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Axtangriff: Täter muss in Psychiatrie

Kiel/Pronstorf Axtangriff: Täter muss in Psychiatrie

Nach dem Axtangriff auf seine Eltern muss ein 19-Jähriger dauerhaft in die Psychiatrie. Das Landgericht Kiel befand den Angeklagten schuldig des zweifachen versuchten Totschlags. Wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung sei er aber teilweise schuldunfähig.

Die Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Richter Stefan Becker verurteilt den 19-Jährigen wegen zweifachen versuchten Totschlags in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung.

Kiel/Pronstorf. Damit folgte die Jugendkammer des Kieler Landgerichts den Anträgen von Verteidigung und Staatsanwalt. Beide hatten nach der Beweisaufnahme unter Ausschluss der Öffentlichkeit beantragt, auf eine zusätzliche Jugendstrafe zu verzichten. Dies sei nach einer Sondervorschrift im Jugendstrafrecht möglich, wenn die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus eine Strafe entbehrlich mache, erklärte der Vorsitzende Richter Stefan Becker. Die Kammer sieht es als erwiesen an, dass der Angeklagte Karsten T. (Name geändert) am 20. März versucht hatte, im Haus in der Gemeinde Pronstorf seine Eltern aus Wut und Hass zu töten – dies habe T. selbst eingeräumt.

LN-Bild

Nach dem Axtangriff auf seine Eltern muss ein 19-Jähriger dauerhaft in die Psychiatrie. Das Landgericht Kiel befand den Angeklagten schuldig des zweifachen versuchten Totschlags. Wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung sei er aber teilweise schuldunfähig.

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„Eine erhebliche Persönlich- keitsstörung in Kombination mit einer tiefgreifenden Bewusst- seinsstörung, deren Quelle eine subjektiv erlebte, anhaltende Benachteili- gung war, führte zu einem Impulsaus- bruch.Stefan Becker

Vorsitzender Richter

„Bitte nicht, ich bin doch deine Mutter“

Alles begann mit einem Streit über die Internetverbindung im Haus mit dem 16-jährigen Bruder. Irgendwann zündete T. einen Silvesterböller im Zimmer seines Bruder, es kam zu einer Schlägerei. Als der Vater am Abend von T. forderte, seine restlichen Knallkörper zu vernichten und seine Mutter erneut mit ihm schimpfte, sei T. wütend in den Schuppen gegangen und habe sich die Axt genommen. In der Küche schlug der 19-Jährige damit zunächst hinterrücks auf den Kopf seiner Mutter ein. „Bitte nicht, ich bin doch deine Mutter“, habe das Opfer noch sagen können, wodurch der Vater und der Bruder alarmiert wurden.

Beim Versuch, T. zu entwaffnen, wurde der Bruder leicht am Schienbein verletzt. Nun zog T. ein Messer aus dem Hosenbund und stach womöglich zu diesem Zeitpunkt bereits in den Bauch des Vaters, schilderte Richter Becker das Tatgeschehen. Spätestens aber, als der Vater seinen vor Wut rasenden Sohn in dessen Zimmer drängte und versuchte, ihn dort auf dem Bett zu fixieren, versetzte T. seinem Vater mehrere Stiche auch in den Oberkörper. Schließlich sperrten der Vater und sein jüngerer Sohn den 19-Jährigen in das Zimmer ein, aus dem dieser mit einem Reiterbogen und Pfeilen floh – erst Richtung Lübeck, dann nach Hamburg. Dort stellte T. sich der Polizei.

Bereits auf der Wache habe T. bereitwillig vom Tötungsversuch gegen seine Eltern erzählt, sagte Richter Becker. Schon dort sei der Angeklagte durch seine emotionslose Schilderungen aufgefallen – Teil einer schweren Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und paranoiden Zügen. Gepaart mit einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung, „die ihre Quelle in einem subjektiven Erleben anhaltender Benachteiligung“ habe, sei es dann zu einem „Impulsdurchbruch“ gekommen. Dies führte zum Axtangriff im Affekt, der sich in erster Linie gegen die Mutter richtete, bezog sich der Richter in seiner ausführlichen Urteilsbegründung auf eine gutachterliche Einschätzung.

Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft, die die Taten als Mordversuch wertete – beide Eltern wurden lebensgefährlich verletzt und mussten notoperiert werden –, stuft das Gericht den Angriff als versuchten Totschlag ein. Im Moment des Angriffs, zumindest gegen die Mutter, sei T. aufgrund seiner Persönlichkeits- und Bewusstseinsstörung nur eingeschränkt steuerungsfähig gewesen. Um das Mordmerkmal der Heimtücke als solches zu erfüllen, hätte T. die Wehrlosigkeit des Opfers erkennen müssen, erklärte Becker. Dies sei unklar.

T., der sonst auch ihn Belastendes bereitwillig eingestanden habe, habe dazu angegeben, keinerlei Erinnerungen an den ersten Axthieb zu haben. Im Fall des Vaters habe T. zwar ebenfalls von Hassgefühlen gesprochen. Dass diese jedoch „handlungsleitend“ gewesen seien, sei nicht sicher, urteilte das Gericht. Möglich sei, dass T. seinen Vater in einem Abwehrversuch mit dem Messer verletzt und so dessen möglichen Tod in Kauf genommen habe. Das sei versuchter Totschlag. Im Fall des Mordversuchs gegen den Bruder wurde T. freigesprochen, dafür gab es keine Beweise.

Problematisch sei starkes Interesse an Waffen

Nun wird T. im psychiatrischen Krankenhaus in Neustadt untergebracht. Die Prognose sei schlecht, sagte Richter Becker. Die Persönlichkeitsstörung sei schwer zu behandeln, schon in der Familie sei T.

durch seine Emotionslosigkeit aufgefallen, die dessen Angehörige für Autismus hielten. Das aber sei nicht der Fall, stellte Becker nach dem Sachverständigengutachten klar. Es sei anzunehmen, dass T.

auch in Zukunft in einem unkontrollierten Gefühlsausbruch Menschen verletzten werde. Enttäuschungen im Leben werde es immer wieder geben. Problematisch sei zudem das starke Interesse an Waffen und deren Nutzung, insbesondere an Messern.

Im Anschluss an die Urteilsverkündung teilten Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit, auf Rechtsmittel zu verzichten. Anwältin Annika Kiep zeigte sich zufrieden mit dem Urteil. Ihr Mandant sei ein junger Mann, der offensichtlich Hilfe brauche. Das habe dieser auch erkannt.

Nadine Materne

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