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Segeberg „Bodenbelag-Affäre“ führt zu Umzugs-Karussell beim Kreis
Lokales Segeberg „Bodenbelag-Affäre“ führt zu Umzugs-Karussell beim Kreis
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01:01 13.06.2018

In die nun frei werdenden Räume der Burgfeldstraße 41a soll Ende des Monats der Fachdienst „Kita, Jugend, Schule und Kultur“ einziehen. Und das Jugendamt, das zurück im Haus B, Hamburger Straße 30, unterkam, soll wieder im Kreishaus zusammengeführt werden. Mittlerweile würde es sich für den Kreis lohnen, ein eigenes Amt „Umzüge und Logistik“ mit kreiseigenen Möbelpackern zu etablieren.

Wieder packen! Nachdem in der Kreis-Außenstelle in der Rosenstraße wegen des angeblich krankmachenden Kautschuk-Belags, ein Jahr nach dem Einzug das Jugendamt flüchtete, zieht hier nun das Gebäudemanagement ein. Der teure Kautschuk flog raus, dafür kam Nadelfilz.

Nun haben die Ausdünstungen des Kautschuk-Bodens in der Rosenstraße einen langen Rattenschwanz an Folgekosten und Verdruss nach sich gezogen. Dabei sei dieser Belag ursprünglich ausdrücklich von den Jugendamt-Mitarbeitern gewünscht worden, weil er „wischbar“ sei und ihm ein relativ geringes allergenes Potenzial nachgesagt wird, teilte der Kreis auf Anfrage mit. Man ließ sich nicht lumpen, doch wie berichtet litten Mitarbeiter nach dem Einzug in das Bürogebäude in der Rosenstraße unter Kopfschmerzen und Augenbrennen. Eine Kollegin musste gar mit zugeschwollenem Gesicht in die Notaufnahme, berichtetet eine Mitarbeiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Migräneanfälle nahmen zu, Krankschreibungen häuften sich. Die Symptome bei den Kollegen waren ähnlich, zugeschrieben wurde das dem Gummi-Geruch, den der frisch verlegte Boden verströmte. Dabei werde dieser Bodenbelag häufig in Arztpraxen und Kliniken verwendet, teilt der Kreis mit. „Auch in Kitas “, ergänzt auf Nachfrage ein Mitarbeiter der Bodenbelag-Firma. Der leichte Geruch verschwinde nach einem Jahr, wenn man lüfte. Die Kautschukbeläge hätten sogar den „Blauen Engel“, seien mithin umweltfreundlich.

„Allerdings sind Allergien individuell vorhandene Sensibilitäten, die unterschiedliche Reaktionen in unterschiedlichen Ausprägungen hervorrufen können“, zeigt man beim Kreis Verständnis. Den LN zugetragene Informationen, dass auffällige Formaldehyd gemessen worden seien, bestätigte die Kreisverwaltung nicht. „Die vorgeschriebenen Grenzwerte sind aber zu keiner Zeit überschritten worden“, sodass der Kreis keine Handhabe hatte, eine Kostenerstattung durch den Hersteller zu verlangen. „Für MitarbeiterInnen, die krank wurden oder sich beeinträchtigt fühlten, wurden zeitnah Ersatzarbeitsplätze in der Hamburger Straße bereitgestellt – ohne die Nachweispflicht einer Erkrankung.“

Der teure Kautschukbelag wurde nach einem Jahr wieder herausgerissen. Den LN wurde von einem Mitarbeiter, der nicht genant werden möchte, Kosten von 80000 Euro plus dem neuen Nadelfilzboden mit 20 000 Euro genannt. „Einfach aus dem Fenster geschmissen.“ Der Summe widersprach Kreissprecherin Sabrina Müller. Mit der Verlegung des Kautschukbelages seien Kosten „in Höhe von maximal 50 Prozent des genannten Betrages“ entstanden.

Doch inzwischen ist man sich bei einigen Jugendamtmitarbeitern gar nicht mehr sicher, dass es nur der Kautschukbelag war, der die rasenden Kopfschmerzen auslöste. Das stillgelegte Asphaltwerk in der Nachbarschaft gerät in den Fokus. Nach den LN vorliegenden Unterlagen hat es anfangs in nichtöffentlichen Sitzungen Bedenken gegeben, das Bürogebäude Rosenstraße 28 zu erwerben. Denn aufgrund der Lärm- und Staubimmissionen des Asphaltwerkes nebenan gab es an einer Eignung des Objektes „zum Schutz“ der Kreismitarbeiter Zweifel. „Die Verkäufer haben bis zum heutigen Tag nicht zweifelsfrei eine Immissionsfreiheit innerhalb des Gebäudes nachweisen können, so dass seitens der ISE und des Kreises von einem Ankauf der Liegenschaft abgeraten wird.“

Doch im Mai 2016 wurde Entwarnung gegeben. Der Betrieb des Werkes sei komplett eingestellt, jetzt könne die gesamte Liegenschaft sogar „im Paket“ für rund 1,5 Millionen Euro gekauft werden. Auf Nachfrage teilte die Kreissprecherin mit, dass Bodenuntersuchungen auf dem Gelände an der Rosenstraße mehreren belastete Bereiche ergaben. „Unter fachlicher Begleitung wurde zwei davon im Frühjahr 2017 saniert.“ Die verbliebenen zu sanierenden Bereiche stellten laut Gutachten aktuell keine Gefahr für Menschen und Grundwasser dar. Hier möchte der Kreis übrigens sein 18-Millionen-Euro-Komplex verwirklichen – für bis zu 167 Arbeitsplätze.

Jugendamt fühlt sich zerrissen

Beklagt wird von Mitarbeitern des Kreis-Jugendamtes, die nach den Krankheitsfällen in der Rosenstraße wieder im Kreishaus unterkamen, das jetzt eine Arbeit mit Kollegen, die über mehrere Stockwerke verteilt seien, kaum möglich sei. Es gäbe keine Besprechungsräume für sensible Gespräche mit Familien, der Frust unter Mitarbeitern sei groß. Inzwischen habe eine Kollegin auch schon gekündigt. Der Kreis teilt mit, dass man in der Stadt Wahlstedt zusätzliche Flächen angemietet habe, um der aktuellen Situation des Fachdienstes „Sozialpädagogische Hilfen“ des Jugendamtes Rechnung zu tragen.

 Wolfgang Glombik

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