Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Brutaler Raub durch falsche Paketboten in Norderstedt
Lokales Segeberg Brutaler Raub durch falsche Paketboten in Norderstedt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
01:32 12.06.2018
Am Landgericht Kiel soll in der nächsten Woche das Urteil fallen.
Anzeige
Norderstedt

Bis zu eine Million Euro aus einem Tresor erhofften sich drei Räuber als Beute ihres Überfalls auf eine Norderstedter Unternehmerfamilie kurz vor Weihnachten 2017. Gestern räumte der 22-jährige Angeklagte im Prozess vor dem Kieler Landgericht ein, zwei Komplizen in einem Kleintransporter zum Tatort gefahren zu haben. Während einer der Komplizen, ein 39-jähriger Moldawier, mit ihm auf der Anklagebank sitzt, gelang dem dritten Täter damals die Flucht. Bis heute konnte der Mann nicht gefasst werden.

Als Paketboten getarnt, klingelten die Männer am Abend des 20. Dezember an der Tür des Einfamilienhauses und verschafften sich mit diesem Trick Einlass. Die 19-jährige Tochter berichtete gestern, wie zwei Männer unten im Flur ihre Mutter niederschlugen, während sie sich selbst im Obergeschoss in ihr Zimmer einschloss. Die Mutter bot den Vermummten 95 Euro aus ihrem Portemonnaie an. Sie wurde zu Boden gestoßen, gefesselt und geknebelt.

Mit einem Elektroschocker bewaffnet, stieg einer der Täter die Treppe hoch, rüttelte und hämmerte an der Zimmertür der 19-Jährigen. Die Schülerin sprach bereits am Smartphone mit der Polizei, während der Mann die Tür aufbrach. „Er drückte mir den Taser in die rechte Seite“, berichtete die Zeugin gestern vor Gericht. Sie habe einen dumpfen Stromstoß gespürt, „bis ich ruhig war“. Schmerzhaft sei der Schlag nicht gewesen, aber unangenehm.

Bis heute ist die junge Frau „einfach nur sauer“ darüber, was die Räuber ihrer Mutter angetan haben: Die Täter brachen der zierlichen Gastronomin einen Halswirbel. „Sie hätte sterben können“, zitierte die Tochter gestern einen behandelnden Arzt. Neun Tage lag die 50-Jährige im Krankenhaus. Nach der Operation habe sie einen Monat lang starke Schmerzen gehabt, gab die 50-Jährige gestern an.

Fast noch schwerer wiegen die psychischen Folgen: Seit dem Vorfall leide sie unter Angstzuständen und Albträumen. Ihr früher unauffälliger Blutdruck habe sich seit dem Vorfall auf 200 eingependelt.

„Wenn es dunkel ist oder ich allein zu Hause bin, habe ich ständig Angst“, sagt die Zeugin. In ihrem eigenen Haus fühle sie sich nicht mehr sicher.

Nach Aussage ihres Ehemanns (51) wurden nie größere Bargeldbeträge im Haus gehortet. Wie die Täter auf die Idee kamen, dort sei etwas zu holen, sei ihm ein Rätsel, sagte der Gastronomie-Unternehmer.

Zwar besitze man tatsächlich einen Tresor. Doch der sei seit Jahren defekt und diene nur noch als Ständer für ein TV-Gerät.

Wie der Kaufmann berichtete, hatte er seine Familie noch am Tag vor dem Überfall vor falschen Polizeibeamten und Postboten gewarnt. „Wir hatten darüber in der Zeitung gelesen.“ Im Bekanntenkreis habe es damals zudem mehrere Einbrüche gegeben. Man sei deshalb besonders vorsichtig gewesen.

Doch die Ehefrau war arglos, als sie nach dem Klingeln an der Tür den Mann mit Paket auf dem Bildschirm der Überwachungsanlage sah. Ihre Tochter bestellte gelegentlich Waren bei Internetversendern.

Die Tatzeit kurz vor Weihnachten war geschickt gewählt. Zudem hatten die falschen Zusteller ihrem Kleintransporter ein neutrales Aussehen verpasst, indem sie das Logo des Vermieters mit Folie überklebten.

„Ich habe die Tür ganz langsam einen kleinen Spalt aufgemacht“, berichtete die 50-Jährige. Sofort wurde sie von dem „Paketboten“ zurück ins Haus geschoben und zu Boden gebracht. „Vor lauter Angst habe ich überhaupt keinen Schmerz gespürt“, sagt die 50-Jährige. „Ich wusste nicht, dass ich mir den Hals gebrochen hatte.“

Die Entschuldigungsversuche der Verteidigung verbat sich die Zeugin gestern energisch. „Nein!“, wehrte sie sofort ab. „Ich will das nicht hören.“ Die Angeklagten machten betroffene Gesichter, einer wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Bei der Fortsetzung will die Kammer die Videos der Überwachungsanlage sichten. Das Urteil könnte Mitte kommende Woche verkündet werden.

 Von Thomas Geyer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige