterricht nichts verstanden.“ Außer in Mathe. Zahlen und Zeichen, das liege ihr. Nach der Schule habe sie lediglich etwas gegessen und sich dann an den Schreibtisch gesetzt und den Stoff des Tages durchgeackert – „bis zur Erschöpfung“. „Ich habe mir alles übersetzt.“ Von Deutsch ins Arabische und wieder zurück. Sogar ihre Familie habe sie für verrückt erklärt, erinnert sie sich. „Ich wollte keine Zeit verlieren“, wiederholt die 18-Jährige fast entschuldigend.

Die 10. Klasse hatte Fatimah Almarie bereits im Libanon besucht. In der gesamten Fluchtzeit sei sie auf eine weitergehende Schule gegangen. „Viele glauben, wir kommen aus der dritten Welt“, erklärt sie. „Wir sind auch gebildet.“ Vor dem Krieg habe sie mit den Eltern – er Arzt, sie Apothekerin – und den Geschwistern in einem Haus gelebt. In Homs, das jetzt zu großen Teilen in Schutt und Asche liegt. „Uns ging es gut.“ Bis der Krieg ausbrach vor sechs Jahren. Zunächst floh die Familie nach Saudi-Arabien, wo sie sowieso die Sommer verbrachte. „Damals dachten wir noch, der Krieg dauert nur ein paar Monate. Wie in Ägypten“, erklärt Fatimah Almarie. Aber auch ein Jahr später wütete der Krieg noch, die Familie zog weiter in den Libanon. Doch auch dort sei es für die Almaries, die sich gegen das Regime positioniert hatten, zuletzt zu gefährlich geworden. Im März 2014 wurde die Familie schließlich nach Deutschland ausgeflogen und landete zunächst im kleinen Strenglin, dann in Bad Segeberg.

„Wir wurden wirklich gut aufgenommen“, erinnert sich Fatimah. Ein „netter, älterer Mann“ habe der Familie geholfen, erste Basis-Deutschkenntnisse zu lernen. Doch gerade das schulische Fachvokabular eignete sich die junge Frau mit eiserner Disziplin an.

„Ich bin kein Sprachentalent, meine Stärke liegt eher in den Naturwissenschaften“, sagt Almarie. Deshalb habe sie so hart arbeiten müssen. Ab der elften Klasse sei es kontinuierlich leichter geworden, inzwischen ist ihr Deutsch einwandfrei. Die 9 Punkte im Abizeugnis: „Darauf bin ich wirklich stolz.“

Mit der Gesamtnote 1,8 ist sie trotzdem nicht wirklich zufrieden. Denn für ein sicheres Medizinstudium brauche man eine 1,0. „Das hätte ich nicht geschafft.“ Auch das letzte Jahr zu wiederholen hätte ihr nichts gebracht, sagt Almarie. Denn die „schlechtesten“ Noten stammen aus der elften Klasse, daran könne sie nichts mehr ändern. Deshalb setzt sie auf ihre Kenntnisse in den Naturwissenschaften, büffelt jetzt schon wieder Mathe, Physik und Chemie. Denn manche Unis, zum Beispiel Kiel und Hamburg, legten mehr Wert auf die naturwissenschaftlichen Noten, erklärt Almarie, die das Chemieprofil im Abi gewählt hat. Sie hofft nun, dass sie in Hamburg zu einem speziellen Einstufungs-Test eingeladen wird, mit dem sie ihre Bewerbungsnote verbessern kann.

Einen echten Plan B gibt es nicht, aber sollte sie abgelehnt werden zum Studium, möchte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Auch damit könne sie die Abi-Note aufbessern. Aber etwas anderes als ein Medizinstudium kommt für Almarie derzeit nicht in Frage. „Ich wollte schon immer Medizin studieren“, sagt sie. Ihr Vater sei Arzt, auch ihre Cousine. „Sie ist meine Inspiration, sie hat international gearbeitet, war auch schon in Deutschland. Sie ist Herzchirurgin.“ Derzeit helfe sie in der Türkei bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge in den Camps an der Grenze.

Herzchirurgin, Menschen heilen, das will auch Fatimah Almarie. „Und wenn der Krieg zu Ende ist, möchte ich auch mein Land wieder mit aufbauen“, sagt sie.

Von einem Studium in Deutschland – oder Kanada – habe sie bereits in ihrer Heimat geträumt. Und mit ein bisschen Glück erhält sie sogar ein Stipendium von der Studienstiftung des deutschen Volkes.

Zumindest wurde sie dafür von der Dahlmannschule vorgeschlagen als Auszeichnung für ihre herausragende Leistung und ihr Engagement bei den jüngeren Schülern in der DaZ-Klasse. „Das ist wie Bafög, nur dass man es nicht zurückzahlen muss“, erklärt Fatimah Almarie. Ob sie es am Ende bekommt, wird von einem Test abhängen, den die 18-Jährige noch absolvieren muss.

Davon macht Fatimah Almarie ihre Zukunft aber nicht abhängig. Sie möchte am liebsten auch noch Weltraummedizin studieren. Darauf gekommen sei sie über einen Science Fiction Film über einen auf dem Mars geborenen Jungen, der nicht auf der Erde überleben könnte wegen der Erdanziehungskraft. „Da habe ich mich gefragt: Ist das so?“, erklärt sie den Ursprung ihres Interesses an diesem Spezialfach.

Seither liest sie vieles darüber. „Ich finde das spannend.“ Wann und wo sie das studieren kann, wisse sie noch nicht. Nur eins: „Ich kann das schaffen.“

Nadine Materne

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