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Segeberg Barrierefreiheit mit Grenzen
Lokales Segeberg Barrierefreiheit mit Grenzen
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19:25 14.10.2017
Das „stille Örtchen“ im Keller des Rathauses zeigt: Nicht überall wo Behinderten-WC drauf steht, ist auch ein den Standards entsprechendes Klo drin.

Markttag in Wahlstedt. Der Hydrant für die Wasserversorgung der Standbeschicker ist angeschlossen. Nur mühsam und im Rückwärtsgang arbeitet sich eine Rollstuhlfahrerin an ihm vorbei, denn der Wasserversorger-Anschluss befindet sich genau auf der Rampe, die eigentlich der barrierefreie Zugang zu einer Reihe von Geschäften sein soll. „Sie ist sowieso recht steil“, kommentiert Gabriele Bornheimer ihre Mühen, nachdem sie ihren Rolli am Hindernis vorbeimanövriert hat. Die 50-Jährige ist seit über vier Jahren Wahlstedts Behindertenbeauftragte.

Beim Rundgang durch die Stadt mit der Behindertenbeauftragten Gabriele Bornheimer wird klar: Selbst kleine Bordsteinkanten an Zebrastreifen können zum unüberwindbaren Hindernis werden. Wahlstedts Verwaltung hat eine lange To-do-Liste, die abgearbeitet werden soll.

 So manche Verbesserung geht auf ihr Konto: Eine genügende Anzahl von Behindertenparkplätzen im Zentrum beispielsweise, aber sie sorgte auch als erste vor einigen Jahren für barrierefreie Wählerinfos in leichter Sprache. Und die rollstuhlfreundlichen Einkaufskarren, mit denen so gut wie jeder Discounter in Wahlstedt ausgestattet ist, sind ebenfalls eine ihrer Ideen. Nun gab es den ersten gemeinsamen Rundgang mit dem städtischen Bauamt, um zu schauen, wo es im öffentlichen Raum noch Grenzen statt Barrierefreiheit gibt. Und dafür braucht man das Rathaus nicht einmal zu verlassen.

Mit großem Jubel wurde hier 2014 zwar nach dem großen Erweiterungsbau plus Fahrstuhl in alle Stockwerke das im Keller liegende Behinderten-WC endlich barrierefrei – nach Jahrzehnten. Doch einen ernsthaften Blick hatte vor drei Jahren offenbar niemand in das „stille Örtchen“ geworfen. Das wurde nun nachgeholt. Mit dem Ergebnis: Nur weil Behinderten-WC draufsteht, muss es nicht zwingend auch eines sein. Ganz davon abgesehen, dass schon der feuchte, dunkle Flur wenig vertrauenserweckend erscheint, lässt sich die Schiebetür zum Klo nur mit größter Kraftanstrengung öffnen. Durch einen verdreckten Vorraum gelangt der Nutzer immerhin in eine geräumige Toilettenkabine, die zwar Platz für einen Rollstuhl bietet, allerdings nur stark eingeschränkt. Haltegriffe: Fehlanzeige. Damit sind nicht einmal die heute geltenden Grundanforderungen an eine Behindertentoilette erfüllt. „Die Standards haben sich ja auch im Laufe der Jahre verändert“, relativiert Gabriele Bornheimer. Immerhin hat die Stadt das Problem mittlerweile erkannt und der Politik vorgeschlagen, für den Umbau 30000 Euro in den Haushalt 2018 einzustellen. Die Beratungen laufen.

„Außerdem habe ich vorgeschlagen, dann gleich einen Wickeltisch für Erwachsene zu installieren“, sagt die Behindertenbeauftragte. Nötig etwa bei Veranstaltungen. „Nichts ist entwürdigender, als einen Behinderten, der Windeln trägt – und das sind mehr, als man glaubt – auf dem Boden einer öffentlichen Toilette zu wickeln.“

Damit werde deutlich, dass Barrierefreiheit sich nicht in der Absenkung von Bordsteinen erschöpft. Doch auch von solchen Hindernissen gibt es noch eine Vielzahl in der Stadt. Drei Zentimeter misst etwa die Kante am Zebrastreifen vor dem Rathaus. Für Elektro-Scooter unüberwindbar. Und Senioren könnten beim Versuch, ihren Rollator mit Kraft da drüber zu schieben, stürzen. „Die kleinen, halbherzig angegossenen Bitumen-Rampen bringen nicht viel“, zeigt die Behindertenbeauftragte an anderer Stelle auf notdürftige Verbesserungen.

Die Tour geht über die Rendsburger- zur Adlerstraße und endet an einem zehn Zentimeter hohen Bordstein. Kein Rüberkommen hier. Bornheimer: „Dafür muss man fast 30 Meter weiterrollen, wo es die erste Absenkung gibt.“ Auch die unbeabsichtigte Ignoranz von Verkehrsteilnehmern trägt zum Problem bei. Bestes Beispiel ist der Behindertenparkplatz an der Eiche mit extra viel Platz links, zur Fahrerseite, um mit einem Rollstuhl zu hantieren – wenn nicht ausgerechnet dort ein Auto stehen würde. „Die Leute denken nicht darüber nach, müssen immer wieder sensibilisiert werden.

 In Wahlstedt sieht es genau so aus wie überall – auf keinen Fall schlimmer“, ist Bornheimer sicher. Doch auch auf Barrierefreiheit angewiesene Menschen müssten sich mehr in der Stadt einbringen, betont sie.

Info

23363 Männer und Frauen im Kreis Segeberg haben einen Schwerbehindertenausweis, das heißt ihr Behinderungsgrad liegt bei über 50 Prozent.

57881 Menschen, die im Kreis Segeberg leben, sind 65 Jahre alt oder älter. (Quelle: Statistikamt Nord. Stand: 2015).

Die Behindertenbeauftragte Wahlstedts hat jeden dritten Mittwoch im Monat (15 bis 17 Uhr) Sprechstunde in der Lebenshilfe-Kita an der Poststraße.

 Heike Hiltrop

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