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Segeberg Runder Tisch für mehr Barrierefreiheit
Lokales Segeberg Runder Tisch für mehr Barrierefreiheit
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18:36 11.10.2018
1. Runder Tisch zum Thema Barrierefreiheit in der Innenstadt Bad Segeberg. Dafür wollen Geschäftsleute, Unternehmer, Anlieger, und Betroffene gemeinsam an einem Handlungsplan arbeiten. Quelle: Heike Hiltrop
Bad Segeberg

Wie barrierefrei ist die Innenstadt eigentlich? Da sei schon viel passiert, sagt die Stadtverwaltung – viel zu wenig, kontern Betroffene. Nun wollen sich alle gemeinsam, also Stadt, Behinderte, Geschäftsleute und Anlieger, auf den langen Weg machen, etwas zu verändern. Soweit der Plan. Festgehalten ist er in einem Konzept, das nach drei Runden Tischen bis 2020 in einen Handlungsleitfaden münden soll. Zu lang, finden die Betroffenen – gute Vorbereitung ist wichtig, findet die Stadt.

Barrierefreiheit ist mehr als eine Rampe

Lokaltermin auf dem Markt: Rückwärts lenkt Helga Reifschneider ihren Rolli über den Platz. „Wegen der vielen Löcher. In denen bleibe ich sonst mit den kleinen Vorderrädern stecken und mache eine schmerzhafte Rolle vorwärts“, sagt die 63-Jährige. Neben ihr geht Sascha Lang, seinen Blindenhund an der Seite und den Knopf fürs Handy im Ohr, um sich grob vom Navi leiten zu lassen. Für ihn ist die Innenstadt ein Raum ohne Orientierungshilfen. Als er unlängst eine Veranstaltung im Bürgersaal des Rathauses besuchen wollte, musste er gefrustet wieder den Heimweg antreten: „Ich habe den Saal nicht gefunden.“ Ein paar aufgeklebte Streifen mit Prägung als Leitsystem auf dem Boden, Fahrstuhlknöpfe mit Blindenschrift hätten ihm weiterhelfen können. Kirsten Grundmann, die durch ihre Glasknochen-Krankheit klein gewachsen ist, hat es leichter, den Bürgersaal zu finden. Doch als sie am Stehtisch mit anderen ins Gespräch kommt wird klar, dass der höher als sie selbst und damit nicht gerade ein einladender Platz für ein Gespräch auf Augenhöhe ist. Deutlich wird: Es sind mitunter einfache, kleine Dinge, die helfen können Barrieren abzubauen.

Knapp 20 potenzielle Akteure kamen zum Auftakt

Segebergs Behindertenbeauftragte Marianne Böttcher und Ute Heldt Leal aus dem städtischen Bauamt haben sich auf die Auftaktveranstaltung vorbereitet. Sie haben Gespräche geführt, Anregungen aufgenommen, ein Konzept erarbeitet, das in drei Schritten mit möglichst vielen beteiligten Akteuren zum Leitfaden wird. Ihr Credo: Was den Betroffenen zu Gute kommt, kommt allen zu Gute, macht attraktiv, bringt Kaufkraft. „Es geht nicht darum, dass viel Geld in die Hand genommen wird, sondern um kleine Schritte, die leicht umzusetzen sind“, umreißt Ute Heldt Leal.

Der Vortrag kam von Marlis Stagat vom Unternehmerverein „Wir für Segeberg“. Quelle: Heike Hiltrop

Das klingt vielversprechend, doch der Start ist ernüchternd. Von über 100 Einladungen an Einzelhändler, Gastronomen und Anlieger der Innenstadt haben sich nicht einmal 20 zum Auftakt im Bürgersaal eingefunden. Immerhin hat sich die große Mehrheit dieser erhofften Multiplikatoren dafür ausgesprochen, weiter mitzuarbeiten. Allen voran Marlis Stagat, Vorsitzende des Unternehmervereins „Wir für Segeberg“, die als betroffene Mutter und Unternehmerin in einem Vortrag klar macht, welche Potenziale verschenkt werden, wenn nicht auf Inklusion gesetzt werde. „Wir brauchen Offenheit und wir brauchen das Wollen die Perspektive jeder einzelnen Gruppe zu betrachten. Dann können wir auch die Chancen erkennen, die sich bieten: neue Kunden, neue Segeberger, neue Familien und neue Arbeitgeber zu gewinnen.“

Betroffene fordern: Handeln!

Sascha Lang ist skeptisch. Er befürchtet, dass es nach erneut vielen gut gemeinten Worten wieder nur bei der Theorie bleibt: „Es wird schon seit Jahren immer nur geredet. Es muss endlich gehandelt werden. Ich finde es erschreckend, dass wir jetzt erst über einen Handlungsplan diskutieren.“ Kritik erntet von ihm auch der gesteckte Zeitplan, mit einem zweiten Runden Tisch Mitte 2019. „Ich bin kein Barrierefreiheits-Fetischist. Ich weiß, dass wir nicht alles hinbekommen. Aber wir können vieles barrierearm machen. Fangt an endlich.“

Seine Mängelrüge ist angekommen. Schneller als vorgesehen ist eine Begehung der Innenstadt geplant, und zwar mit Experten in eigener Sache, also Blinden, Körperbehinderten und geistig Behinderten, Senioren, wenn es geht auch einem Tauben. Sie dient der Vorbereitung zum nächsten Runden Tisch, der auch vorgezogen werden soll. „Prinzipiell wäre ein Umdenken schön, dass die Gesellschaft eine Offenheit entwickelt für den anderen Blickwinkel“, ergänzt Kirsten Grundmann. Die Begehung könnte ein Schritt dahin sein.

Heike Hiltrop

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