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Bürgerprotest plötzlich in der Hand der Rechten

Boostedt Bürgerprotest plötzlich in der Hand der Rechten

Eine Demo gegen die Erweiterung der Erstaufnahme in der Kaserne in Boostedt wurde wegen radikaler Anfeindungen abgesagt. Die Facebook-Gruppe ist jetzt in NPD-Hand.

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Vor zweieinhalb Wochen demonstrierten Bürger vor einer Informationsveranstaltung in Boostedt. Die Bürgerinitiative steht in ablehnender Haltung zu Rechten Gruppierungen, sagt Dietmar Kühl.

Quelle: Lutz Roeßler

Boostedt. „Die Geister, die ich rief“ — ein geflügeltes Wort, das derzeit häufig verwendet wird in Boostedt. Der Protest einiger besorgter Bürger gegen die Erweiterung der Erstaufnahme in der Kaserne läuft aus dem Ruder und wird zunehmend von rechten Gruppen missbraucht. Eine inzwischen geheime Facebook-Gruppe zur Organisation einer Demonstration wird inzwischen vom stellvertretenden Landesvorsitzenden der NPD geführt. Neuer Name: „Boostedt wehrt sich“. Zuletzt waren über 1000 Mitglieder darin versammelt.

Alles begann mit einer Versammlung vor einer Einwohnerinformation zur Erweiterung der Erstaufnahme für Flüchtlinge in der Kaserne vor zweieinhalb Wochen. „Wie viele Flüchtlinge verkraftet Boostedt?“, fragte Dietmar Kühl, einer der Organisatoren, damals auf Plakaten. Gleichzeitig zeigte man „Angst vor radikalen Übergriffen“ — und auf der Straßenseite gegenüber standen die ersten NPD-Anhänger, darunter Mark Michael Proch, NPD-Stadtrat aus Neumünster. Auch die Alternative für Deutschland (AfD) rief zur Teilnahme an der Demo über Facebook auf. Die Erweiterung bedeute den „Kollaps für diese blühende und friedliche Gemeinde“.

Noch am selben Abend kündigte der Boostedter Thorsten Gäbel eine Bürgerdemo an, gründete eine Facebook-Gruppe, um Teilnehmer zu generieren. Binnen kürzester Zeit zählte sie über 1400 Mitglieder. Doch die Geschichte wuchs dem Versicherungsmakler schnell über den Kopf. Ein Organisatorentreffen wurde abgesagt, die Demo abgeblasen. Er sei bedroht worden von rechten Kräften, begründet Gäbel seinen Austritt aus der Gruppe. Versuche, rechtsradikale Kommentare zu löschen und die Autoren zu blockieren, resultierten in Anfeindungen. „Die Kommentare gingen in Richtung Pegida“, so Gäbel. „Ich bin komplett gegen Pegida.“ Er habe einen friedlichen Protest gewollt. Eine unpolitische Veranstaltung sollte es werden. Doch nun ist ausgerechnet Jörn Lemke, stellvertretender Landesvorsitzender der NPD, einziger Administrator der Gruppe.

Auf einem Screenshot von Freitagabend ist zu sehen, dass Gäbel die Administratorrechte an Lemke abgegeben hat. Gäbel bestreitet dies, behauptet, dass Facebook die Verwaltungsrechte für die Gruppe weitervergeben hat. Er ärgere sich schwarz darüber, dass Lemke sich in die Gruppe eingeschlichen habe. In Lemkes Facebook-Profil sei dessen NPD-Tätigkeit nicht ersichtlich gewesen. Nachdem er davon erfahren habe, seien alle Mitglieder von ihm aufgefordert worden, aus der Gruppe auszutreten, so Gäbel. Sein Versuch, Lemke zur Löschung zu bewegen, scheiterte, er habe sich inzwischen an Facebook gewandt. Bisher erfolglos. Die Gruppe wurde derweil zu „Boostedt wehrt sich“ umbenannt. Am Wochenende zählte sie noch über 1000 Mitglieder.

„Das sind die Geister, die man ruft“, kommentiert Boostedts Bürgermeister Hartmut König. Er habe den Staatsschutz informiert. Solange jedoch keine Demo angemeldet wird, mache er sich keine allzu großen Sorgen darüber. 1000 Mitglieder, „das mag eindrucksvoll sein, doch ich stelle in Abrede, dass diese Zahl alleine aus Boostedt kommt“. Beunruhigend sei aber, dass die Situation in Boostedt von rechten Kräften ausgenutzt werde.

König hat Verständnis, wenn sich die Bürger wegen der hohen Zahl der Flüchtlinge Sorgen machten. Auch er habe Angst, dass die Willkommenskultur überfordert werden könnte. Eine Beschränkung der Flüchtlinge in Boostedt auf 1000 plus einen Puffer von 500 fordert die neue Bürgerinitiative um Dietmar Kühl, der außerdem im Landesvorstand der Partei Alfa (Allianz für Fortschritt und Aufbruch) tätig ist, ein Ableger der AfD. Statt einer Demo hat Kühl ein Gespräch mit dem Bürgermeister vereinbart. „Ich werde mir die Argumente anhören“, so König. 2500 Flüchtlinge in der Kaserne seien eine „harte Nummer, aber ich möchte nicht, dass jemand draußen erfriert.“

Hier können Sie helfen
Wer sich für Flüchtlinge engagieren möchte, aber nicht weiß wie, kann sich an Leeza Lorenz wenden. Zu erreichen ist sie unter ☎ 04551/951762 oder per E-Mail:
Leeza.Lorenz@kreis-se.de
Weitere Kontakte:

Wahlstedt: E-Mail: fluechtlinge@wahlstedt.de
Trappenkamp: Harald Krille, ☎ 04323/91 4116
Amt Itzstedt: Silke Telemann, ☎ 04535/509-174.

Amt Leezen: Holger Pirdzuhn, ☎ 04552/997727.

Verein „Alleineinboot“: E-Mail info@alleineinboot.com; Internet: www.alleineinboot.com
DRK-Kreisverband Segeberg, Telefon 04551/99211, www.drk-segeberg.de; info@drk-segeberg.de
Technisches Hilfswerk (THW), Ortsverband Bad Segeberg, Tel.: 0174/ 4119965, E-Mail info@thw-se.de, www.thw-se.de
Verein Willkommen in Boostedt, E-Mail: info@willkommen-in-boostedt.de; Internet: www.willkommen-in-boostedt.de
Bartholomäus Kirchengemeinde Boostedt, Arbeitskreis Flüchtlingspartnerschaft, E-Mail: Fluechtlinge@Kirche-Boostedt.de

Nadine Materne

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