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Segeberg Betriebe öffnen sich für Geflüchtete
Lokales Segeberg Betriebe öffnen sich für Geflüchtete
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20:35 06.02.2018
Thomas Kenntemich (Arbeitsagentur), Landrat Jan Peter Schröder, Jörn Giesecke (Fachdienst Asyl des Kreises), Patrick Bareiter (IHK), Marlies Rathsack (Migrationsbeauftragte der Arbeitsagentur), Heinz Sandbrink (BBZ), Fatih Sengenc (BBZ), Stefan Stahl (Jobcenter) und Carsten Bruhn (Kreishandwerkerschaft, v.l.). Quelle: Foto: Ibu
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Bad Segeberg

Bei der Auftaktveranstaltung im vergangenen Jahr waren 16 Firmen dabei, für die zweite Messe haben sich bereits 25 angemeldet. „Und wir sind noch nicht oben angekommen“, sagt Thomas Kenntemich, Vorsitzender der Arbeitsagentur Elmshorn, die für den Kreis Segeberg zuständig ist. „Ich möchte dafür werben, die betriebliche Integration als Chance zu sehen und nicht als Schwierigkeit.“ Leider habe sich noch kein Unternehmen aus dem Gastronomiebereich angemeldet. „Die Lücke möchten wir gern schließen.“

Kleine und mittelständische Unternehmen haben kaum eine Wahl, ihnen gehen die Fachkräfte aus. Dass es funktionieren kann, zeigt das Ergebnis der ersten Messe – fast alle Betriebe haben einen Praktikumsplatz besetzt. „Der Fachkräftemangel ist da, und das nicht erst seit gestern“, sagt Patrick Bareiter, Flüchtlingskoordinator bei der Industrie- und Handelskammer (IHK). Es sei schwer, geeignete Bewerber zu finden. „Den Pool an Geflüchteten wollen wir ausnutzen, um sie zu den Fachkräften von morgen zu machen. Die Messe ist eine schöne Gelegenheit, die Menschen mit den Betrieben zusammenzubringen.“ Wie er berichtet, haben im Kammerbezirk im Jahr 2016 55 Geflüchtete eine duale Berufsausbildung gemacht, 2017 waren es bereits 150. „Wir erwarten, dass diese Kurve weiter ansteigt“, so Bareiter.

Betriebe könnten ihre Stellen teilweise nicht mehr besetzen und müssten Aufträge verschieben oder gar ablehnen, berichtet auch Carsten Bruhn, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Mittelholstein.

Das erste Ziel sei es, Geflüchtete in eine duale Ausbildung zu bringen, um für Nachwuchs zu sorgen. „Wir haben schon eine Vielzahl an positiven Beispielen“, sagt er. „Die Betriebe öffnen sich zunehmend für diese Idee.“

„Wir können uns die Fachkräfte nicht schnitzen“, sagt Stefan Stahl, stellvertretender Leiter des Jobcenters im Kreis Segeberg. Soll heißen: Das Potenzial, das es gibt, nutzen. Der Anteil der Geflüchteten, die Leistungen beziehen, sei im vergangenen Jahr gestiegen; er macht derzeit 21 Prozent aus. „Das ist ein großer Teil, um den wir uns kümmern“, sagt Stahl. Die Bildungssysteme der Herkunftsstaaten seien mit dem deutschen wenig vergleichbar, die Menschen seien sehr unterschiedlich, die meisten ohne formalen Berufsabschluss. Aber: Hunderte sind in der Region schon auf dem Arbeitsmarkt angekommen, und so soll es weitergehen. „Nach dem Sprint der Unterbringung kommt der Marathon der Integration“, sagt Landrat Jan Peter Schröder. „Wir sind überzeugt davon, wenn diese Menschen Steuern und in die Sozialversicherungen einzahlen, dass sie einen Teil unseres Problems mit lösen können“, meint Arbeitsagenturchef Thomas Kenntemich. „Das kann deshalb gut gelingen, weil die Geflüchteten meist jung sind. Und bereit, sich auf Neues einzulassen.“ Etwa zwei Drittel aller Registrierten sind unter 35 Jahre alt, ein Viertel unter 25 Jahre. „Also in jugendlichem Alter, da geht noch was. Sie sind motiviert und lernwillig.“ Die Zahlen zeigen, dass es vorangeht, wenn auch langsam: „Wir nehmen nach eineinhalb Jahren wahr, dass 38 Prozent sprachliche Grundkenntnisse und 18 Prozent erweiterte Kenntnisse haben. Aber Sprache allein reicht nicht, Integration erfolgt durch Praktika, Ausbildung und Arbeit.“ Mehr als 200 Menschen wurden im vergangenen Jahr in Ausbildung und Arbeit gebracht. „Ich finde das sensationell. Und das macht Mut, dass es geht“, so Kenntemich.

Vorbereitet und begleitet werden die Geflüchteten unter anderem am Berufsbildungszentrum (BBZ) in Bad Segeberg. Es sei wichtig, sagt dessen Leiter Heinz Sandbrink, dass für sie die „Förderung durch Forderung“ wie für alle anderen gelte; das System der Leistungen dürfe nicht als Selbstverständlichkeit verstanden werden.

Dass die Betriebe die Herausforderung zunehmend annehmen, hat auch einen ersten Schneeballeffekt: Die ersten integrierten Azubis kommen zur Ausbildungsmesse am 14. Februar. „Sie sind eine große Hilfe“, sagt Carsten Bruhn. „Sie geben Infos zum Alltag aus erster Hand.“ 200 Schüler sind bisher zur Ausbildungs- und Berufsmesse angemeldet. Sie kommen aus Kursen und Daz-Klassen oder werden von Helferkreisen vermittelt. Weitere Anmeldungen sind herzlich willkommen.

Betriebe aus Handwerk, Handel und Industrie informieren

5000 Geflüchtete sind seit 2013 in den Kreis gekommen.

1800 sind derzeit bei Arbeitsagentur und Jobcenter registriert. 218 Menschen hat die Agentur 2017 in Ausbildung und Arbeit gebracht. 384 wurden vom Jobcenter integriert.

Die Berufsmesse hat das Motto „Geflüchtete integrieren, Fachkräftebedarf sichern“. Die Messe findet von 10 bis 13 Uhr in der Kreissporthalle, Burgfeldstraße 39b, statt. Weitere Teilnehmer sind willkommen. Betriebe melden sich über die Kammern an, Klassen über das BBZ. Besucher sollten ihren Lebenslauf in mehrfacher Ausführung dabei haben. Es gibt Infos über Berufe, Qualifikationen, Voraussetzungen und Bewerbungstraining.

Irene Burow

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